beton.orgKontaktImpressumDatenschutz

 

MAGAZIN / REPORTAGEN

Wie wohnen die Deutschen?

– und warum?


Wie entstehen Wohnstile? Ist die Wahl der Einrichtung nur eine Frage der finanziellen Möglichkeiten? Gibt es wissenschaftliche Erklärungsansätze? Der Wohnpsychologe Uwe Linke gibt Antworten.

 

Ein reicher Brite hat’s verbockt: Warum wir uns über Stil überhaupt Gedanken machen.

 

Es muss um die Mitte des 18. Jahrhunderts passiert sein. Ein verwöhnter Brite kam auf die schrille Idee, sein zukünftiges Haus nicht im ortsüblichen Stil bauen zu lassen, sondern von hier einen Kamin und von dort eine Fassade und von ganz woanders die Möbel zu kopieren. Bis dahin war die Welt des Stils in Ordnung, denn mangels Geld und klarer Werte sahen ein Haus und eine Einrichtung so aus, wie sie eben in einer bestimmten Region aussahen. Die Reichen bauten in der Tradition des Klassizismus, rieben sich an der schwierigen Frage auf, ob es eine römische oder griechische Säule werden sollte, und der Architekt war zuständig, auf die schnöde Konstruktion die Schönheit hinaufzudekorieren. Die Ärmeren bauten und richteten sich zweckmäßig ein und blieben bar des Wissen, wie man woanders baut und einrichtet. So manchem Beobachter schwant auch heute noch Entsetzliches: Wir Deutschen machen das immer noch so.

 

„Wichtig ist mir, dass die Dinge da stehen, wo ich sie brauche. Das Radio haben wir 1986 gekauft. Es funktioniert noch immer.“ (Rentner Werner R.)

 

Natürlich ist endgültig ein Schweizer schuld, der mit einem Traktat von läppischen 200 Seiten die Architektur und die Philosophie des Stils von Grund auf verändert hat. Le Corbusier forderte darin um 1930, dass ein „Haus asketisch und sauber, nüchtern und spärlich eingerichtet sein sollte“. Das Zuhause müsse Schutz bieten und dem Zweck dienen, nicht mehr. Seitdem versuchen die Deutschen „modern“ zu wohnen, oder sie leihen sich einen Stil wie etwa Landhaus oder Klassik, Ethno oder Kolonialstil.

 

„Die Funktion bestimmt die Form. Uns ist Reduktion wichtig. Unnötige Schnörkel mögen wir nicht.“ (Tiermedizinstudentin Leonie und Geschäftsführer einer Werbeagentur Frederik H.)


Psychologisch betrachtet verkörpern die Stile, die in die Vergangenheit gerichtet sind, immer eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit oder den dort vermuteten Verhältnissen, die eben noch „in Ordnung“ waren. Im Gegensatz zu heute. Denn durch die vollkommene Freiheit des Stils entsteht für die Kritiker auch ein geschmackliches Chaos. Der Ursprung des deutschen Denkens: der Sicherheitsgedanke. Wir wollen nicht nur physikalisch sicher wohnen und bevorzugen daher massive Baustoffe, sondern auch eine Stilsicherheit haben, um nicht übermäßig aufzufallen und damit aus dem Raster der Gesellschaft. Gerne koppeln sich die Wohnstile an die bekannten Milieus, die sich in Zusammenhängen zwischen sozialen Schichten und dem Unterschied der Einstellung manifestieren.

 

„Wir möchten das Traditionelle bewahren. Die Dinge haben ihren Wert und so passen sie auch in unser Haus.“ (Ruheständler Lisa und Bernd M.)

 

Die Spanne reicht dabei vom Bewahren der Tradition bis zum experimentellen Neuausloten und Überwinden der Grenzen.

 

„Meine Sammelleidenschaft bestimmt das ganze Sein. Die Kultur der Alltagsgegenstände hat mich schon immer fasziniert, und die brauchen ein Zuhause.“ (Sammler Peter E.)

 

Die Bandbreite ist also groß, und doch tummeln sich im geordneten Mittelfeld des Bewahrens und gemäßigten Modernisierens mehr als zwei Drittel der Bürger. Das Peak- Erlebnis der gesettelten Mitte ist die Ausrichtung auf Genuss und Individualisierung im bescheidenen Rahmen. Also weg mit der Wohnwand aus der guten Eiche und her mit dem italienischen Designer­regal mit Teilschiebetüren in Lackoptik. Meist ist das Designerregal in Schweden designt, denn der Möbelriese aus Skandinavien hat unseren und den weltweiten Geschmack bereits maßgeblich beeinflusst. Ikea hat die Tradition des Bauhaus mit der Maxime nach der Reduktion auf das Wesentliche ernstgenommen und die Moderne salonfähig gemacht.

 

„Ich träume schon von einem eigenen Häuschen mit dicken Mauern, großem Garten mit ein paar Schafen und anderen Tieren drumherum.“ (Buchwissenschaftlerin Kiki H.)

 

Psychologisch gesehen liegen wir damit im akzeptierten Mittelfeld und können uns so der Anerkennung anderer sicher sein. Auch erfüllen wir damit das Kriterium der Gruppenzugehörigkeit, was uns nach der Sicherheit besonders wichtig auf der Treppe der Bedürfnisse erscheint. Welche Rolle spielt dabei das Sich-zuhause-Wohlfühlen? Die Wohnpsychologie weiß darauf eine eindeutige Antwort: Ein echtes Zuhause ist der Schlüssel zum Glück!  Ist Ihnen diese These zu gewagt? Die Deutschen geben jedes Jahr 36 Milliarden Euro für Möbel und Einrichtungsgegenstände aus. Jeden Monat erscheinen über 200 Titel auf dem Zeitschriften- und Magazinmarkt. Jedes Jahr werden hunderte Bücher zum Thema Einrichten herausgegeben und verkauft. Was veranlasst uns, so viel  für unser Wohlbefinden in den eigenen Wänden auszugeben? Ist man nicht eingerichtet, wenn man Tisch, Stuhl, Couch, Bett, Kleiderschrank und eine Kücheneinrichtung hat? Die Geheimnisse der menschlichen Seele sind der Grund dafür, dass Wohnen für uns eine besondere Rolle im Leben spielt. Haben Sie schon einmal nicht gewohnt?

 

„Die Formen müssen schlicht sein und das Auge muss ruhen können. So haben wir unser Haus entworfen.“ (Designerin und Journalistin Christine K. und  Fotograf Peter H.)

 

Für die einen ist die Wohnung ein Raum, an dem man seine Sachen unterstellen kann. Man stellt das Übliche, Notwendige in den dafür vorgesehenen Räumen auf und hofft auf brauchbare Funktionalität. Für andere wird Wohnen ein Fest der Repräsentation, ein Zurschaustellen von Besitztümern, die eigentlich niemand braucht. Und dazwischen liegt eine ganze Bandbreite von Stilrichtungen, Menschentypen und Weltanschauungen, die uns im Leben als Gestalter begegnen. Alle haben letztlich eines gemeinsam: Menschen wollen glücklich sein, und dafür tun sie einiges. Alle müssen wohnen und natürlich wollen sich alle wohlfühlen, wie auch immer das für den Einzelnen aussehen mag. Und alle wollen und müssen zuhause Kraft schöpfen für die Herausforderungen des Lebens, sich erholen, Zeit verbringen mit Freunden, um Anerkennung zu bekommen oder das Gefühl zu haben, dass wir integriert und nicht allein sind. Wir wollen uns sicher fühlen und auch ungestört, unseren Hobbys nachgehen und essen und uns unterhalten oder unterhalten lassen. Um das zu erreichen, spielt der Aneignungsprozess eine bedeutende Rolle. „Aneignen“ meint, dass wir uns mit einem Thema intensiv auseinandersetzen und eben nicht die Vorschläge aus den Wohnmagazinen blind übernehmen. Es heißt auch, zu hinterfragen, was für uns wirklich wichtig, stimmig, sinnvoll ist und welchen Zweck wir verfolgen. Bedeutet Wohnen für uns Entspannen oder Anregen, Statement oder Suche, Vergangenheit oder Zukunft?

 

„Ich mag es gerne gemütlich und stylish zugleich. Klassische Möbel mit modernen kombiniert, machen es aus. Meine Wohnung muss nach mir aussehen.“ (Studentin Marlene M.)

 

Alle wollen wir uns wohlfühlen, und wenn wir dafür ein bisschen Barock brauchen und ein wenig toskanisches Landhaus, dann dürfen wir uns auch trauen, das zu kombinieren!

 

„Wir sind als Rentner oft zuhause. Da muss es uns einfach gefallen und praktisch soll es auch noch sein.“ (Rentner Elfriede und Erwin R.)

 

Wenn wir dann noch, als letztes Gewicht am Zünglein der Waage der Entscheidungen, unsere Vorurteile gegenüber der angeblichen Kälte der Schlichtheit ablegen können oder wagen unsere Gefühle auszudrücken, sind wir wirklich frei. Die Mischung macht’s.

 

Nur Mut! Die Briten und Schweizer sind übrigens genauso wie wir…

 

Der Autor

 

Uwe Linke ist ausgebildeter Coach, Trainer, Berater und Buchautor und war Inhaber eines Einrichtungshauses. Er gestaltet Einrichtungen für Lebensräume von Wohnräumen bis zu Arbeitsbereichen, von der Praxis bis zum Shop.

 

 

Uwe Linke / Coach und Trainer

Autor des Buches:

Die Psychologie des Wohnens

Ganghoferstr. 81 / 81373 München

www.wohnpsychologie.com