11.10.2017

Stampfbeton schlägt Brücke zur Vergangenheit

Neubau eines Pfarrsaals in Herbolzheim

Der neue Pfarrsaal passt sich ideal dem Gelände und der Bestandsbebauung an © Leopold Piribauer

Erkrath, Oktober 2017. Erst Ende Mai ist der Pfarrsaal der katholischen Kirchengemeinde Herbolzheim-Rheinhausen feierlich eingeweiht worden. Mit dem neuen Begegnungsort für Menschen setzt die Kirchengemeinde ein Zeichen für Zukunft und Standfestigkeit in bewegten Zeiten sowie das nachhaltige Bauen mit Beton: Die Innenwände des eingeschossigen Neubaus sind in Sichtbeton erstellt und die Außenfassade besteht aus Stampfbeton, was ihr eine warme und natürliche Anmutung verleiht. In Kombination mit dem geradlinigen Gebäudeentwurf ist es K9 Architekten gelungen, Alt und Neu einfühlsam zu verbinden und moderne Architektur im besten Sinne zu erschaffen.

Der neue Pfarrsaal befindet sich zwischen Schulstraße und der eigentlichen Kirche der katholischen Gemeinde. Durch seine eingeschossige Bauweise passt er sich ideal dem Gelände und der Bestandsbebauung an. Das schlicht-elegante Polygon wirkt wie eine optische Verlängerung der Friedhofsmauer. „Dieser Eindruck entsteht vor allem durch die Stampfbetonfassade mit ihren vielfältigen Farbpigmentierungen in variierenden Lagenhöhen. Das ergibt eine lebendige und natürliche Struktur, die sehr gut mit der historischen Mauer harmoniert. Da Neubau, barocke Kirche und denkmalgeschützter Altbau ein stimmiges Ensemble bilden sollen, war uns eine Fassade wichtig, die mit ihrer warmen Farbgebung einerseits zurückhaltend wirkt, aber gleichzeitig eine gewisse Ausdrucksstärke besitzt“, erklärt Marc Lösch, Geschäftsführer bei K9 Architekten. Das Freiburger Büro erzielte mit seinem Neubau- und Instandsetzungskonzept den ersten Platz bei dem 2013 von der katholischen Kirchengemeinde St. Alexius ausgelobten Wettbewerb.

Archaisches Material mit Charme

Stampfbeton – das klingt nach Vergangenheit und großem Aufwand. Tatsächlich gehört der Baustoff zu den ältesten Betonarten und geht zurück auf das Anfang des 17. Jahrhunderts in Frankreich praktizierte Pisé-Verfahren, bei dem Lehm zu Wänden gestampft wurde. Beim Stampfbeton hingegen wird unbewehrter Beton auf Basis von Natursteinen und Zement durch Druckstöße verdichtet. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Material wegen seiner Dauerhaftigkeit und Druckfestigkeit für den Bau großer Fundamente und Brückenpfeiler eingesetzt. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Ära des Stahlbetons begann, geriet Stampfbeton in Vergessenheit. Seit einigen Jahren erlebt er eine Art Renaissance, weil das schichtweise Betonieren und Verdichten eine besondere Ästhetik ermöglicht. So ließ Peter Zumthor für seine Bruder-Klaus-Kapelle einen 12 Meter hohen Monolithen in der traditionellen Bauweise errichten bzw. „aus dem Boden stampfen“. Der Architekt wurde dabei von vielen freiwilligen Helfern unterstützt.

Die Nordseite des Gebäudes. © Sirka Eggers

Stampfbetonbauweise erfordert Erfahrung und Präzision

Ähnlich arbeitsintensiv lief es bei dem neuen Gemeindezentrum in Herbolzheim ab: Der Stampfbeton wurde auf der Baustelle (geringer Wasserzementwert, C 25/30, Farbpigmente) angemischt und in erdfeuchter Konsistenz schichtweise in die Schalung eingebracht. „Die Verdichtung erfolgt in ’Handarbeit’ bzw. über arbeitsintensives Stampfen. Am Ende erhält man eine sehr dauerhafte und druckfeste Konstruktion mit einer markanten Oberfläche, bei der die Schichten ablesbar bleiben“, sagt Marc Lösch.
So ohne weiteres umsetzbar war die traditionelle Stampftechnik beim Gemeindesaal aber nicht: Zunächst mussten K9 Architekten eine Rohbaufirma finden, die sich in das heute wenig verbreitete Verfahren einarbeiten wollte. Die Kalt-Massivbau GmbH aus Lahr erwies sich als der geeignete Partner. In deren Betonlabor wurden zunächst mehrere Musterwände erstellt und die endgültige Betonrezeptur festgelegt. „Außerdem war eine spezielle Schalung erforderlich, damit später keine Ankerlöcher in der Oberfläche zu sehen sind. Die Schichthöhen haben wir vordefiniert und bei den Arbeitsabschnitten mussten die angrenzenden Schichthöhen exakt wieder aufgenommen werden. Insgesamt war das alles eine ziemliche Herausforderung, die die ausführende Firma aber wunderbar gemeistert hat“, sagt Architektin Sirka Eggers. Auch die Druckfestigkeit musste im Vorfeld nachgewiesen werden und die Probewürfel erreichten sogar einen höheren Wert als gefordert. In der Planungsphase hatte sich Sirka Eggers mit der Bitte um technische Unterstützung an das InformationsZentrum Beton gewendet. „Während der Beratungen war ich wirklich beeindruckt, mit welch professionellem Engagement ein so besonderes Projekt angegangen und vorbereitet wurde. Die Gemeinschaft aus sorgfältiger, kluger Planung und engagierter Ausführung durch den Bauunternehmer war ein großer Glücksfall.“, sagt Martin Peck, der die Planungen beratend unterstützt hat.

Roter Sichtbeton und helle Wände setzen Akzente im Innenbereich

Der Neubau beherbergt den Gemeindesaal, Funktionsräume, eine Küche mit Durchreiche und ein Foyer in Richtung Kirchplatz. Im rückwärtigen Bereich öffnet sich der Gemeindesaal zu einem Garten. Die Stahlbetonwand im Saal ist als Verlängerung der alten Friedhofmauer in rot pigmentiertem Sichtbeton (C 25/30) ausgeführt. Ursprünglich sollte die Wand gestockt werden, um eine ähnliche Oberflächenwirkung zu erzielen wie bei den Stampfbetonwänden. „Dem Bauausschuss gefiel die rote, glatte Wand im Gemeindesaal jedoch so gut, dass auf das Stocken verzichtet wurde. Interessant ist hier, wie viel Wirkung die Einfärbung hat. Bei einer grauen Sichtbetonwand wäre die Entscheidung vielleicht anders ausgefallen“, meint Sirka Eggers.

Rot pigmentierte Sichtbetonwand im Innenraum © Ralph Eggers

Die anderen Wände des Saals sowie jene im Foyer sind mit Birkenholz verkleidet. Auch die Decken sind hell in weiß gehalten. Das Schrägdach ist unterseitig mit einer weiß lasierten Akustikdecke aus Weißtanne verkleidet und der Boden aus dunklem Gussasphaltestrich setzt einen Gegenakzent. Für eine gleichmäßige Verteilung der natürlichen Belichtung sorgen große Glasfronten und Oberlichter im Dachaufsatz. Das Gebäude hat einen öffentlichen Teil, der dem Geschehen auf dem Kirchplatz zugewandt ist, und einen eher privaten Teil mit einem Raum für Festivitäten, der rund 100 Besuchern Platz bietet.

Optische Verbindung zwischen Innen und Außen

Im Gemeindesaal gibt es einen ungewöhnlichen Blickfang, der die Geistlichkeit des Raumes zusätzlich unterstreicht: In der Innenwand ist ein Fenster eingelassen, das außen flächenbündig in der Stampfbetonfassade sitzt. Von innen wird es durch eine bedruckte Glasscheibe hervorgehoben. „Die Grafik zeigt archäologische Funde, die während der Bauarbeiten gemacht wurden. Die Motive stammen von Spolien der mittelalterlichen Vorgängerkirche.

Optische Verbindung zwischen Innen und Außen. © Leopold Piribauer

Da es sich um einen sakralen Raum handelt, wird in der Fensternische auch ein Standkreuz aus Edelstahl platziert“, erläutert Marc Lösch. Bei den Ausgrabungen wurde außerdem eine massive Wehrmauer freigelegt. Diese bleibt als Kulturdenkmal im Boden erhalten und wurde in ihrer Lage im Außenbelag sichtbar gemacht. Weitere Fundstücke wurden in den Außenanlagen inszeniert.

Bestandsgebäude nach Denkmalschutzkriterien saniert

Im Rahmen des Projekts wurde auch ein denkmalgeschützter Altbau aus dem Jahr 1791 umgebaut, saniert und barrierefrei erschlossen. In dem einstigen Schulgebäude mit zwei Obergeschossen sind das Pfarramt, ein Mehrzweckraum mit integrierter Bibliothek und zwei Wohnungen untergebracht. Das Haus erhielt einen Aufzug, eine neue Fassade und alle Fenster wurden durch neue zweiflügelige Holzfenster ersetzt. Ein weißer Anstrich der Gewände und Gesimse sowie die hellgraue Putzfläche sorgen für ein frisches Erscheinungsbild. Innen kamen Eichenholzparkett, Naturstein und Linoleum in warmen Farbtönen zum Einsatz. Aus Gründen des Denkmalschutzes wurden lediglich die Decke des obersten Geschosses und der Boden des Erdgeschosses gedämmt. Sowohl Alt- aus auch Neubau werden über ein Mikro-Blockheizkraftwerk im Bestandsgebäude versorgt.

Blick von der Gartenseite © Leopold Piribauer

Bezug zu Ort und Vergangenheit

Während der gesamten Projektverlaufs waren Vertreter der katholischen Kirchengemeinde regelmäßig vor Ort und haben den Baufortschritt mit großem Interesse und viel Vorfreude auf ihre neue Begegnungsstätte verfolgt. „Die Resonanz war durchweg sehr gut. Besonders herausgestellt wurde, dass die rötlich getönte Stampfbetonfassade an die Farbe der Erdschichten erinnert, die während der archäologischen Grabungen freigelegt waren. So stellt die Fassade einen weiteren Bezug zum Ort dar“, sagt Sirka Eggers.

Nachhaltig planen mit Beton

Obwohl K9 Architekten bei ihren Projekten auch andere Materialien als Beton einsetzen, ist der Baustoff für die Planer wegen seiner konstruktiven, natürlichen und flexiblen Eigenschaften sehr reizvoll. „Die unterschiedlichen Gesteinskörnungen, Farbgebungen und Oberflächenbehandlungen bieten ein umfangreiches Spektrum an Gestaltungsmöglichkeit und Individualität. Entscheidend ist aber stets ein materialgerechter Umgang in Kombination mit einer sorgfältigen Planung und Detaillierung, um eine hohe Nachhaltigkeit mit geringen Folgekosten zu gewährleisten“, betont Marc Lösch. Die Faszination der Architekten für dieses Material zeigt sich jetzt eindrucksvoll am Beispiel des fertiggestellten katholischen Gemeindehauses in Herbolzheim.

 

Pressearbeit

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