Erlebnismuseum Perlmutter, Adorf/Vogtland
Betonmuschel
Architektur
Schulz und Schulz, Leipzig/Berlin
Bauherr
Stadt Adorf/Vogtland, Bürgermeister Rico Schmidt
Projektbeteiligte
Fachplanende
Tragwerksplanung: Mathes Beratende Ingenieure, Chemnitz
Bauphysik: GWT-TUD, Dresden
Elektro: Ingenieurgesellschaft Lachmann-Dominok, Oelsnitz/Vogtland
Haustechnik, Heizung, Sanitär: Dr. Schlott und Partner, Zwickau
Akustik: Akustik Bureau, Dresden
Lichtplanung: Andres + Partner, Hamburg
Brandschutz: Neumann Architekten + Generalplaner, Plauen
Ausstellungsgestaltung: KOCMOC.NET, Leipzig
Landschaftsarchitektur: Öko-Plan Bauplanung, Plauen
Jahr
2025
Ort
Adorf/Vogtland
Konstruktionsmerkmale
Hyparschale an der Straßenfassade
Besonderheiten
dauerhaft bewässerte Sichtbetonaußenschale
Beschreibung
Bei Wikipedia ist die „größte Perlmuttausstellung Deutschlands“ noch im Adorfer Heimatmuseum angesiedelt. Höchste Zeit, den Eintrag zu aktualisieren, denn seit Herbst 2025 hat es eine neue und ja, auch spektakulärere Adresse. Und das direkt benachbart. Aber von vorne: Die Muschelfischerei und Verarbeitung von Perlmutt hat in der kleinen vogtländischen Stadt eine lange Tradition, die ihr im 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Höhenflug bescherte. Der endete zu Beginn des 20. Jahrhunderts; zu DDR-Zeiten galten Perlmuttwaren dann ohnehin als unnötiger Luxus. Das hinderte die Adorfer aber nicht, bereits seit 1955 eine umfangreiche Sammlung aufzubauen und in Räumen oberhalb des Freiberger Tors unterzubringen. Die Zahl der Interessierten wuchs und auch der Wunsch nach einem modernen Museum, mit dem nicht nur der Platzmangel behoben, sondern auch zeitgemäße museumspädagogische Programme angeboten werden können. Adorfs Bürgermeister sah die Chance, mit der Verwirklichung dieser Wünsche zugleich dem Bevölkerungsschwund seiner 4.600-Einwohnerstadt zu begegnen. Er setzt auf Bildungs- und Kulturangebote.
Nach der erfolgreichen Fördermittelakquise wurde 2020 ein Wettbewerb ausgeschrieben. Den gewann das Leipziger Büro von Schulz und Schulz. Passenderweise lag zwischen dem Torgebäude mit dem Heimatmuseum und einem weiteren, lange leerstehenden Fachwerkbau eine Brache – bis dato keine Augenweide für das Ortszentrum. Der Vorschlag des Gewinnerteams überzeugte damit, in diese Lücke einen Ergänzungsbau zu setzen, die Bestandsnachbarn zu sanieren sowie mit einzubinden und so ein kleines Museums-Ensemble zu bilden. Nicht alle hingegen waren auf Anhieb von der Idee überzeugt, mit einem expressiven Sichtbetonbau einen so deutlichen Kontrapunkt zur bestehenden Architektur zu formulieren. Das Misstrauen in der Bevölkerung schwächte sich aber nach Informationsveranstaltungen deutlich ab. Außerdem ist das neue Haus städtebaulich sensibel eingebunden, etwa über die Aufnahme von Fluchtlinien oder in den Proportionen.
Das auffälligste Merkmal ist die große Betonmütze, die sich oberhalb des Erdgeschosses in die Straße dreht. Sie schafft wie nebenbei einen kleinen geschützten Vorplatz vor dem Haupteingang. Das eigentlich Ungewöhnliche aber ist ihre Form, denn es handelt sich um eine doppelt gekrümmte Schicht, also eine Hyparschale. Außerdem ist die gesamte Fläche unregelmäßig geriffelt – das Architektenteam hatte die raue Schale einer Muschel im Sinn, die im Inneren einen feinen Kern wie eine Perle umschließt. Und weil Muscheln nun mal im Wasser gedeihen, fließt während der Öffnungszeiten aus 52 Düsen ein gleichmäßiger Wasserfilm über diese straßenseitige Dach- und Fassadenfläche. Das lässt sie je nach Lichteinfall und Tageszeit unterschiedlich schillern und gibt dem Haus eine poetische Anmutung. Aufgefangen wird das Wasser in einer Rinne an der Traufkante, plätschert von dort in ein schlankes Betonbecken und wird mit einer photovoltaisch betriebenen Pumpe wieder nach oben geschafft.
Der feine Kern umfasst ein Foyer mit Kasse, Garderobe und Shop, im ersten Stock die Sonderausstellung und im zweiten die museumspädagogischen Räume. Außerdem durchzieht ein dreigeschossiger Patio den fensterlosen, rückwärtigen Teil des Hauses, in den Teile der historischen Stadtmauer integriert sind. Das Licht fällt wirkungsvoll durch eine Dachöffnung. Die Dauerausstellung ist im sanierten Nachbargebäude, die Technik in einer ehemaligen Remise untergebracht. Die Verwaltung und Besprechungsräume liegen wie auch weiterhin das Heimatmuseum im Torgebäude.
Beton
Zwei Herausforderungen waren bei der Konstruktion des Stahlbetonbaus zu bewältigen. Zum einen die komplexe Geometrie der Hyparschale, der nichttragenden äußeren Schicht, die der inneren, statisch wirksamen quasi übergestülpt ist. Hier war es die enge Zusammenarbeit mit der kundigen Baufirma, die für die richtigen Entscheidungen bei der Schalung sorgte. Wegen der Analogie zur Muschelschale wurden unterschiedlich breite Schalungsbretter horizontal angebracht und verschiedene Farbzuschläge im Beton ausprobiert. Hätten Fertigteile die Sache nicht erleichtert? Den Gedanken hatten Schulz und Schulz auch, verwarfen ihn aber: „Das Baugelände ist für passendes Hebegerät bei der Montage zu stark abfallend“, erläutert Ansgar Schulz. Aber auch und vor allen: „Wir wollten an der Giebelseite eine durchgehende Fläche ohne Fertigteilfugen sehen.“ Die andere Herausforderung war die dauernde Bewässerung tagsüber. Für die 25 Zentimeter starke Außenhaut wurde also Beton einer hohen Güteklasse verwendet. Er ist zudem mit einem engmaschigen Netz bewehrt, was die Rissweite äußerst gering hält. Mit dem Beton und auch den anderen Materialien wie Holz, Lehm und Naturstein wurden außen wie innen langlebige Baustoffe verwendet. Das Nachhaltigste am Erlebnismuseum Perlmutter aber dürfte dessen Mehrwert für die Stadt sein. Der Ortskern hat deutlich gewonnen. Und schon in den ersten 100 Tagen zählte man 10.000 Besuchende, darunter zahlreiche Schulklassen.
Quelle
Bildnachweis: Gustav Willeit, La Villa in Badia (Italien), Albrecht Voß, Leipzig
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