15.03.2016

Reduziert aufs Wesentliche

Wohnhaus Nickel-Bernhardt, Weißensberg

Erkrath, März 2016. Ehrgeiz, der feste Glaube an das Können der Handwerker und die eigene Energie und nicht zuletzt die genaue Vorstellung von dem, was ihr Wohnhaus später einmal sein soll, führte zu dem überzeugenden Ergebnis, das heute im bayerischen Weißensberg zu bestaunen ist: endlich mal wieder ein kleines und dafür umso feineres Wohnhaus einer fünfköpfigen Familie. Die Kombination aus uneitlem Sichtbeton und Massivholz sorgt für eine klare, warme Atmosphäre.

Wer sich dem Wohnhaus der Familie Nickel-Bernhardt im schönen Weißensberg, vier Kilometer östlich von Lindau gelegen, nähert, der spürt sofort, dass bei diesem Haus manches anders ist als bei vielen anderen Einfamilienhäusern, die in unserer Zeit landauf, landab entstehen. Zum einen ist es endlich mal wieder ein kleines Haus, keine protzige Villa, und gleichzeitig erfüllen sich darin alle Wünsche der Bauherren. Auf das Wesentliche, das Notwendige reduzieren wollte das Architektenehepaar sein eigenes Haus. Und es ist ihnen eindeutig gelungen. Das fällt dem Besucher gleich bei der Form des Hauses – einem schlichten Kubus – auf, erstreckt sich über die verwendeten Materialien und spiegelt sich nicht zuletzt in den Zimmergrößen wider. Je etwa elf Quadratmeter für Kinder- und Elternschlafzimmer sind nicht viel, doch sie reichen aus, wenn sich davor ein Spielflur erstreckt und auch der Rest des Hauses kein Museum, sondern ein belebter Wohnraum sein darf.

Willkommensgeste und Rückzugsbereich

Dieser befindet sich im Erdgeschoss und geht nahtlos in den offenen Koch-Essbereich über. Lediglich die zum Obergeschoss führende Treppe trennt diese beiden Zonen etwas voneinander. Die Ausrichtung der Räume, die durch die Positionierung der Fenster klar vorgeben ist, macht deutlich, dass sich der Essplatz dem Besucher öffnen soll, denn die große Glasfront mit einer Hebe-Schiebetür stellt den unmittelbaren Kontakt zu den ankommenden Besuchern und den Nachbarn her. Außerdem kann die Familie so vom Esstisch aus den Blick über die weite Landschaft und die untergehende Abendsonne genießen. Das Wohnzimmer dagegen ist nach Süden und somit zu einem geschützten Bereich auf dem eigenen Grundstück orientiert und dient der Familie eher als Rückzugsort. Die hölzerne Treppe, die wie bei einem Raumschiff von oben ausgefahren zu sein scheint, bringt Bewohner und Gäste in das Obergeschoss mit den drei Kinderzimmern, dem Schlafzimmer der Eltern und dem gemeinsamen Bad. Sie sind – nach Osten ausgerichtet – wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, die Kinderzimmer teilweise über Schiebetüren miteinander verbunden. Kommunikation und damit auch die gegenseitige Rücksichtnahme werden hier groß geschrieben und gelebt und wurden deshalb auch in die Architektur umgesetzt. Nach Westen hin sind alle Räume durch einen breiten Flur verbunden, den auf der einen Seite die Kinder zum Spielen nutzen und auf der anderen die Eltern zum Arbeiten.

Sichtbare und unsichtbare Reduktion

Die Bauherren reduzierten neben dem Sichtbaren auch die meist unsichtbare Technik auf das absolut notwendige Minimum. Eine kontrollierte Be- und Entlüftung gibt es nicht, geheizt wird mit einem Grundofen, außerdem produziert eine Photovoltaikanlage auf dem Hausdach einen Teil des benötigten Stroms. So autark wie möglich und wie wirtschaftlich sinnvoll wollten die Bauherren sein. Damit man mit einem solchen System gut zu Recht kommt, müssen sich die Nutzer zum einen auf seine Eigenarten einlassen. Es ist aufgrund der enormen Speichermassen sehr träge, weshalb bei einem Wetterumschwung früh genug eingeheizt werden muss. Zum zweiten muss das Haus richtig geplant sein, um die Warmwasserleitungen möglichst kurz und damit die Energieverluste gering zu halten. Beim Haus der Familie Nickel-Bernhardt gesellt sich die Küche auf die eine Seite des Ofens, das Gäste-WC auf die andere und das Badezimmer liegt direkt darüber. So wird an dieser Stelle wieder einmal sehr deutlich, dass das Konzept und die Grundrissdisposition ineinander greifen wie die Rädchen eines Getriebes.

Dämmbeton unterstützt Konzept perfekt

Aus so viel Minimalismus und Reduktion ergibt sich das Baumaterial eigentlich wie von selbst, wäre es doch undenkbar, hier mit einem Wärmedämmverbundsystem oder Ähnlichem zu arbeiten. Monolithisch sollte gebaut werden, weshalb die Wahl ziemlich schnell auf den hierzulande immer noch fast neuen Dämmbeton fiel. Die Bauherren schauten sich im Schweizer Chur ein Wohnhaus an, das aus diesem Material, das in der Schweiz schon wesentlich verbreiteter ist als in Deutschland, gebaut worden war. Hier fordert er Planer und Handwerker nach wie vor heraus – mit regelmäßig tollen Ergebnissen. Der große Vorteil bei diesem Projekt lag darin, dass die Architekten für sich selbst gebaut haben und sich deshalb nicht sklavisch an alle Normen und Vorschriften halten mussten. So ist beispielsweise die Attika niedriger als die Vorschriften es verlangen, die Abdichtung wurde nur zehn statt der geforderten 15  Zentimeter hochgezogen, auf Abdeckbleche komplett verzichtet, stattdessen mit Flüssigfolie abgedichtet. Die Bewehrung wurde auf das Mindestmaß reduziert, weshalb auf den Betonoberflächen kleine Haarrisse entstanden sind. Diese wirken sich nur auf die Optik aus und stören keinesfalls. Als Schalung wurde eine herkömmliche und keine Sichtbetonschalung verwendet, wodurch die Kosten gesenkt werden konnten und die Oberflächen der Wände lebendiger geworden sind. Wichtig war den Architekten allerdings, dass die Wände ohne Unterbrechung bis zu den Brüstungen der Fenster im Obergeschoss durchlaufen und nicht auf Höhe der Decke eine Zäsur entsteht. Die Schalung war aus diesem Grund vier Meter hoch. Außerdem  haben sie damit vermieden, dass der Bereich unterhalb der Fenster über Rohre befüllt werden musste – ein Vorteil, um Fehlstellen aufgrund des zähflüssigen Dämmbetons zu vermeiden.
Die Deckenaussparung wurde durch eine Styrodureinlage hergestellt, welche nach dem Ausschalen entfernt wurde. Die Decke über dem Erdgeschoss, die im Nachgang in Ortbeton eingearbeitet wurde, liegt nur fünf Zentimeter auf und wird zusätzlich punktuell durch eingebohrte und verharzte Bewehrungseisen gehalten Das Dach liegt auf der Wand dagegen zwölf Zentimeter auf, die Attika verjüngt sich auf 33 Zentimeter. Betoniert wurde in vier Abschnitten: zwei L-förmige für die Erdgeschosswände und zwei darüber liegende für das Obergeschoss. Die Schalung für die Fenster hat der Bauherr als gelernter Schreiner selbst gemacht, sollte hier doch alles millimetergenau passen und nichts nachgearbeitet werden müssen. Auch die Behandlung der Außen- und Innenseite der Außenwände sind Handarbeit.
Für die Außenseiten entschieden sich die Bauherren für Handstocken und Hydrophobieren, um eine homogenere, tuffartige Oberfläche zu erhalten. Innen wurden die Wände mit einem Schwingschleifer geschliffen und zweimal gewaschen. Genauso pragmatisch gehen die Eltern bis heute ans Werk, sollte an den Wänden mal ein störender Fleck entstehen, der entfernt werden muss.
Neben der äußeren Hülle besteht auch der innere Kern, der den Technikraum und die Bäder aufnimmt, aus Sichtbeton, alles andere aus Holz. Dies rührt vom Entwurfskonzept her, die Hülle aus Beton und das „Innenleben“ aus Holz bauen zu wollen. Deshalb wurde der Estrich im Erdgeschoss folgerichtig auch mineralisch beschichtet, damit er wie Beton aussieht. Zumindest optisch folgerichtig sind auch die Holzverkleidung der Decke im Erdgeschoss und der Holzfußboden im Obergeschoss, wenngleich sich darunter eine Betondecke verbirgt. Diese kleine Inkonsequenz sieht man den Architekten gerne nach, ist bei diesem Haus doch ansonsten alles echt und mit viel Engagement realisiert. Der Lohn ist ein Wohnhaus, das perfekt zu den Bedürfnissen der Bauherren passt und Baukultur vom Feinsten ist.

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