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MAGAZIN / REPORTAGEN

Nachhaltigkeitsreport - Urban Nature

"Hast du ein Gärtchen und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen." So schrieb schon Cicero und seine Worte haben nichts an Aktualität eingebüßt. So ein Garten hat etwas ungemein Lauschiges und Entspannendes. Im Schatten grüner Baume sitzend wähnen wir uns im Einklang mit der Natur. Und, allem Fortschritt, aller Modernität zum Trotz, eben das ist es doch, wonach viele streben – die Harmonie mit dem Großen und Ganzen. Auf Neuhochdeutsch kann man auch Nachhaltigkeit dazu sagen. Das Wohlbefinden, das sich einstellt, wenn Geben und Nehmen sich die Waage halten.

 

 

"Sie haben doch den besten Beruf hier im Haus". Solche Kommentare bekommt Lambert Fischer öfter mal zu hören. Und seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Herr Fischer ist Gärtner in der Commerzbank und er liebt seine Arbeit. Zehn Gärten – neun davon große Wintergärten – betreut er im zweithöchsten Gebäude Frankfurts. Schon 1997 hauchte Stararchitekt Sir Norman Foster diesem Turm die Magie der Stadtgärten ein. Damit und mit vielen anderen Aspekten rund um Klimatisierung, Belüftung und Energieeinsparung war der Architekt seiner Zeit voraus – das Gebäude wurde 2009 mit dem Green-Building-Award ausgezeichnet und damit seine Vorreiterrolle im Bereich des nachhaltigen Bauens gewürdigt. Auch heute – 15 Jahre nach seiner Fertigstellung – gehört es noch immer zu den besonders attraktiven Arbeitsplätzen in der Stadt.

 

 

Das liegt nicht zuletzt an den Gärten. Alle vier Stockwerke wechseln sich asiatische, mediterrane oder nordamerikanische Vegetation ab und formen fast eine Art Landschaft. Erstaunlich üppig gedeihen hier ganze Bäume – viel Ahorn, aber auch toskanische Zypressen und kräftige Olivenstämme. "Die Mitarbeiter sind gerne hier", weiß Herr Fischer. "Denn man kann hier nach einer anstrengenden Besprechung wieder den Kopf frei bekommen oder ein Gespräch mal in anderer Atmosphäre führen." Work-Life-Balance nennt man das, was die Gärten den Mitarbeitern der Commerzbank schenken, das gute Gefühl beim Arbeiten nicht das Leben zu verpassen. Auch das ist Nachhaltigkeit – ein wertschätzender Umgang mit den Ressourcen Arbeitskraft, Inspiration und Kreativität. Nur wer zwischendurch auftankt, ist belastbar. Nur wer sich wohlfühlt, ist auch bereit sich zu engagieren.

 

 

Dass die Nähe zur Natur gerade dem Stadtmenschen Entspannung schenkt, ist vielleicht keine Neuigkeit. Neu sind jedoch Radikalität und Einfallsreichtum, mit denen Stadtgärten heute umgesetzt werden. Blumen auf Verkehrsinseln, Kräutergärten in Bürogebäuden, Imkereien auf Museumsdächern oder Gemüseanbau auf städtischem Brachland. Das sind Varianten des Urban Gardenings, die weit mehr können als ein wenig Grün in die Städte zurückzuholen. Der Kontakt mit der Erde tut gut. Wühlen und Buddeln, Pflegen und Ziehen sowie das geduldige Warten bis zur Ernte, das sind kontemplative Erfahrungen, die uns gerade in den großen Metropolen oft abgehen. Im Kontakt mit dem Garten stellt sich ein anderer Blick auf die Welt ein. Demütiger, was das menschliche Vermögen angeht, besonnener, was den Umgang mit Leben und Natur betrifft. In größeren Stadtgärten, wie beispielsweise den Prinzessinnengärten in Kreuzberg, treffen sich Menschen aller Lebensstilrichtungen. Familien, Ökos, Gesundheitsbewusste, Gourmets, Alternative und Gartenliebhaber aller Nationen und sozialen Schichten. Verbunden sind sie durch das Gefühl, dass die eigene Arbeit nicht nur abstrakte Werte und Dinge, sondern Leben und Nahrung – also etwas Nachhaltiges – hervorbringt. Daraus entsteht – über regionale, gesunde Nahrungsmittel hinaus – eine Kultur des Miteinanders. Da diskutiert die anatolische Hausfrau mit dem jungen deutschen Hausmann über das beste Mittel gegen Schädlingsbefall. Da suchen kritische Lebensmittelkenner die zartesten Spinatblätter und Punks parlieren mit Rentnern über das Wetter, das dieses Jahr so herrlich die Beeren gedeihen lässt. Welten treffen aufeinander und lernen sich kennen, weil sie mitten im quirligen Hin und Her der Großstadt einen gemeinsamen Sinn gefunden haben – ein Stückchen Lebensbetrachtung, das über den schönen Schein des schnöden Mammon und die Dinge, die wir dafür kaufen können, hinaus weist. Darüber mag auch Sir Norman Foster nachgedacht haben, als er die Gärten des Commerzbank-Gebäudes in Frankfurt erfand. Lohnende Gedanken – immerhin arbeiten in dem turmartigen Gebäude auf rund 86.000 Quadratmetern heute ungefähr 2.000 Menschen. Und gerade da, wo so relativ abstrakten Tätigkeiten nachgegangen wird wie in einer Bank, kann der Bezug zur Natur den Blick auf das Einfache schärfen. Pflanzen, die man riechen, erleben und fühlen kann, sind mit ihrer lebendigen Gegenwart eine Schnittstelle zur echten Welt im Artifiziellen eines Büroalltags. Manch einer findet im Grün der Gärten zu konstruktiven Gedanken und manches Projekt profitiert davon.

 

 

Lambert Fischer steigt indes in den Fahrstuhl und fährt vier Stockwerke weiter hoch. Er hat ganz andere Sorgen. Der Schädlingsbefall ist in den großen Wintergärten immer wieder ein Thema. Kein Frost, kein Winter, keine Fressfeinde. "Die Schädlinge fühlen sich hier sauwohl." Dazu kommt, hier im Innenraum fehlen natürlich die Insekten zur Bestäubung, viele Pflanzen blühen deshalb nicht oder werden – auch wenn es Mühe macht – eigens manuell bestäubt, wie die Zitronen- und Limettenbäume. Auf den betörenden Duft der Zitrusblüten mag Herr Fischer nicht verzichten. Die Fahrstuhltür geht auf, Gärtner und Gärtnerwagen sind in der 31. Etage angekommen: Hortensien blühen neben blauen Glockenblumen und Hibiskus. Davor ein Ahornbaum und ein überwältigendes Panorama der Stadt und des Umlandes. Ein Blick, den man nicht vergisst. Auch das ist nachhaltig.


Es macht wieder Sinn ein Stadtmensch zu sein

 

Wie wollen wir leben? Woher kommt unser Essen? Wie funktioniert Landwirtschaft? Und wo sind unsere Wurzeln? Es sind solche und ähnliche Sinn-Fragen, die all die Menschen beschäftigt die der Natur von in Stein gemeißeltem Stadtleben heute gerne eine lebendig grüne Mütze aufsetzen. Dieser Mützen gibt es viele: mobile Stadtgärten wie die Prinzessinnen-Gärten in Berlin Kreuzberg, Dachgärten auf den Hochhäuern von New York, Bienenstöcke auf dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, Gemeinschaftsgärten auf Verkehrsinseln oder Guerilla-Gardening in losen Bürgersteigfugen. Allen Beispielen gemeinsam ist eines: Sie erzählen nicht von der Flucht auf’s Land. Denn ebenso wie Urban Gardening die Sehnsucht nach Natur, nach Wachsen und Versorgen widerspiegelt, so ist es doch auch ein Bekenntnis zum Leben in der Stadt. In der Erde graben und U-Bahn fahren, Gemüse ernten und auf Fast-Food nicht verzichten, Natur erleben und Kultur gestalten. Urban Gardening macht die Kluft zwischen den Gegensätzen ein bisschen kleiner. Vielleicht gerade so viel, dass es wieder Sinn macht, ein Stadtmensch zu sein.

 

Buchtipp: Dachgärten, Rasenflächen auf Wolkenkratern, Blumenbeete auf Bürohäusern und urbane Landwirtschaft auf hoch gelegenen Terassen. Der Fotograf Alex Mac Lean hat sich in seinem Buch Über den Dächern von New York, Alex MacLean (Schirmer/Mosel Verlag) den Dachlandschaften von New York aus der Vogelperspektive gewidmet.