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MAGAZIN / REPORTAGEN

Drei Mann in einem Wohnmobil

 

Eine Tour de Beton durch die Alpenregion

 

Ich spüre noch das grüne Blattwerk der Platanen in unserer Straße und wie es nur zaghaft den blauen Himmel durchblitzen ließ. Die Reise hat begonnen. Erstes Ziel: Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Die Fahrt ging in Richtung Leonberg, wo wir feierlich und kreischend mit den Händen am Haupt den Engelbergtunnel durchpflügten. Ein offizieller Tunnel musste schon sein, wenn wir in die Alpen fahren und Bauwerke aus reinstem Beton fotografieren wollen.
Ein bisschen Betonautobahn, die Betonleitplanke, wie ein selbstverständliches Relikt am Rande der Straße, wir wollen nicht drüber sprechen und doch ist sie da und ist notwendige Sicherheitsmaßnahme. Man nimmt die Autobahn ja so hin und reagiert irritiert, wenn eine Baustelle das sanfte Dahingleiten unterbricht, doch all das will gebaut sein, will erdacht und umgesetzt sein, muss gehegt und gepflegt werden, dachte ich versunken in diesen betonreichen Gedanken, die uns alle die letzten Wochen beschäftigten. Mit mir auf diese eigenartige Reise machten sich der Fotograf Daniel Roos („Ein Traum!“) und der junge Grafiker und Extremassistent Kacper Potega („Woooohooo!“), die beide eine Ausgeburt
an guter Laune und stoischer Durchführungs-beflissenheit waren. Solche Leute braucht man für acht Tage Wohnmobilfahren auf steilen Alpenpässen und öden, ewig sich windenden Landstraßen. Ich blickte aus dem Panoramafenster unseres fahrenden Wohnzimmers und war bester Dinge.

 

Kilometer 649 / Ronchamp Notre Dame du Haut

Es ist ein einziges Fahren durch Frankreich. Eine endlose Schlange von, ich weiß nicht, zweitausend Motorradfahrern zieht an uns vorbei. Ich habe vergessen nachzuschauen, was der Anlass für diese Masse an Zweiradfahrern ist. Die Ecke um Belfort ist grundsolide. Nichts Ausschweifendes, eher wie die Eifel, doch ist in der Eifel mehr Mythos in den Dörfern. Hier stehen sie jedoch ebenso stoisch an den Straßenrändern, rauchen, schweigen sich an. Haben sich schon sattgesehen an dem bisschen Zeug. Wir fahren nach Ronchamp. Seit der Verwendung eines Navigationsgerätes sind Reisen mit dem Auto wie Bahnfahrten. Kein Knittern der umständlich ausgefalteten Straßenkarten, keine Sackgassen, kein Steckenbleiben im Morast des Fehlweges. So erwartet man nur das Ziel, weil es sonst nichts gibt, was ablenkt, besonders in dieser Gegend nicht, denke ich, eindösend.
Von der Rue le Corbusier geht die Rue de la Chapelle hinauf nach Notre Dame du Haut. Der Weg erklärt so einiges, aber nicht alles. Dann staune ich. Es ist Ruhe, trotz bildungsbeflissenem internationalem Architekturstudententum und Le-Corbusier-Freaks ist hier Frieden. Die Kapelle steht an einem Ort, an dem nichts anderes sein darf. Wie ein Widder steht das Werk, wirkt wie grasend auf dem Rasen, dem Himmel unaufdringlich zugewandt. Nicht anbiedernd, eher frech, aber respektvoll und in Würde will es einladen zum Verweilen. Wir sitzen da, die Sonne scheint. Der Herbst ist da. Schön.

 

Kilometer 954 / Val d’Hérémence

Es ist das schönste Licht, das du nicht erwartest, was bis tief ins Innere leuchtet.
Doch eins nach dem anderen. Nachts kamen wir an. Der Pass in Serpentinen. Das Wohnzimmer über filigrane Brücken gequält. Du weißt, dass da draußen Berge sind, aber du siehst sie nicht. Die Schweizer sind so gründlich in allen Belangen, so beruhigend und von höflicher Distanz, sind wie Großeltern zu dir und alles ist bereitet. Wir parkten das Wohnzimmer bei Vex, inmitten des Schweizer Charmes der 60er Jahre. Altmodische Duschtechnik und ein gutes Abendessen stimmen auf die Nacht ein, aus der kurzen Entfernung rauscht ein Bächlein, die Luft ist klar und wie Metall. Schnell schlafen wir ein. Das Wohnzimmer zum Schlafzimmer umfunktioniert.
Und am Morgen waren da gewaltige Berge und Schnee. Alles, die Häuser, die Höfe, die Zäune, Weiden, Wiesen, Schneisen im Wald, Wälder, alles war wie sorgsam aufgestellt, alt zwar, aber voll pittoresker Leibhaftigkeit. Was wir zu schätzen wussten. Die Sonne kam heraus, färbte den Himmel in feinstes Hellblau. So näherte sich der Mittag, als wir mit dem Wohnzimmer in Hérémence ankamen. Hier soll also ein architektonisches Sakralmonument stehen, denke ich mir, im Vorbeifahren an fein säuberlich gestalteten Straßen und deren Rändern. Jeder Randstein scheint per Hand gehauen, die gusseisernen Kanaldeckelchen sind wie Medaillen, die der Straße verliehen wurden. Am Himmel keine Wolke, nur ein Blau in unbegreiflichem Ausmaß war da und so bogen wir quasi um die Kurve und dann stand sie da. Die Kirche von Hérémence. Was waren das für Zeiten, dass man sich das so bauen ließ. Feudal müssen sie gewesen sein, die Bauherren, und voller Mut für reinsten Sichtbeton, blinzele ich dem Kirchlein zu. Das mehreckige Gebäude wirkt wie ein Raumschiff. Es ist Mittagszeit, unten tummeln sich Kinder und sind so zaghaft fröhlich und doch nicht aufgekratzt. Wir betreten das Innere der Kirche. Still ist es in ihr. Kein Laut dringt nach innen und so vernehmen wir lediglich, als gehöre das zum Konzept, die leisen Tropfen, die im Taufbecken Ringe ins Wasser schlagen. Es ist wie in einem Bildnis von M. C. Escher. Unten, oben, die Richtungen verschieben sich. Man möchte sich festhalten und ist doch in Ruhe geborgen.
Ein Meisterwerk, in dem wir jetzt sind.

 

Kilometer 967 / Lac des Dix

Diese Tage sind wie eine Filmkulisse. Nicht in der Lage, das Blau des Himmels zu beschreiben, das mich doch so fasziniert, reisen wir weiter. Den Zustand des reinen Abhakens vermeidend, halten wir die Impressionen aus Hérémence am Leben, plaudern und freuen uns wie die Kinder. Das Wohnzimmer erklimmt den Berg hinauf zum Lac des Dix, dessen Staumauer uns interessiert. Daniel auf dem Bock vorne, Kacper und ich hinten blinzeln hinauf zu den Gipfeln und hinab ins Tal, wir gewinnen an Höhe, durchfahren Tunnel, die seinerzeit noch mit Pickel und reiner Menschenkraft durch den Berg getrieben wurden. Das Wohnzimmer hat gerade Platz dort. Wir wären froh nicht wenden zu müssen auf diesen schmalen Pfaden. Und dann, noch zwei, drei Kurven, endet unser Straßenabschnitt in einer schattigen Schlucht und am Fuße der höchsten Staumauer des Kontinents. Ich fühle mich ausnahmsweise einmal klein und draußen ist es seltsam kühl. Trotz des klaren Himmels wirkt die Welt hier feucht, dunkel und unwirklich. Wir halten das Monument in Bildern fest und finden den Weg zu einer Seilbahn, die hinauf zur Mauerkrone führt.

Wie eine Folie spannt sich das Wasser zu den Ufern und liegt in aller Stille da. Nichts von dem, was wir sehen, wirkt unnatürlich. Es ist, als stünde die Mauer seit Menschengedenken dort. Alles ist so ruhig, wo wir auch hinkommen. Wir stopfen uns mit anderen Passagieren wieder in die Gondel nach unten und schon sitzen wir wieder im Wagen.

 

Kilometer 1128 / Der Furkapass

Es geht drunter und drüber. Oben auf dem Furkapass ist das Gefühl unendlichen Glücks präsent. Wenn der Blick einfach nicht mehr unterbrochen wird durch Nichtigkeiten. Oberhalb der Baumgrenze ist das Land weit, die Welt wirkt offen und klar. Wir machen Rast auf dem Furka, an diesem Hotel, dort ist ein kleines Café. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das Angebot entnimmt man einer Kreidetafel, der Mann, der uns bedient, verzieht keine Miene. Wie ist es, hier zu arbeiten, immer hier zu sein? Kann man das dann noch wahrnehmen, nimmt man dieses Glück dann immer mit, bei allem, was man tut?

 

Kilometer 1231 / Domat/Ems

Was haben wir hier bisher erreicht? Reicht das? Die Tour de Beton ist vor allen Dingen Fahren. Morgens, wenn Licht ist, machen wir Bilder und dann fahren wir und kommen am Nachmittag in Domat/Ems an. Die Gemeinde hat ihren Bürgern eine feiste Sporthalle gebaut. Der Hausmeister führt uns freundlich und aufgeschlossen durch die Räumlichkeit. Das muss man sich mal vorstellen. Allein das hat sich gelohnt. Hätten wir das hierzulande so erlebt, wo die Hausmeister oft so ganz anders sind?
Man darf die Wirkung gelungenen Raumes nicht unterschätzen. Es ist die Devise, den Bürgern, Angestellten, Arbeitern, Kindern, den Alten guten Raum zu schaffen, wo sie sein können. Der geschlossene Raum darf kein Gefängnis sein. Das Gebäude muss sich äußerlich und innerlich an die Umwelt anpassen. Es muss die Menschen aufnehmen und darf kein Schandfleck am Ort sein. Schafft hohe Decken und weite Gänge, helle Zimmer, offene Flächen. Beton kann das. Hier wird das einmal mehr klar und es ist nicht kalt und grau.
Der Beton wirbt mit sich selbst. Der Weg hat sich gelohnt.

 

Kilometer 1463 / Kalter/Calderano

Schon kurz nach dem Grenzübertritt wird der Duktus rauer. Die Fahrzeuge kommen uns mit lautem Gehupe auf unserer Fahrbahnseite entgegen. Wir halten die Luft an. Es ist diesig. Das schöne Wetter ist an der Grenze zurückgeblieben. Wir fahren durch endlose Monokulturen. Äpfel aus dem Vinschgau werden angebaut wie Wein. Sie werden maschinell von Büschen gepflückt. Romantik pur. Betongebäude, die wir aufsuchten, wurden unmotiviert mit Holzplanken verkleidet. Reden wir nicht darüber. Wir steigen ein, fahren weiter, direkt zum nächsten Ziel Kaltern am See. Kaltern liegt an einem See und gleichzeitig auch an der Weinstraße. Kaltern hat dieses spätrömische Ambiente. Weinberge, die alt aussehen, als habe man auf ihnen schon vor vielen hundert Jahren Wein angebaut. Dazwischen alte Villen mit marodem Charme. Die schweren Wolken am Himmel lassen die italienische Leichtigkeit nur erahnen. Am nächsten Morgen werden wir von kundigen Führern staunend durch das Weingut Manincor geleitet. Hier wird der Wein in Betonfässern gelagert. Eine Technik, die gerade den Siegeszug durch die Weinkeller der Welt antritt, sagt man uns. Wir kaufen drei Kisten des Weins und schlendern hinüber zu einem raumschiffgleichen Seebad, das von außen das Innere nicht erahnen lässt. Die Architektur wirkt bisweilen wie aus einem Science-Fiction-Film. Es macht den Eindruck, als schwebe das gesamte Schwimmbad über unseren Köpfen, als starte es gleich los in eine ferne Galaxis, vielleicht eine mit einem besseren Wetter. Wir entschließen uns Österreich anzusteuern.

 

Kilometer 1756 / Innsbruck

Wer hätte das gedacht. Es regnete wie nicht recht gescheit und abgesehen davon, dass uns ein verschneiter Pass zum Umkehren zwang, was einen Umweg von 130 Kilometern nach sich zog, war Österreich ein Lichtblick. Und auch wenn sie schon tausendmal gebracht wurde, so mussten wir doch aus Gründen der Vollständigkeit die von Zaha Hadid entworfene Skirampe in Innsbruck aufsuchen. Kacper hielt unsere vom Regen gepeinigten Gemüter mit lautem und unentwegtem „Wooooohoooo!“ auf Trapp. In der Nähe von Nattern fanden wir unseren gemütsmäßigen Höhepunkt. Im Waldheim, einem alten Gutshof mitten im Wald, war nicht nur die Speisekarte ein Traum und der Kellner ein el Sympatico der Spitzenklasse, nein, Einheimische hielten uns sogar für ihresgleichen. So was hört man als Multikultifreak gerne, wenn man in der Fremde am liebsten gar nicht auffallen möchte. Obendrein erlebten wir noch die Tiefe eines 98 Meter tiefen Brunnenschachtes anhand eines herabfallenden brennenden Papierknülls und wohnten der Geburt von vier Kaninchen bei, die ja, man muss es leider sagen, bei ihrer Geburt aussehen wie Nacktmulle. Die Einheimischen kümmerten sich rührend um die unverhofften Neugeborenen („Der Zoohändler hat gesagt, es seien beides Bärlis“) und so waren die Tage in Österreich geprägt von freundlichen, hilfreichen und uns gegenüber überaus aufgeschlossenen Menschen.

 

Kilometer 2150 / Salzburg

Allen Benutzern eines fahrenden Wohnzimmers sei gesagt: wehe euch bei der Parkplatzsuche. Schon in Bozen wären wir nach fast dreistündiger Suche nach einem Plätzchen, an dem wir unser Gefährt abstellen konnten, beinahe an den Umständen zerbrochen. Salzburg war innerstädtisch ähnlich gestrickt. Das berühmte in den Fels geschlagene Parkhaus dort kann man getrost vergessen, wenn man mit dem Wohnmobil unterwegs ist. Doch wir hatten Glück und so konnten wir zum Schluss unserer Reise eine sehr gelungene Betonpracht aufsuchen. Das Museum der Moderne beherbergte gerade die Ausstellung „Sound of Art/Musik in der bildenden Kunst/Les Grands Spectacles III“. Das passt ja gut, dachten wir und fanden neben einem architektonisch hervorragend in Szene gesetzten Bauwerk Museumswärter und -wärterinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs vor. Überall pfiff, quietschte und krachbummste es, dass man schon nach fünf Minuten in surreale Ohropaxträume verfiel. Doch die Damen und Herren waren tapfer und gewährten uns umfassenden Einblick ins Gesamtwerk. Mit einem temporären Tinnitus verließen wir die Stadt und das Land und nahmen, bevor wir den Nachhauseweg antraten, in einer nahegelegenen bayerischen Kneipe ein Mittagsmahl ein, was von geradezu groteskem Gebrüll bajuwarischer Bierseligkeit begleitet wurde. Wir standen am Fuße der Alpen und blickten zurück auf das Gesamterlebnis und fanden gut, was wir gesehen hatten: Der Beton fand unaufdringlich ein Zuhause. Es kommt eben drauf an, was man draus macht.

 

Kilometer 2822

 

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