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MAGAZIN / REPORTAGEN

Nachhaltigkeitsreport - Bauen

Heidelberg ist eine quirlige Studentenstadt. Eine Stadt, in der die Forschung viel Tradition hat und die sich weder über einen Mangel an Geschichte, noch über einen Mangel an Innovation beklagen kann. Tut sie auch nicht. Aber Wohnungsmangel, den gibt es schon. 8.000 bis 13.000 Wohnungen zu wenig, so sagt die Statistik. Bitte sehr, wie löst man das, wenn man im Bestand nicht zu sehr verdichten und die Menschen auch nicht auf die grüne Wiese auslagern will?

 

Unweit der Altstadt, fast schon zentral gelegen, befindet, pardon, befand sich das Gelände des alten Güterbahnhofs. 1997 wurde er stillgelegt. Seit das bekannt wurde, entdeckten die Stadtplaner das Gelände für sich. 116 Hektar Bauland mitten in der Stadt. Ein Glücksfall, eine Chance. Und eine große Verantwortung. Entstanden ist daraus ein ambitioniertes Projekt – die Bahnstadt, die gerade auf Hochtouren wächst: die größte Passivhaussiedlung Europas, ein familiengerechtes Quartier, barrierefreies Wohnen für alle Generationen, ein Forschungscampus, ein autoreduziertes Wohn- und Arbeitsquartier. Nachhaltig ist daran so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann – vom Flächenrecyling bis zur Fernwärme aus dem Holzhackschnitzelkraftwerk, vom Lärm- bis zum Verkehrskonzept.

 

 

"Das Fahrrad soll hier das Leitverkehrsmittel werden", erklärt Arno Lieke vom Stadtplanungsamt. Denn wer hierherzieht, kann im Grunde auf das Auto verzichten. Es gibt eine hervorragende Radwegeinfrastruktur, die Anbindung an die Altstadt wird über Radbrücken gewährleistet, Schulen und Kindergärten werden gebaut, es gibt Geschäfte und Ärzte. Außerdem ist ein Bürgerzentrum geplant. Und dann eben der Forschungs- und Innovationscampus, im Idealfall liegen Wohnen und Arbeiten hier dicht beieinander und dann hat man ein Leben der ganz kurzen Wege. Arno Lieke geht mit kritischem Blick über die Baustelle. Für ihn steckt der Erfolg der nachhaltigen Planung in unendlich vielen Details. Es gibt viel zu bedenken. Dass die Bahnstadt beispielsweise wirklich kindgerecht wird, hängt nicht nur an den Kitas und Spielplätzen – auch wenn diese liebevoll gestaltet und durchdacht sind.

 

 

"Wir versuchen einen Raum zu schaffen, der für Kinder ungefährlich ist und in dem kaum Autos fahren. Kinder sollen hier selbstständig unterwegs sein können und sich alleine zurechtfinden." Lebensqualität, da sind sich alle einig, hängt gerade hier an den südlichen Ausläufern der Bergstraße in hohem Maße an der Qualität der Außenflächen. Wenn die Bahnstadt einmal fertig ist, wird es hier fast so viele Grünflächen wie Freiflächen geben – grünes Wohnen fast in der Innenstadt. Bäume und Büsche sorgen für ein angenehmes Klima und sogar die Betonsteine, mit denen die Wege gepflastert sind, reduzieren die Schadstoffe in der Luft. Mit einer speziellen Oberfläche versehen, wandeln sie schädliche Stickoxide in Nitrate um, die der Regen von den Steinen spült. Dann, nach einem ordentlichen Sommerguss, ist die Luft ganz klar. Und der Himmel über der Bahnstadt ist wieder nachhaltig blau.

 

Vielleicht ist die Welt einfach zu groß für uns. Wir könnten doch überall wohnen. Tun wir aber nicht. Warum wohnen wir hier? Warum nicht woanders? Diese Frage wirft eine weitere auf: Was ist eigentlich ein Zuhause? Das Lexikon sagt dazu: Der Ort, an dem jemand dauerhaft lebt. Im Plural gibt es das Wort Zuhause übrigens nicht. Dem könnte man sich ja noch mit einem Trick entziehen: Zuhause in der Welt, könnte man sagen. Das hört sich gut an, klingt jung und dynamisch, irgendwie weltgewandt. So, als wären wir ebenso gerne in den Slums von Kalkutta wie im tropischen Regenwald oder in den Schweizer Alpen. Oder aber in Heidelberg in der Bahnstadt. Wir sind aber meistens gar nicht ebenso gerne da wie dort. Am liebsten sind wir ab und zu mal weg und dann aber auch wieder hier: Zuhause! Im Kiez, wo wir die Leute von nebenan kennen, die Wohnungstür auch im Dunkeln finden und die Bäckersfrau uns grüßt. Wo es so unkompliziert ist, mal beim Nachbarn etwas Zucker auszuleihen. Ein überschaubarer Lebensraum eben, bekannte Wege und viele bekannte Gesichter. Ein paar Bäume, eine Wiese und freier Blick auf den Himmel. Klingt langweilig? Macht nichts. Woanders ist Zuhause auch nicht spannender.