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MAGAZIN / REPORTAGEN

Ist gut was schön ist?

Architektur im Wettbewerb

 

Der Architekturkritiker, so stellte man sich es in der Vergangenheit vor, ist ein strenger Kunsthistoriker gesetzteren Alters, der sich im Feuilleton bewährt hat. Mit einem Regenschirm in der Hand umrundet er das Objekt seiner Betrachtung, nimmt Maß und bewertet die Proportionen. Für das Schreiben hat er Zeit, denn das Haus wird lange stehen und selbst einen heftigen Verriss um viele Jahrzehnte überdauern.

 

Die öffentliche Wahrnehmung von Architektur hat sich rapide verändert. Sie ist kein Nischenthema mehr, sondern Diskussionsgegenstand. Dank moderner Visualisierungstechniken oft auch schon vor dem eigentlichen Bau. Jede neue Architektur wird als Intervention in den öffentlichen Raum wahrgenommen, betrifft Partikularinteressen von Bürgern, Anwohnern und Nachbarn. Ist der Bauherr eine Kommune, wird sie auch politisch bewertet, und der Kriterienkatalog für Bauten ist länger geworden: Architektur muss sich an vielen Parametern messen lassen. An ihrer Fähigkeit, sich in Räume zu integrieren, sie zu prägen, an ihrer ikonischen Qualität, ihrem Nutzwert und ihrem ökologischen Fußabdruck.

 

 

„Die Organisation von Preisen mit den damit verbundenen Jurydiskussionen und Publikationen ist ein guter Weg, um diese Kriterien immer wieder zu aktualisieren und zugleich qualitätsvollem Bauen eine Plattform zu geben“, so beschreibt Thomas Kaczmarek, Geschäftsführer des InformationsZentrums Beton, den doppelten Nutzen von Architekturpreisen. Bereits seit 1974 zeichnet der Architekturpreis Beton herausragende Leistungen der Architektur und Ingenieurbaukunst aus, die vom Baustoff Beton geprägt sind.

 

In diesem Jahr wird dieser Preis, der die gestalterischen, konstruktiven und technologischen Möglichkeiten des Baustoffs auf verschiedenste Art auslotet, vom InformationsZentrum Beton in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten zum 19. Mal verliehen. „Die Dokumentation der Juryentscheidungen und die Veröffentlichung der Ergebnisse sind für uns nicht der eigentliche Abschluss des Wettbewerbs“, betont Thomas Kaczmarek. Vielmehr starte erst damit „die baukulturelle Debatte und die Frage: Wie wollen wir in Zukunft wohnen, leben und arbeiten?“. Im Rückblick auf die lange Geschichte des Wettbewerbs sind nicht allein die Preisträger interessant, sondern auch so kongeniale Zusammenarbeiten wie die des Architekten Peter Neufert mit dem Ingenieur Stefan Polónyi, die bereits 1971 gemeinsam das Keramikmuseum Frechen realisierten. Polónyi, der sich als Möglichmacher von kühnen Tragwerken verstand, realisierte mit Neufert einen hauchzarten Körper aus Beton, der sich zu der 23 Meter großen Töpferscheibe des „Keramion“ aufspannt – rundum verglast und sich dem Raum der umgebenden Grünanlage öffnend. Das Credo Polónyis: „Es ist nicht Aufgabe des Ingenieurs, dem Architekten klarzumachen, dass es nicht geht, sondern zu zeigen, wie es geht“ gestaltete sich zu einem Bau, der einem auch heute noch den Atem verschlägt. Ähnlich aufregend: der Würfel mit 35 Metern Kantenlänge auf dem Gelände des UNESCO-Kulturerbes Zeche Zollverein. Ein hellgrauer matter Betonwürfel des Architektenduos Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa aus dem Tokioter Büro SANAA. Während die Außenhaut durch die aleatorische Verteilung der Fensterflächen und -größen zum Zeichen wurde, ist der Innenraum durch sein flexibles Nutzungskonzept geprägt. Zugleich steht der Bau, der ursprünglich einen neuartigen Schnittstellenstudiengang beherbergen sollte und heute Heimat der Folkwang Universität der Künste ist, für die technischen und ökologischen Aspekte zeitgemäßen Bauens und die Einbeziehung der spezifischen Gegebenheiten.

So steht das SANAA-Gebäude, der Name des Architekturbüros bleibt offenbar für immer mit dem Bau verbunden, auf dem Schachtgeflecht einer ehemaligen Zeche. Die Problematik dieser Altlast – das Grubenwasser muss abgepumpt werden, um ein Volllaufen und Einstürzen der Schächte zu verhindern – wurde für ein sehr modernes und perfekt auf diesen Ort bezogenes Energiekonzept genutzt. Ein mäanderndes Rohrsystem in der Außenhaut klimatisiert das Gebäude mit warmem Grubenwasser und machte es möglich, die Betondicke drastisch zu verringern.

 

Betrachtet man in der vierzigjährigen Rückschau die Wettbewerbssieger und Wettbewerbsbeiträge, objektivieren sich häufig auch damals kontrovers geführte Debatten, und es zeigt sich, dass Qualität von Architektur eine Langzeitwirkung hat: dass etwa die offenen Fassaden des sozialen Wohnungsbaus von Frankfurt-Bonames sich tatsächlich zu einem lebendigen Stadtraum entwickelten oder dass die Stadtbahnstation Bochum zu einem modellhaften Beispiel für zeitgemäße Mobilitätsarchitektur wurde.