Handelszentrum 16 in Bergheim bei Salzburg
Lichtblicke für das Versandzentrum
Architektur
smartvoll, Wien
Bauherr
Handelszentrum 16 Projekt GmbH, Marco Sillaber
Projektbeteiligte
Tragwerksplanung: Marius Project, Salzburg
Bauunternehmen: Spiluttini Bau, St.Johann/Pongau
Jahr
2021
Ort
Bergheim bei Salzburg
Beschreibung
Warenströme sind ständig im Wandel. Mit Fortschreiten der Digitalisierung sind neue Knotenpunkte entstanden, während sich ältere Logistikzentren als ungünstig gelegen, zu klein oder nicht transformationsfähig erwiesen. Welchen Nutzen haben diese mehrere Hektar großen Gebäude noch? „Aus Räumen für Paletten werden Räume für Menschen“, so beschreiben Smartvoll Architekten den bis 2021 vollzogenen Umbau eines verlassenen Hallenkomplexes vor den Toren Salzburgs. Im Handelszentrum 16 befinden sich jetzt unter anderem Büros, Werkstätten und Sportstudios.
Rund 15 Autominuten nördlich der Salzburger Innenstadt, hinter einem bewaldeten Hügelrücken, liegt das Gewerbegebiet Bergheim. Hier, im Schatten des Plainbergs, befindet sich das etwa fünf Hektar große Hallenkonglomerat. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde es beständig erweitert und umgebaut. Die verschieden großen, mal länglichen, mal flächigen Gebäude sind so aneinandergesetzt, dass sie einen dichten Teppich ergeben. Nachdem das Versandunternehmen Universal 2002 seinen Standort verlassen hatte, standen die Gebäude leer. 2017 erwarb der Projektentwickler Marco Sillaber die Immobilie und engagierte Smartvoll Architekten aus Wien, mit denen er bereits beim Umbau der Panzerhalle in Salzburg zusammengearbeitet hatte (siehe Bauwerke zum Thema).
Planung für viele Nutzungsszenarien
Am leichtesten sind die Bauabschnitte aus der Vogelperspektive zu erkennen, anhand der abwechslungsreichen Dachlandschaft. In der Mitte fällt ein annähernd quadratisches, vollständig eingerahmtes Flachdach auf. Im Osten schließt hier die Halle 2 mit einem ausladenden Satteldach an, im Süden die deutlich kompaktere Halle 4. Beide dienten früher als Hochregallager und sollten nun mit neuem Leben gefüllt werden. Anfangs gab es jedoch kein konkretes Raumprogramm.
Während der Investor nach potenziellen Mieter*innen suchte, fand das Smartvoll-Team einen räumlichen Ausdruck für die Ungewissheit: ein Netzwerk aus Stegen, Treppen und offenen Plattformen, das die hohen Räume durchzieht. 300 Arbeitsplätze stehen nach der ersten Umbaustufe zur Verfügung, in Zukunft sollen es bis zu 600 sein. Unter den 40 Firmen, die in die Hallen einzogen, sind ein Marketingunternehmen, ein großes Modeunternehmen, ein Garnelenzüchter, Ski- und Küchenhersteller sowie Tanz- und Kampfsportstudios.
Halle 4: Öffnung zum grünen Hang
Die miteinander verwachsenen Gebäude waren schwer zugänglich. Daher wurde zunächst die zentrale Lagerhalle teilweise abgebrochen, sodass Kräne, Fahrzeuge und Material den Bauplatz gut erreichen konnten. Später wurde die Leerstelle mit einem Parkdeck gefüllt, über das heute die beiden umgebauten Hallen zugänglich sind.
Herausfordernd war auch die gleichmäßige Tageslichtversorgung der Innenräume. Die Südfassade von Halle 4 wurde geöffnet und lässt jetzt den Blick auf die bewaldeten Hänge des Plainbergs zu. Auf der Nordseite breitet sich das neue Parkdeck hinter der bestehenden Glasfläche aus. Die eingezogenen Betonebenen reichen nicht ganz an die Fassaden heran, die Brüstungen sind mit filigranen Gittern ausgestattet. Die Hallenmitte blieb zum Teil frei. Auf diese Weise ist die Weite des Raums unter dem kassetierten Dachtragwerk weiterhin erlebbar. Nordseitig wurden drei große Gauben aufgesetzt, südseitig Dachterrassen und Oberlichter eingeschnitten.
Halle 2: Bäume in der Betonhalle
Ähnlich verfuhren die Architekt*innen mit Halle 2. Auf dem Parkdeck stehend ist sie an dem goldgekrönten Portal in der ebenfalls großzügig verglasten Fassade zu erkennen. Daneben zeigt ein breites Einfahrtstor, dass sich unter der Halle eine Tiefgarage befindet. Im Inneren beeindruckt das Betontragwerk des breiten Satteldachs: Bis zu 15 Meter hohe Kreuz-Stützen tragen den T-förmigen Firstbalken. Von hier führen Fertigteilbinder links und rechts nach unten. Auf ihnen liegen die Betondielen der Dachhaut, ähnliche Platten füllen auch die Zwischenräume der Fassadenstützen.
Da ostseitig weitere Bauten anschließen, wurden drei große Lichthöfe eingeschnitten. In den verglasten Atrien wachsen junge Bäume. Mitten durch die Halle verläuft eigentlich die Tiefgaragenrampe, die sich jedoch, überdeckt von Sitzstufen, nahtlos in den von Treppen durchzogenen Raum fügt. Geländer und Deckbleche aus golden schimmerndem, galvanisiertem Stahl umfassen die Ränder der Betonebenen.
Beton
Im Vorfeld der Planungen durchsuchte das Smartvoll-Team das Firmenarchiv des Universal-Versands. Besonders interessant waren Ausführungs-, Werk-, Montage- und Bewehrungspläne sowie Fotos, die die verschiedenen Bauphasen zeigten. Als hilfreich erwiesen sich zudem Angaben zu den Lagernutzlasten. Nicht für alle Bestandsbauten waren die entsprechenden Unterlagen auffindbar, weshalb weitere Untersuchungen direkt am Gebäude durchgeführt werden mussten: Beispielsweise legten die Architekt*innen an einigen Fertigteilstützen die Fundamente frei oder entnahmen Bohrkerne, um den Bewehrungsgrad der Bodenplatten und anderer tragender Bauteile zu ermitteln. Die Betongüte wurde per Prüfhammer ermittelt.
Die gesammelten Erkenntnisse sprachen für einen Erhalt des Bestands. 25.500 Kubikmeter bzw. 63.750 Tonnen Beton sind im Universal-Komplex verbaut. Für den Abtransport hätten die LKW 80.000 Kilometer zurückgelegt, verbunden mit einem Ausstoß von 15 Tonnen CO2.
Heute trägt das vorhandene Betontragwerk hauptsächlich die Gebäudehülle. Die Nutzlasten werden über das neue Tragsystem abgeleitet, welches aus den eingestellten Betontischen sowie aussteifenden Treppenhäusern und Sanitärboxen besteht. Dazu wurden vorhandene Nutzlasten dort umgelagert, wo die Bestandsbauteile den normativen Anforderungen nicht genügten. Somit stützen die Neubauten die vorhandenen Hallentragwerke.
Quelle
Bildnachweis: Dimitar Gamizov und Thomas Nussbaumer (Fotos); smartvoll (Pläne)
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