Wohnung IDK Köln
Best of Bestand
Architektur
DEMO Working Group
Bauherr
privat
Projektbeteiligte
keine Angaben
Jahr
2022
Ort
Köln
Konstruktionsmerkmale
Umbau eines Bestandsbaus aus den 1970er Jahren in Fertigteilbauweise
Besonderheiten
Gestalterische Nutzung Bestandsbeton, flexibles Schiebewandsystem
Auszeichnungen
Kölner Architekturpreis 2024
Architekturpreis Nordrhein-Westfalen 2024
Shortlist BDA-Architekturpreis Nike 2025
Beschreibung
Gute Lage, eine gewisse Quadratmeteranzahl und bezahlbar – Wohnungsangebote dieser Art sind rar, vor allem in der Großstadt. Und doch fand die Bauherren-Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder – vor einigen Jahren in Köln genau diese seltene Konstellation aus Lage, Fläche und Preis. Es handelte sich um eine Wohnung in einer Großstruktur aus den 1970er Jahren, sehr innenstadtnah, allerdings mit den typischen kleinteiligen Raumstrukturen jener Ära. Der Kaufpreis: Ein Schnäppchen.
Doch wie lässt sich nun eine Wohnung aus dieser Zeit so umwandeln, dass sie heutigen Ansprüchen gerecht wird? Die Bauherrschaft scheute die Auseinandersetzung mit dem wenig charmanten Bestand nicht und ließ sich dabei in Planung und Umsetzung von der DEMO Working Group unterstützen. Die grundsätzliche Überlegung: Wie können die Eigenschaften des Bestands nicht als zu behebendes Problem, sondern als Element der Lösung in die Planungen einfließen? Die Fakten sprachen dafür, sind diese Bauten doch strukturell durchdacht, gut proportioniert und funktional – auch auf kleinerer Fläche.
Aber da war noch mehr als das Potential der Kompaktheit. In der Zeit ihrer Erbauung wurden die Großstrukturen als zukunftsweisend wahrgenommen. Hier setzten Thorsten Pofahl und sein Team von DEMO Working Group an. Ihre Strategie für den Umbau: diese Sichtweise zurückholen, sie zeitgemäß einspielen in den Bestand. Deshalb entschied man sich nicht nur für eine sachliche Sanierung, sondern für eine, die eine selbstbewusste Haltung ausstrahlt. So ist beispielsweise der grüne Marmorboden nicht Schönheitskosmetik, sondern ein klares Statement: Dies hier ist nicht prekäres Wohnen, sondern bewusste Gestaltung.
Das spiegelt sich auch in der Lösung der Raumfrage. Wie kann man auf wenigen Quadratmetern leben, ohne auf Großzügigkeit zu verzichten? Pofahl und sein Team von DEMO Working Group entschieden sich für ein radikales Konzept: Sie entfernten alle nichttragenden Wände aus der knapp 80 Quadratmeter großen Wohnung – und ersetzten sie durch Schiebewände, deren Konstruktionsprinzip und -material aus dem Maschinenbau kommt. Eigentlich werden damit Verpackungsmaschinen und Konstruktionsstraßen erstellt. Das System ist modular und war hier die Basis für Schiebewände, Einbauschränke, den Schacht rund um die entfernte Gästetoilette und sogar für die Küche: Alles entstand aus diesem flexiblen, leicht umkonstruierbaren System.
Im Ergebnis entstehen äußerst variable Beziehungen zwischen den Räumen. Die Kinderzimmer lassen sich untereinander oder mit dem Flur verbinden. Plötzlich öffnen sich Sichtbeziehungen zu drei Seiten, die Wohnung reagiert auf die jeweiligen Bedürfnisse der Bewohnenden und des Tagesprogramms. Selbst das Badezimmer wurde Teil dieses flexiblen Systems – was zunächst abwegig klang, erwies sich im Alltag als hochgradig funktional. Morgens, wenn alle gleichzeitig die Zähne putzen müssen, öffnet sich das Badezimmer zur Wohnung; wenn Privatheit gefragt ist, schließt man es ab.
Beton
Auch im Umgang mit dem Beton spiegelt sich die Haltung der Bauherrschaft und des Planungsteams, die Potentiale des Vorhandenen zu nutzen und gestalterisch in Szene zu setzen. Der reichlich vorhandene Bestandsbeton der Wohnung sollte nicht mehr wie bisher überdeckt werden, sondern erstmals zur Geltung kommen. Der entscheidende Schritt dahin war einer der ersten: Ein Sandstrahlunternehmen wurde beauftragt, die Betonflächen freizulegen. Nach zwei Tagen lagen alle Oberflächen – Estrich, Decke, Wände – in ihrem Rohzustand vor.
Die zunächst befürchteten Schäden blieben aus und die Oberfläche erwies sich als ästhetisch ansprechend. Durch das relativ grobe Sandstrahlen entstand eine porige und fast sandige Textur. Überall waren die Spuren des Gießens sichtbar – Stellen, wo sich der Beton stärker gelöst hatte, Kieselstrukturen, die im Licht besonders lebendig wirkten. Gleichzeitig blieben auch Spuren des Sandstrahlvorgangs selbst sichtbar, ein Beweis für das handwerkliche Tun. Der Beton wirkt nicht perfektioniert, sondern roh, charaktervoll und erzählend.
Eine glückliche Fügung ergab sich am Übergang zwischen zwei Schotten, an dem der Beton schlecht gegossen worden war: Eine Kante schien regelrecht zu zerbröseln – etwa sieben Achtel der Übergangsstelle zeigten diesen porösen Charakter. Nur ganz oben war das Material sauber. Man ließ den Sandstrahler so lange arbeiten, bis diese Oberseite denselben Zustand zeigte wie der untere Teil. Das Resultat ist eine Linie, die sich einerseits als gestalterische Geste lesen lässt, die aber vor allem von der radikalen Akzeptanz des Materials und seiner Entstehung zeugt.
Bei der Oberflächenbehandlung kamen unkonventionelle Lösungen zum Einsatz: im Badezimmer etwa eine transparente Versiegelung, die üblicherweise für Sichtbetonpools verwendet wird – Material also, das unter extremeren Bedingungen funktioniert als jede Badezimmernorm vorsieht.
Die fertigen Oberflächen zeigen kein schönes Material in klassischem Sinne – sondern Beton als Werkstoff, der sich für Veränderung bereit hält. Mit dieser selbstbewussten Offenlegung des Betons wird auch hier also der Bestand nicht als Problem betrachtet, das gelöst werden muss, sondern als Chance, die es zu ergreifen gilt.
Quelle
Bildnachweis: Fotografien: Jan Voigt / Pläne: DEMO Working Group
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