13.03.2020

Haus für Kinder in München

Außergewöhnliche Lösung mit Betonfertigteilen

Erkrath, März 2020. Im Münchener Stadtteil Feldmoching wurde im Auftrag des Baureferates der Landeshauptstadt ein „Haus für Kinder“ errichtet. Das Gebäude zeichnet sich durch seine außergewöhnliche Form aus: eine dreigeschossige „Pfeilspitze“. Seit Anfang Februar 2020 bietet der anspruchsvolle Neubau, realisiert in Ortbeton- und Betonfertigteilbauweise, Platz für 74 Kinder.

Der Bedarf an Kindertageseinrichtungen ist in München – wie in den meisten deutschen Großstädten – nach wie vor hoch. So liegt der Versorgungsgrad im nördlichsten Münchener Stadtteil Feldmoching, der in Bezug auf seine Fläche der größte der Landeshauptstadt ist, für 0-bis 3-jährige Kinder bei nur 35%, für 1-bis 3-jährige bei 49%, für Kindergartenplätze bei 83%. Um diesem hohen Bedarf nachzukommen, entschied sich das Baureferat der Stadt München, auf einem nicht einfach zu bebauenden Grundstück in der Feldmochinger Dülferstraße ein Gebäude für vier Gruppen mit zwei Krippen- und zwei Kindergartengruppen, einem Mehrzweckraum sowie Personal- und Nebenräumen zu realisieren.

Mit der Planung der Kindertageseinrichtung wurde das Münchener Architekturbüro Betz Architekten vom Baureferat der Stadt München direkt beauftragt. Das bereits 1957 von Walther und Bea Betz gegründete Büro wird seit 20 Jahren von Sohn Oliver Betz geleitet. Bekannt wurde das Büro u. a. mit dem Bau des heute denkmalgeschützten Hypo-Hochhauses in München, heute HVB-Tower genannt, sowie mit zahlreichen markanten Sichtbetonbauten, so dem Zentralen Hörsaalgebäude der Universität Würzburg. Heute sind Schulbauten und Bauten für Kinder einer der Schwerpunkte des Büros, und so haben Betz-Architekten in den letzten Jahren bereits einige Schulen und Kindertagesstädten für die öffentliche Hand realisiert. „Unser Ziel ist es“, so erläutert Oliver Betz, „räumlich anspruchsvolle Gebäude für Kinder zu planen, innen- und außenräumliche Erlebnisse herzustellen, die den Kindern, aber auch dem betreuenden Personal andere Perspektiven als die zu Hause gewohnten bieten“. Da sich das Grundstück im direkten Umfeld einer klassischen Wohnblockbebauung aus den 1950er Jahren befindet, bestand die Herausforderung der Bauaufgabe auch darin, einen Akzent gegenüber der umgebenden Bebauung zu schaffen. „Wir möchten“, so Betz, „dass unsere Gebäude für Kinder auch nach außen hin eine besondere Ausstrahlung haben, dass die Kinder sagen können: ‚Das ist unser Kindergarten!’ – und eben nicht nur ein weiteres, mehr oder weniger uniques Gebäude planen“.

Eine Pfeilspitze

Das Grundstück erschließt sich von der Dülfer Straße von Süden her. Die Besonderheit dieses mit einem schützenswerten alten Baumbestand versehenen Areals bestand darin, dass bereits vorhandene und nicht veränderbare Kanal- und Wasserleitungen eine Überbauung lediglich in einem eingeschränkten Bereich zuließen. Aus der Not des damit nur entlang einer quer verlaufenden Linie zu bebauenden Grundstücks entwickelten Betz-Architekten eine Tugend: Sie planten einen Baukörper, dessen Grundfläche den Querverlauf aufgreift und einem spitzwinkligen Dreieck gleicht. Der schlankeste Winkel des Dreiecks ist auf die Dülfer Straße hin ausgerichtet. Von der Straße aus gesehen erscheint das Gebäude dem Besucher wie ein überdimensionales Tortenstück – oder, wie Oliver Betz die Gestalt des Baukörpers beschreibt, als „Pfeilspitze“ mit drei Geschossen. Durch die markante, geometrisch klare Form und spannungsvolle Positionierung im Umfeld erhält das Gebäude einerseits eine städtebauliche Identität, einen eindeutigen Wiedererkennungswert und behauptet sich auch als kleines Gebäude im Umfeld, andererseits entstehen ob der außergewöhnlichen Form Innenräume mit anregenden Raumerlebnissen.

Drei Geschosse, drei Raumspangen

Obwohl für Kitas in der Regel zweigeschossige Bauten üblich sind, wird in München bereits seit längerem aufgrund der Grundstücksknappheit auch dreigeschossig gebaut. Und so ließ sich auch auf diesem Grundstück, so erläutert Oliver Betz, das vorgeschriebene Raumprogramm in der entwickelten Pfeilform einzig in einem dreigeschossigen Gebäude unterbringen. Die Raumaufteilung entspricht, so Betz, einer klassischen Sortierung: in der westlichen Raumspange sind die Diensträume, in der östlichen, zum Garten hin gelegenen, sind die Räume für die Kinder, in der nördlichen ist die Garderobe untergebracht. Die drei Spangen umfassen eine innere große Treppenhalle. Das Gebäude wird auf der westlichen Seite über einen Fußweg von der Straße aus erschlossen. Der Eingangsbereich ist durch die darüber liegenden auskragenden Obergeschosse geschützt. Im Erdgeschoss befindet sich am Eingang gelegen das Leitungszimmer mit Sichtfenster sowie ein größerer Mehrzweckraum mit Blick in den Garten, der auch für das Turnen genutzt werden kann. Dieser Raum ist mit einer Kletterwand und einer Slackline ausgestattet. Der ebenfalls ebenerdige Küchenbereich ist in der Gebäudespitze untergebraucht und wird von hier aus beliefert. In den beiden Obergeschossen sind die Gruppenräume zur Gebäudespitze hin platziert. Die westliche Gebäudespange beherbergt die Personalräume, die östliche zur Gartenseite hin Krippen- und Multifunktionsräume. Durch die Balkone dieser Räume fließen hier innere und äußere Spielflächen ineinander über. Die Balkone, auch als zweiter Fluchtweg konzipiert, werden über eine eigene Freitreppe an der nördlichen Wand des Gebäudes erschlossen.

Ein asymmetrischer Treppenraum zum Spielen

Durch die drei Geschosse führt eine asymmetrische, offene Treppenhalle mit einer bunt gestalteten Treppe. Mit einem großen Oberlicht für den Tageslichteinfall versehen bildet der Treppenraum das Zentrum des Gebäudes. Alle Verkehrsflächen der Halle können zugleich von den Kindern als Spiel- und Aufenthaltsraum genutzt werden. Durch die nicht rechten Winkel entsteht ein besonders dynamisches Raumerlebnis, das sich, so betont Oliver Betz, von den eigenen vier Wänden zu Hause abhebt.

Besondere Anforderungen an die Materialität

Oliver Betz berichtet, dass sich sein Büro sehr intensiv mit den besonderen Anforderungen an die Materialität des Gebäudes auseinandergesetzt hat. „Schaut man sich die Geometrie des Gebäudes an, so wird sofort deutlich, dass hier höchste statische Anforderungen zu berücksichtigen waren, die mit einem Ziegelbau nicht zu lösen gewesen wären. Wir haben uns daher für einen Stahlbetonkörper mit sehr hohen Betonqualitäten entschieden“, berichtet Betz. Darüber hinaus wollte man bei der Gestaltung der Fassade auch kindgerechte Holzoberflächen integrieren. In Ergänzung zu den die Fassade teilweise einkleidenden Flächen aus Lärchenholz entschied man sich für eine vorgehängte Fassade aus Betonfertigteilen in Sichtbetonqualität. „Beide Oberflächen“, so Betz, „passen gut zusammen, entwickeln eine angenehme Patina und werden im Laufe der Zeit eine immer harmonischere Einheit bilden.“

Auskragende, schlanke Betonfertigteile

Als besondere Herausforderung beschreibt Oliver Betz, die Dynamik, Eleganz und Schlankheit des Gebäudes auch auf die Konstruktion und Gestaltung der auskragenden Betonfertigteile zu übertragen. So wurden die Betonfertigteile für die Deckenstreifen auf der Westseite wie auch für die Balkone und das Dach auf der Ostseite so konstruiert, dass sie möglichst filigran und schlank wirken. „Es war“, so Betz, „ein durchaus aufwändiger Prozess, die entsprechenden Fertigteile so filigran zu planen. Mit dem Material Beton sind wir hier an die Grenzen des Machbaren gegangen.“ Darüber hinaus mussten diese Fertigteile zur Vermeidung von Wärmebrücken so konstruiert sein, dass sie mittels speziell entwickelter tragender Wärmedämmelemente, so genannter Schöck-Körbe, vor der tragenden Konstruktion des Gebäudes angebracht werden konnten. Insgesamt, so Betz, wurden von diesen über 80 unterschiedliche Konstruktionen eingesetzt, die vom Tragwerksplaner entwickelt und ausgeschrieben wurden. „Alle Lasten der Balkone wie auch die der Decken der Spitze des Gebäudes werden über diese tragenden Wärmedämmelemente weit in das Gebäude hineingetragen“, so Oliver Betz. Um einen idealen Wasserablauf gewährleisten zu können wurden die Betonfertigteile für die Balkone darüber hinaus mit Gefälle und Tropfnase konstruiert. „Das war“, so Betz, „schon eine spezielle Aufgabe, die sowohl der Tragwerksplaner wie auch der Betonfertigteilehersteller zu bewältigen hatten.“

Alle Betonfertigteile wurden von der Firma Siegl Fertigteile und Beton GmbH in Ergolding produziert. Die größten Teile für Balkone und Dach auf der Ost- und die Deckenstreifen auf der Westseite wiesen eine jeweilige Länge von vier bis fünf Metern auf. Ob der besonderen Form des Gebäudes produzierte das Betonfertigteilwerk insgesamt ca. 30 unterschiedliche Fertigteilformen. „Genau betrachtet“, so Oliver Betz, „sah fast jedes Fertigteil etwas anders aus. Nur zwei Fertigteiltypen konnten dreifach verwendet werden.“ Die größeren Teile wurden auf der Baustelle mit einem Autokran in das Bauwerk eingehoben. Die an der Nordseite platzierte äußere Fluchttreppe wurde in Ortbetonbauweise mit Stufenkörpern errichtet. Die Treppenläufe wurden mit Rückbiegeanschlüssen an der Treppenscheibe befestigt. „Auch hier“, so Oliver Betz, „haben wir darauf geachtet, alles möglichst filigran und reduziert zu gestalten.“

Das neue Haus für Kinder wurde Anfang Februar dieses Jahres von den Kindern bezogen. Sie dürfen sich in einem architektonisch so spannenden wie außergewöhnlichen Raum bewegen – gestaltet mit Lärchenholz und Sichtbeton. Dieser Materialität entsprechend wurde auch der Außenspielbereich mit eine Schallschutzwand aus Ortbeton in Sichtbetonbauweise gestaltet.

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