Domcenter Linz
Peter Haimerl. Architektur, Studio Clemens Bauder
Architektur
Peter Haimerl. Architektur, Studio Clemens Bauder
Bauherr
Bischof-Rudiger-Stiftung
Projektbeteiligte
Mitarbeitende: Gernot Baumann, Felix Meyer-Sternberg
Dombaumeister: Michael Hager
Bauleitung/Projektsteuerung: BauMut Schinagl GmbH, Linz
Betonelemente, Tragschalen: Puracrete
Fassade: Riegler Matallbau GmbH
Elektro/Lichtplanung: ideee Hintersteiner KG
Haustechnik: Priesner & Partner, Linz
Möbeldesign: Peter Haimerl. Architektur
3D Druck Möbel: Additive Tectonics
Jahr
2024
Ort
Linz, Österreich
Konstruktionsmerkmale
Ein doppelt gekrümmtes Dach aus Beton mit innovativer Betonschalungstechnik
Beschreibung
Der Bau von Schalenkonstruktionen aus Beton gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Architektur. Geometrie, Statik und Ästhetik vermitteln Leichtigkeit und schaffen durch gezielte Lichtführung eine Atmosphäre der Transzendenz. Sie vermitteln Gegensätze wie Aufstieg und Absenkung, Schwere und Leichtigkeit. Betonschalenkonstruktionen wie auch doppelt gekrümmten Schalenkonstruktionen aus Beton, sogenannte Hyperbolische Paraboloidschalen oder Hyparschalen, sind nicht nur technische Meisterleistungen, sondern auch spirituelle Symbole der modernen Architektur.
Frei geformte Schalenkonstruktionen aus Beton sind nicht nur in der Herstellung anspruchsvoll, sondern auch schalungstechnisch aufwendig, weshalb sie in den letzten Jahren nur noch selten realisiert wurden. Heute jedoch ermöglichen innovative digitale und fertigungstechnische Verfahren eine Renaissance. Eine solche Wiederentdeckung ist das neue Domcenter im österreichischen Linz.
Der Linzer Mariendom, die größte Kirche Österreichs, wurde zwischen 1862 und 1924 erbaut. Mit seiner neogotischen Architektur dominiert er das Stadtbild. Anlässlich seines hundertjährigen Weihejubiläums beschloss die Diözese, das Domgebäude für neue Zielgruppen attraktiv zu machen. Die Architekten Peter Haimerl und Clemens Bauder entwickelten dies im Sinne eines Zubaus zur Domkirche weiter: Das neue Domcenter fungiert als einladender Zugang zur Kirche. Besucherinnen und Besucher werden von einem modernen Café sowie einem Info- und Book-Point empfangen und von dort über eine neue Raumfolge zu den Ausstellungen und dem historischen Eingangsbereich der Kirche im Norden geleitet. Das vereint touristische und seelsorgerische Angebote und bietet zugleich einen flexibel nutzbaren Raum für Veranstaltungen.
Für den Zugang „verfolgten wir damals zwei Grundideen. Zum einen planten wir eine zeltartige Struktur von außen vor die Kirche zu bauen. Zum anderen sollte diese der Umkehrung der Spitzgewölbe in den Seitenschiffen des historischen Doms entsprechen“, so Haimerl. Für diese Idee, so berichtet der Architekt, ließ er sich vom katalanischen Architekten Antoni Gaudi inspirieren. Gaudi, bekannt für seine Kirche „Sagrada Familia“ in Barcelona, versuchte ebenfalls, Jochgewölbe durch Hängekonstruktionen zu simulieren. „Was übrigens nicht funktioniert. Auch das habe ich hier lernen müssen,“ ergänzt Haimerl.
Beton
Für die Realisierung der zeltartigen Struktur des Zubaus wurden zunächst, so Peter Haimerl, zwei Varianten entwickelt: eine Holzkonstruktion und ein von Robotern gewebtes Geflecht aus Hanfseilen. Beide Varianten jedoch fanden beim zuständigen Bundesdenkmalamt wenig Zustimmung. Es wünschte sich stattdessen eine dem Dombau entsprechende hochwertige Architekturqualität, „die nachhaltig ist und über Jahrhunderte hält.“ Diesem Wunsch entsprechend wurde eine technologisch höchst anspruchsvolle und frei geformte Betonkonstruktion gewählt. Aus denkmalpflegerischen Gründen wurde der Anbau konstruktiv vom Dom entkoppelt: Drei baldachinähnliche Schalenkonstruktionen, zusammengesetzt aus mehreren Betonfertigteilen, ruhen jeweils ausbalanciert auf einer Stütze im Zentrum und ragen vor der historischen Fassade nach oben, ohne diese zu berühren. Die feinen Stützen an der Längsfassade übernehmen in einem seltenen Lastzustand eine Zugfunktion, um ein Kippen zum Dom hin zu verhindern. Die tragende Unterschale der Konstruktion ist dreidimensional gekrümmt. Die obere, auf einer Zwischendämmung aufgelegte Schale ist zweidimensional gebogen und entspricht somit der Umkehrung der Spitzgewölbe in den Seitenschiffen des historischen Domes.
Die drei baldachinähnlichen Betonschalendächer des Domcenters wurden als zweischalige Fertigteilkonstruktionen realisiert. Diese bestehen jeweils aus einer unteren tragenden Schale mit einer Dicke von 6 bis 36 cm und einer oberen, als Deckschale bezeichneten 6 cm starke Schicht aus ultrahochfestem Beton (UHPC). Zur Herstellung der höchst komplexen Schalungen wurden spezielle von Puracrete entwickelte Formelemente eingesetzt, die nicht nur die Schalhaut, sondern auch das gesamte tragende Schalungssegment abbilden. Dieser innovative Werkstoff ist trotz hoher Belastbarkeit frei formbar. Die von Positiven abgenommenen Schalungssegmente wiesen eine nominale Dicke zwischen 8 und 10 cm und eine Regelgröße von 90 mal 200 cm auf. Die so entstandene Gesamtschalung war für eine Betonierhöhe von bis zu 4,20 cm ausgelegt. Alle Schalungssegmente wurden nach der Betonage recycliert und wieder dem Werkstoffkreislauf zugeführt. Die Betonage der Tragschalenelemente erfolgte mit einem Weißzement-SCC C50/60.
Ca. 4.500 Zeichen
Quelle
Bildnachweis: Fotos: Gregor Graf, Edward Beierle / Pläne: Peter Haimerl Architektur
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