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Raumklänge im Wolkenturm

Open-air-Bühne im Park von Schloss Grafenegg bei Wien/A

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BetonskulpturenBewehrungFertigteileFugenOrtbetonTitandioxyd

Architektur

the next ENTERprise - architects, Wien/A

Bauherr

Land Niederösterreich

Projektbeteiligte

Land in Sicht, Wien (Landschaftsplanung); Ingenieurteam Bergmeister, Josef Taferner, Brixen (Tragwerksplanung); Alpine-Mayreder Bau GmbH, Salzburg (Bauunternehmung); MEVA Schalungs-Systeme GmbH, Haiterbach (Schalungstechnik)

Jahr

2007

Ort

Wien/A, Park Schloss Grafenegg

Besonderheiten

trotz hohem Bewehrungsanteil außergewöhnlich dünnwandige Betonfiguren, scharfkantige Bauteile, 2 x 1 m großes Fugenbild mit exakt positionierten Ankerlöchern, Zuschauertribüne aus hellem Betonfertigteilen mit gewaschener Oberfläche

Beschreibung

Direkt vor den Toren Wiens ist Schloss Grafenegg mit seinem Zuckerbäckerstil des romantischen Historismus und einem 30 Hektar großen Park seit Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel. Zusätzlich zieht ein ambitioniertes Kulturprogramm jedes Jahr Tausende Besucher in die Anlage. Nun will sich Grafenegg auch international als Kulturstandort etablieren, zwei neue Bühnen wurden dafür in Auftrag gegeben. Ein Konzertsaal von den Dortmunder Architekten Schröder Schulte-Ladbeck, der im kommenden Frühjahr eröffnet werden soll, und eine Open-air-Bühne von the next Enterprise, die seit dem Sommer alle Blicke auf sich zieht. Ein Freiluftpavillon der besonderen Art, was auch schon sein Name erahnen lässt: Wolkenturm.

Expressiv gefaltet schiebt sich der Pavillon in den Parkhimmel. Er ist Landmarke, Skulptur, Open-air-Bühne und Verweilort zugleich. Entworfen haben ihn das Wiener Architekturbüro the next Enterprise zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Thomas Proksch von Land in Sicht. Die Architekten spielten beim Entwurf mit den Gestaltungsprinzipien des Landschaftsgartens, dem Inszenieren von Blicken, dem Spiel mit Perspektive und Blickbeziehungen, mit Enge und Weite sowie dem gezielten Rahmen und Verbergen von Attraktionen. Was in historischen Gartenanlagen meist durch geschwungene Wegeführungen erzielt wurde, erreichen die Architekten in Grafenegg durch eine Schneise, die sie ins Gelände schneiden. Diese spannt eine Blickachse von der Reitschule zum Schwarzen Tor und führt den Besucher unter einem künstlichen Hügel hindurch in eine Senke. Nach der Enge der Passage weitet sich der Blick auf die Open-air-Bühne.
Ausgehend von den akustischen Grundregeln einer Freiluftbühne – wie man sieht, so hört man –, sind die Zuschauerplätze muschelförmig um den Pavillon angeordnet. 1.670 Besucher finden hier auf Betonfertigteilstufen, die bei Konzerten mit Sitzpolstern belegt werden, Platz. Die Tribüne schmiegt sich in die natürliche, von den Architekten um zusätzliche 1,50 Meter vertiefte, Mulde, ihre Ränder gehen fließend in die umgebende Rasenfläche über. Ihr gegenüber steht die expressive, 23 Meter hohe Open-air-Bühne, eine scharfkantig gefaltete Skulptur aus Beton mit stählerner Spitze, die bis auf die Höhe der Baumwipfel reicht. Wie eine weitere Baumkronen schwebt diese über der Landschaft und spiegelt in seiner schimmernden Oberfläche Himmel und Bäume, worauf der Name des Pavillons anspielt. Beim Spaziergang durch den Park kann man sie immer wieder durch die Baumkronen blitzen sehen. Im massiven unteren Teil der Skulptur befinden sich hinter der großen Klangmuschel der Bühne die Aufenthalts- und Sanitärräume der Künstler, ein Klavierdepot und Technikräume.
Die extravagante Form des Turms ergab sich aus einer Analyse der Blickachsen, etwa zwischen dem Tor und dem Schloss. Daraus entstanden Liniengeflechte, die in die dritte Dimension transformiert wurden, so die Architektin Marie Therese Harnoncourt von the next Enterprise. Kein 08/15-Bau, das will er aber auch gar nicht sein. Sondern eher ein markantes Element, das den Park neu strukturiert und immer wieder unerwartete Ansichten von verschiedenen Perspektiven aus bietet, ein Ort, der Spaziergängern als Ziel dient, aber auch ein Ort, an dem man ausruhen und ungezwungen „sein Jausenbrot“ essen kann.

Beton

Wer die Architekten und ihre expressiv gefalteten Projekte kennt, weiß, dass die Realisierung immer mit hohen Anforderungen an die beteiligen ausführenden Firmen verbunden sind. So auch in Grafenegg: Das Beton- und Ankerbild war genaustens vorgegeben und die die Vielzahl an Sprüngen in den Mauerstärken und Einlagen erforderten höchste Sorgfalt bei der Herstellung aller scharfkantigen Bauteile. Für alle Bauteile wurden Schalungspläne auf 3D-Basis erstellt und mussten vor Ausführung durch die Architekten freigegeben werden. Als Schalungssystem kamen Mammut-Rahmenroste zum Einsatz, die zu 2,00 m breiten Einheiten verbunden und mit 3S-Platten 200 x 100 belegt wurden. Sehr große Wandhöhen bis 10,00 m und die daraus resultierenden hohen Betondrücken erforderten eine Ankerung mit DW 20,0 Ankerstäben. Die großteils schräg stehenden Wände wurden zumeist mit Triplex-Stützen eingerichtet. Die Elementbreiten von 2,00 m mit solider, robuster Rahmenschalung anstelle von Holzträgerschalung bringen viel Flexibilität und hohe Reserven beim Betonieren. Wichtig für die aus den sehr hohen Wänden resultierenden hohen Betondrücken. Der hohe Bewehrungsanteil von bis zu 380 kg/m³ Beton und die außergewöhnlichen, dünnwandigen Betonfiguren erforderten auch beim Betonieren und Verdichten große Sorgfalt. Im Zweischichtbetrieb wurde 18,5 Stunden täglich von 5.00 Uhr bis 23.30 Uhr gearbeitet, um einen extrem knappen Zeitplan einhalten zu können. Das von den Architekten geforderte 2 m breite und 1 m hohe Fugenbild mit exakt positionierten Ankerlöchern erforderte dabei nicht nur technische Kreativität, sondern auch laufende Abstimmung vor jeder Betonage.

Auch für die Herstellung der Tribünenanlage waren die Anforderungen des Architektenduos Harnoncourt und Fuchs sehr hoch. Bereits bei der Planung wurde sichtbar, wie schwierig es sein würde Wünsche und Möglichkeiten zu vereinen. Die Kombination von Lagerung der Tribüne auf Ortbetonwänden und Fertigteilzahnrampen erforderten ein exaktes dreidimensionales Planen.
Ein zeitintensives Problem stellte dabei die Entscheidungsfindung dar, welche Bereiche der Winkelstufen gewaschen beziehungsweise sandgestrahlt werden sollten. Nach einigen Mustern konnte schließlich die richtige Kombination von glatten und gewaschenen Flächen gefunden werden. Die ursprünglich ausgeschriebenen Winkelstufen mit sandgestrahlter Oberfläche wurden auf gewaschene Oberflächen umgedreht. Laut Ausschreibung war eine Beimischung von 6 kg/m³ Titandioxid (weiße Farbpigmente) im Beton gefordert. Ziel war es, den Tribünenbereich „aufzuhellen“ und so vom dunkleren Bühnenbereich („Conragresszement“) abzuheben. Es zeigte sich jedoch schnell, dass mit der Beimengung von Farbpigmenten nicht der gewünschte Erfolg erzielt werden konnte, selbst mit doppelter Dosierung. Auch die Fertigteile mit Weißzement herzustellen, wurde zwar angedacht, aber schnell wieder verworfen. So wurde schließlich mit helleren Gesteinskörnungen und Gesteinsmehl gearbeitet.
Da jede Tribüne quasi ein Einzelstück ist, war der Schalungsaufwand extrem hoch, dazu noch das individuelle Einstreichen jener Bereiche, die nach dem Betonieren gewaschen wurden. Die filigranen Öffnungen für Beleuchtung und Entwässerung stellten zu Beginn der Produktion ein Problem dar, das aber relativ rasch gelöst werden konnte. Eine weitere Herausforderung fand sich der geforderten Farbgleichheit. Die unterschiedlichen Materialkomponenten, die produktionstechnischen Rahmenbedingungen und die äußerlichen Umwelteinflüsse ließen die Forderung nach Farbgleichheit fast unmöglich erscheinen. Um dies bestmöglich in den Griff zu bekommen, war ein gleichmäßiges, durchgehendes Betonieren erforderlich. Lange Abstände beim Produzieren der einzelnen Teile wurden vermieden.
Neben der schon erschwerenden Tatsache, dass Fertigteile in Sichtbetonqualität wie mit Samthandschuhen behandelt, transportiert und versetzt werden mussten, war bei der Montage die begrenzte Manipulationsfläche auf der Baustelle ein Problem. Da beim Versetzen schon fast die kompletten Ortbetonwände betoniert beziehungsweise kurz vor der Fertigstellung waren, war der Aktionsradius für den Mobilkran äußert gering. Für das Versetzen der Winkelstufen wurde eine eigene „Versetzgabel“ gebaut. Eine große Herausforderung stellte die Montage der Osttribüne dar. Jede Reihe bestand aus zwei Fertigteilen, die aufgrund statischer Notwendigkeiten nur gemeinsam versetzt werden konnten. So musste mit zwei Autokränen synchron gearbeitet werden. Die auf Gehrung ausgeführten Profilstufen wurden nach dem Versetzen mittels SikaGrout ausgegossen.

Quelle

Bilder und Textmaterial mit freundlicher Genehmigung von opuc C | 5.2007

Bildnachweis: opus C / Meva / Trepka

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