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MAGAZIN / REPORTAGEN

Nachhaltigkeitsreport - Energie

Es liegt da wie eine Skulptur, eine betongewordene Echse aus der Urzeit. Dahinter – oder besser darin – verbirgt sich Technik, große leistungsstarke Kaplanturbinen. Das neue Illerkraftwerk in Kempten erzeugt mit Wasserkraft 10,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr erneuerbaren Strom für bis zu 4.000 Haushalte. Das ist gut und nachhaltig, aber an sich nichts besonderes. Ungewöhnlich ist das Bauwerk, das die Technik beherbergt. 2010 hat das Illerkraftwerk eine neue Gestalt bekommen. Und die ist nicht nur erstaunlich künstlerisch, sondern auch nachhaltig beeindruckend.

 

Davon zeugen Besucherströme, die seit der Fertigstellung des Bauprojektes in Kempten staunen kommen. Energieerzeugung mit Emotion? Genau das ist es, was den Bauherrn, die Allgäuer Überlandwerk GmbH, an dem Entwurf so überzeugte. Der Aufbruch in eine neue Energiezeit wird eine große Sache und ist so wichtig für die kommenden Generationen. Ohne Gefühl ist das kaum zu vermitteln.


Auch Architekt Michael Becker hat sich mit seinem Entwurf Visionärerem verschrieben, als nur ein technisches Gebäude zu errichten. „Die architektonische Thematisierung von Energie ist eben nicht nur ein technischer, sondern auch ein kultureller Beitrag.“ Man glaubt’s gerne – das Objekt sprengt mit seiner Anmutung den baulichen Rahmen.

 

 

Eher ist es ein künstlerischer Entwurf, eher ein bildhauerischer Beitrag als ein Gebäude; eine besondere Umsetzung für eine besondere Situation im Fluss. Nicht umsonst erhielt das Bauwerk den „Architekturpreis Beton“ und wurde unter anderem im Jahr 2011 auch mit einer Anerkennung des Deutschen Architekturpreises ausgezeichnet. Steine im Fluss – das war das Grundthema für Michael Becker – die Steinlandschaft in der Iller hat eine ausgeprägte Anmutung. Nagelfluh ist im Alpenvorland das dominierende Gestein. Scherzhaft wird es manchmal als „Herrgottsbeton“ bezeichnet. „Es musste also Beton sein, am liebsten geschliffen“, erinnert sich der Architekt. Aus dem Schleifen wurde aus technischen Gründen nichts, das Bauwerk im Wasser brauchte eine Haut und die bekam das Kraftwerk schließlich aus gebrochenen Flusskieseln. So wurde der lokale Bezug noch verstärkt. Jetzt sieht es aus wie ein vom Wasser gehöhlter Körper. Es erinnert an die Steine im Fluss und damit an die Energie, die dem Wasser innewohnt. Nicht nur im, sondern auch am Fluss, entfaltet die Gestalt des Illerkraftwerks ihre Wirkung. „Wir haben hier nach einem starken städtebaulichen Impuls gesucht, der in diesem innerstädtisch im Grunde längst vergessenen Quartier eine neue Urbanität auslösen kann“, bezieht Michael Becker die Lage des Kraftwerks in Kempten in seine Erklärungen ein. Eingerahmt wird das Kraftwerk nämlich von brachliegenden Industriegebäuden aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Eine Spinnerei, eine Weberei – eigentlich hochwertige Gebäude, die lange leer standen und jetzt wieder reaktiviert werden. Wohnungen werden derzeit geschaffen. Das Kraftwerk wurde so konzipiert, dass kein Brummen der Turbinen die Bewohner stören kann. Dazu wurden die Maschinenräume komplett entkoppelt, ein spezieller wasserfester Schaum dämpft jedes Geräusch – ein ruhiger Ort ist entstanden.

 

Ein Kraftwerk als Lebensmittelpunkt? Energieerzeugung als Stadtteilkultur? Warum eigentlich nicht? Das Thema Energie wird uns ebenso wie die Generationen nach uns in hohem Maße beschäftigen. Wir werden umdenken, Energie und das, was sie in unserem Leben bedeutet, neu einordnen müssen. In Kempten hat man damit begonnen. An den am Kraftwerk angrenzenden Uferbereichen werden neben den Wohnungen auch Geschäfte, Dienstleistungsunternehmen, Gastronomie und Kultur den Rahmen für einen Aufenthalt stecken, der mehr ist als ein flüchtiger Besuch. Das sinnliche Erleben eines Ortes, der den Wunsch auslöst, zu verweilen.

Bleiben ist nachhaltiger als gehen.

 

 

Wenn ein Wasserkraftwerk zur Skulptur wird, dann sagt das einiges über die Bedeutung von Energie in einer Gesellschaft aus: Es wird ihr sozusagen ein Denkmal gesetzt und das geschieht gewöhnlich nur mit Themen, die uns kulturell tief berühren. Es scheint, dass sich im Angesicht der Energiewende unsere Abhängigkeit von Energie im gesellschaftlichen Gedankengut, in der Kultur breit macht. Kinder lernen auf Schritt und Tritt, wie Energie zu sparen sei und das einst so unschuldige Windrädchen im Balkonkasten sieht sich mit neuen philosophischen Dimensionen konfrontiert. Political Correctness definiert sich jetzt unter anderem darüber wie man mit Energie umgeht: Die Chance auf den Titel „netter Kerl“ hat eben eher einer, der das Licht ausmacht oder die Brötchen mit dem Fahrrad holt.

 

König ist in einem solchen Umfeld, wer nicht nur spart sondern einen aktiven Beitrag zur Energieproduktion leistet. Auf einmal hat Charme, was früher nach Versorgermuff roch: Wir werden alle Kraftwerksbetreiber. Die Solaranlage auf dem Dach, das Blockheizkraftwerk im Keller und die Bürgerbeteiligung am Windrad auf der nächsten Hügelkuppe. Da weht ein Hauch von Unabhängigkeit durchs Land – Anarchie sogar? So weit wollen wir nicht gehen. Markt und Marktforschung haben das Phänomen bereits eingefangen. Prosumer heißt die neue Gattung, die Consumer und Produzent unter einem Dach vereint. „Darf ich mich vorstellen, Thomas Meier, Marketingleiter und Windmüller“, so könnte das in Zukunft bei der Vorstellungsrunde auf einer Party heißen. Wissend nickt das Gegenüber: auch ein Prosumer. Und dann kommt das übliche Party-Gerede über Einspeisevergütung, Smartmeter und die beste APP für die Kraftwerksüberwachung... Small-Talk eben. Nur nachhaltig.