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MAGAZIN / REPORTAGEN

Modernes Handwerk

Auf der kleinen Bank vor der Laube im Steinberger Hang wirkt Kellermeister Ralf Bengel wie ein tief zufriedener Mann. Was angesichts des Wetters und der Aussicht auf eine Weinlage, um die ihn viele andere Winzer beneiden würden, sehr verständlich ist. Sein Arbeitsplatz im Kloster Eberbach bei Eltville verbindet die Geschichte des jahrhundertealten Standortes der Zisterzienser mit einem zeitgemäßen Weinbau, der sich auch in einem der architektonisch modernsten Weinkeller manifestiert.

 

Seit dem Wirken der Mönche, die zum Schutz vor den neidischen bäuerlichen Nachbarn eine, in dieser Form einmalige, geschlossene Mauer um ihren Weinberg zogen, veränderte sich die Landwirtschaft. Doch der Weinbau blieb trotz Industrialisierung und Automatisierung ein im Kern handarbeitsintensives Geschäft. „Bis zur Traubenernte geht man 13 Mal um den Stock herum“, zitiert Ralf Bengel ein altes Sprichwort. Schneiden, Gerten, Stämme anbinden, Heften und Laub schneiden – selbst in weniger steilen Lagen, bei denen maschinelle Bodenbearbeitung möglich ist, summiert sich die Zahl der Arbeitsstunden auf 200 pro Hektar.

 

In steilen Lagen steigt der Aufwand sogar auf 1.000 Arbeitsstunden pro Hektar. Das mag in Deutschland schwierig sein, aber Ralf Bengel versteht es als Herausforderung an das Weingut, bessere Weine zu erzeugen. „Es zwingt uns dazu, auf steilen Hängen besondere Qualitäten zu erzielen, damit wir Kunden finden, die bereit sind, diese höheren Preise zu bezahlen.“ Nachhaltigkeit ist im Weinbau kein Modewort, sondern vielmehr das Bewusstsein, nie kurzfristig planen zu können. Die Standzeit der Reben eines Weinberges beträgt zwischen 30 und 40 Jahren, und der Trend geht sogar dazu, die Standzeiten eines Weinstocks zu verlängern, da zwar der Ertrag ab-, die Qualität hingegen zunimmt. „Entscheidungen, die wir hier treffen, haben wir möglicherweise bereits für die nächste Generation mitgetroffen.“ Allein im Steinberg, einem der ältesten Weinberge im Rheingau, wird seit 850 Jahren ununterbrochen Weinbau betrieben. Gerade angesichts dieser Dauerkultur, so Ralf Bengel, müsse man mit dem Boden des Weinbergs und seiner Bewirtschaftung sehr sorgsam umgehen. Einmal im Jahr – und zwar seit 1806 – reisen Weinfreunde aus aller Welt zum Kloster Eberbach und zahlen bei der Versteigerung der seltenen Flaschen deutlich vierstellige Preise. Ralf Bengel weiß, was die Liebhaber trinken, schließlich hegt er die Schatzkammern, in denen die edlen Flaschen gepflegt und umgekorkt werden und der Spund aufgefüllt wird. Im Vorfeld der letzten Versteigerung verkostete er 1920er und 1921er Riesling und war überrascht, wie frisch und durchaus trinkbar der Wein noch ist. „Selbst ein Riesling von 1706 ist etwas anderes als das, was wir heute gewohnt sind. Aber es ist durchaus Wein.“

 

Geschmack und Qualität seien relative und weitgehend veränderliche Größen, erklärt Ralf Bengel. Mit den Lebensgewohnheiten hätten sich in den vergangenen 30 Jahren auch die Weinvorlieben verändert: In Deutschland trank man bis zum Beginn der 1980er Wein nach dem Essen – nicht während. Anders als in Frankreich, wo Wein und Essen untrennbar zusammengehörten. Mit dem Einzug einer leichteren Küche etablierte sich auch in Deutschland eine Vorliebe für trockene Weine mit weniger Restsüße.

 

Im Moment zum Beispiel gebe es eine Nachfrage nach sehr „jungen“ Weinen, erklärt Ralf Bengel. „Noch vor 20 Jahren hätte man einen Rheingauer Wein mindestens drei Jahre gelagert. Heute muss im Frühling der Vorjahres-Jahrgang verfügbar sein. Junge, frische, sehr klare und feinfruchtige Weine mit Aromen von Aprikosen.“

 

Ralf Bengel ermuntert Weinliebhaber, weniger auf prominente Bewertungen von Weinen zu vertrauen, denn auf ihren eigenen Gaumen. Auch wenn die Weine aus Eltville regelmäßig mit Spitzennoten prämiert werden: „Was soll ich als Verbraucher mit Punktwertungen anfangen? Wer hat den Wein probiert, und warum hat er 90 Punkte? Es gibt so viele Facetten von Wein, und jeder hat ein eigenes Geschmacksempfinden. Wie gut unser Wein ist, stellen wir am sichersten über unseren Kunden und unsere Verkaufszahlen fest. Wenn wir im Weingut selbst merken, dass uns ein großer Jahrgang gelungen ist, schnellen die Absatzzahlen hoch.“

 

So gerne und profund der Kellermeister Ralf Bengel über Wein spricht – es gibt ein Thema, bei dem der studierte Önologe sehr lange zögert. Bei der Frage nämlich, ob er auch schon mal ein Bier trinkt. Sehr selten ist das. Es muss ein Sommertag sein. Ein sehr heißer Sommertag, schränkt er ein. Aber gerade die sind eigentlich auch ideal für einen kühlen Riesling.