Areal am Kronenrain in Neuenburg am Rhein
Stadtbalkon in rot pigmentiertem Stampfbeton
Architektur
MONO Architekten, Berlin
Bauherr
Stadt Neuenburg am Rhein
Projektbeteiligte
Projektsteuerung: Drees & Sommer, Freiburg
Landschaftsarchitektur: Planorama Landschaftsarchitektur, Berlin
Bauüberwachung: Guggenberger & Ott, Leinfelden-Echterdingen
Tragwerksplanung: WTM Engineers, Berlin
Fassadenplanung: wh-p Ingenieure, Stuttgart
Technische Gebäudeausrüstung: Sütterlin & Partner, Freiburg
Brandschutz: Brandschutzbüro Eisenbraun, Lahr
Geologie: Ingenieurgruppe Geotechnik, Kirchzarten
Erschließungsplanung: Ingenieurbüro Bölk & Gantner, Neuenburg am Rhein
Verkehrsplanung: Fichtner, Water & Transportation, Freiburg
Signalethik: mus.studio, Berlin
Jahr
2023
Ort
Neuenburg am Rhein, Am Kronenrain
Beschreibung
Dass wir uns in naher Zukunft des massenhaften Pkw-Verkehrs entledigen werden, scheint unwahrscheinlich – so unwahrscheinlich, dass Kommunen nach wie vor andere Möglichkeiten suchen, ihre Innenstädte fußgängerfreundlicher zu machen. In Neuenburg am Rhein entstand deshalb ein neues Parkhaus, das Besucher*innen direkt an der Bundesstraße abfangen soll. Das 2023 fertiggestellte Areal am Kronenrain, inklusive Brücke, Aussichtsturm und rollstuhlgerechter Erschließung, planten MONO Architekten.
Stadt am Verkehrsfluss
Neuenburg, im Südwesten Baden-Württembergs, erstreckt sich zu großen Teilen auf ehemaligen Auen und Seitenarmen des Rheins. Die Begradigung des Flusses, auf dem heute die deutsch-französische Grenze verläuft, hat den Stadtkern räumlich vom Wasser entfernt. Zusätzlich trennt die Autobahn A5 die Wohngebiete und Logistikzentren von der weit nach Westen gerückten, teils bewaldeten Uferzone. Dort, wo von Frankreich her eine Brücke anlandet und in einen Autobahnknoten übergeht, beginnt auch die Bundesstraße B378, die sodann einen Bogen um die Altstadt macht, bevor sie Neuenburg gen Osten verlässt.
Zur Landesgartenschau 2022 sollte die Stadt wieder näher an den Fluss rücken. In diesem Zuge wurde unter anderem der Wuhrlochpark umgestaltet. Die hügelige Grünfläche mit einem von Bäumen gesäumten Teich – dem Wuhrloch – liegt im Schatten des Autobahnknotens, eingekesselt zwischen Abfahrtsschleife, Bundesstraße und Westtangente. Gefahrlos zu Fuß erreichbar war sie somit vornehmlich für die Bewohner*innen der nördlich gelegenen Einfamilienhäuser. Überdies trennt die durch Rheinverlegung und autogerechte Stadtplanung entstandene „Restfläche“ neun Höhenmeter vom Stadtkern. Dass diese Situation unbefriedigend ist, erkannte auch die Stadtverwaltung und strebte eine Erschließung des Erholungsraums an, verbunden mit einer Verkehrsberuhigung der Innenstadt.
Parken unterm Stadtbalkon
Aus dem 2015 ausgelobten Wettbewerb ging ein Ensemble aus Parkhaus, Stadtbalkon, Brücke und Turm hervor. Die aus dem Hang hervortretende Tiefgarage schließt mit einer geschwungenen, perforierten Wand ab, die sich an einen Kreisverkehr schmiegt. Das so gebildete Plateau mit dem teils begrünten Platz soll in Zukunft bebaut werden, diente 2022 aber zunächst als Auftakt der Gartenschau. An der Vorderkante stehend, reicht der Blick über das Wuhrloch und den Rhein bis zu den Vogesen.
Eine Brücke überquert die Bundesstraße, schließt seitlich an einen Turm an und führt sogar ein Stück an ihm vorbei, sodass eine weitere Balkonsituation entsteht. Der Turm ist als stehender Riegel ausgebildet und ebenso übersät mit quadratischen Löchern wie das Parkhaus. Beide Fassaden sind in rot pigmentiertem Stampfbeton erstellt worden. Die Brücke erscheint durch ihr U-Profil mit hohen, flächigen Brüstungen wie ein horizontaler Riegel. Ihre Ansichten sind aus rötlichem Cortenstahl, der farblich gut mit dem Beton harmoniert. Der Turm ist rund 36 Meter hoch, der fast quadratische Grundriss misst 7,20 x 7,90 m. Entlang des Aufzugschachts führt eine Treppe nach oben, bis zu einer Dachterrasse.
Das Parkhaus am Rheintor ist ein 16,8 m breites, im Mittel 155 m langes L. An beiden Enden befinden sich zwei Wendelrampen, die 231 Stellplätze auf drei Ebenen erschließen. Durch die Perforation der Fassade kann einerseits Tageslicht eindringen, andererseits können Abgase entweichen – ohne aufwändige Lüftungstechnik. Zwei Aufgangsbauwerke führen hoch auf den Münsterplatz. Ihr oberirdischer Teil wurde als leicht rückbaubare Stahlkonstruktion ausgeführt, um sie bei einer späteren Bebauung des Platzes in die Erdgeschosse integrieren zu können. Ebenfalls geplant ist, die Zähringerbrücke, die derzeit noch am Bertholdturm endet, um eine Rampe zu verlängern. Sie soll sich hinunter in den Park schwingen und den bereits vorhandenen, fahrradgeeigneten Aufzug ergänzen.
Verkehrsberuhigte Zone
Durch die Corona-Pandemie war das Areal am Kronenrain nicht wie geplant zur Landesgartenschau nutzbar und erst im März 2023 gänzlich fertiggestellt. Aufgrund der zentralen Lage und der Autobahnanbindung erhofft sich die Stadtverwaltung allerdings auch langfristige Effekte. Die verbesserte Fahrradanbindung und die potenzielle Verlagerung der Pkws ins Parkhaus soll die Anziehungskraft der Innenstadt für Ortsansässige wie Gäste gleichermaßen erhöhen. Bisher ist die Auslastung jedoch gering, was zusätzlich zu den hohen Baukosten viele Neuenburger*innen verärgert.
Beton
Das Tragwerk des Parkhauses ist als Stahlverbundbau mit Stahlbetonverbunddecken ausgebildet, während die Fassade unbewehrt ist. Ihre rote Farbe erinnert an den Buntsandstein des mittelalterlichen Münsters und ist Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs. Im Vorfeld ließen die Architekt*innen ein Mockup anfertigen, um zwei mögliche Ausführungen zu testen: Eine Variante aus gemauerten Blöcken und eine aus vor Ort geschaltem Stampfbeton. Auf letztere fiel schließlich die Entscheidung.
Auf der Baustelle wurde das erdfeuchte Sand-, Kies-, Zement- und Wassergemisch lagenweise in eine Holzschalung eingebracht und verdichtet. Dadurch entstand das Fassadenbild mit den schichtweise leicht changierenden Farbtönen, die je nach Tageszeit und Lichtverhältnissen von Orange in Braun übergehen. Mal ist die Oberfläche glatt und dicht, mal rau und offenporig. So ähnelt der Beton einem Querschnitt durch die Sedimente der Flussregion. Durch die besondere Einbringungstechnik ließ sich auch die präzise Perforierung realisieren. Die quadratischen Öffnungen wurden mit genau positionierten Holzkästen freigehalten.
Quelle
Bildnachweis: Gregor Schmidt (Fotos); MONO Architekten (Pläne)
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