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MAGAZIN / REPORTAGEN

Die Vorher-Nachher Story

Da steckt viel Leben drin – renaturierte Steinbrüche sind ein wichtiges Stück Naturschutz in Deutschland.

 

Das ist der Stoff, aus dem die Wohnträume sind: Beton. Kein anderer Baustoff lässt sich so flexibel in Form bringen. Kein anderer Baustoff verbindet so viele Wünsche an moderne Lebenswelten: von den Anforderungen an Nachhaltigkeit bis zur Sehnsucht nach stylischem Lebensgefühl. Kernbestandteil von Beton ist Zement. Für seine Herstellung wird in verschiedenen Regionen Deutschlands kalkhaltiges Gestein in Steinbrüchen abgebaut. Ein sichtbarer Eingriff in die Natur, der aber positive Folgen hat. In renaturierten Steinbrüchen der Zementindustrie werden wichtige Schutzräume für die Natur geschaffen. Denn gerade auf diesen kargen Böden finden seltene Arten Lebensräume, die es ohne den Gesteinsabbau gar nicht mehr gäbe.

 

 

Der Steinbruch in Arbeit.

 

 

Renaturierte Steinbrüche sind oft beschauliche Refugien.

 

 

Schaut man sich die Landschaft um das westfälische Städtchen Beckum aus der Vogelperspektive an, so fällt eines auf – es ist hier sehr grün. Das Besondere daran – das viele Grün rührt nicht nur von landund forstwirtschaftlich genutzten Flächen her. Es gibt hier ein Landschaftselement, das in anderen Gegenden Deutschlands eher unbekannt ist – renaturierte Steinbrüche. Grund dafür sind die geologischen Gegebenheiten. Das Gestein rund um Beckum ist besonders kalkhaltig und wird deshalb als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Zement verwendet. Die Region ist bekannt für ihre relativ hohe Dichte an Zementwerken, die deutlich die regionale Industriekultur geprägt haben. Weit weniger bekannt, doch nicht minder prägend, sind die vielen ehemaligen Steinbrüche rund um Beckum. Sie bieten heute nicht nur hohen Erholungswert als ausgedehnte Freizeitgelände oder stille, idyllische Angelteiche. Ehemalige Steinbrüche sind wichtige Schutzräume für seltene Pflanzen- und Tierarten geworden, in einer Umwelt die sonst fast durchgängig auf optimierten Nutzwert für den Menschen abgestimmt ist. Das sieht man in Deutschland eher selten: Eine Eidechse klebt regungslos auf einem Stück steinigem Boden und genießt die Mittagssonne. Ein Schwalbenschwanzschmetterling segelt über ein paar Blüten hinweg und lässt sich an einer Böschung nieder. Vogelgezwitscher im Hintergrund und das Dauersummen zahlloser Insekten. Eidechsen lieben karge Böden und die sind im Münsterland so kaum mehr zu finden.

 

 

Das liegt nicht nur daran, dass unser Land von Natur aus mit vielen fruchtbaren, fetten Böden gesegnet ist. "In Deutschland haben wir eine vorwiegend landwirtschaftlich geprägte Kulturlandschaft, in der meist gedüngt wird", erklärt Andreas Beutling, Landschaftsökologe von der NABU Naturschutzstation Münsterland. Das sieht zwar schön grün aus, der Einsatz von Düngemitteln beeinträchtigt aber die Artenvielfalt, weil diese Mittel nur einige wenige Allerweltsarten unterstützen. Ehemalige Steinbrüche bieten dagegen Bedingungen, wie sie in unserer Kulturlandschaft kaum mehr zu finden sind. Auf den eher kargen Böden im Steinbruch haben auch Tiere und Pflanzen eine Chance, die ansonsten fast verdrängt sind. Renaturierte Steinbrüche sind deshalb wichtige Schutzräume für die Natur, echte Perlen, in denen sich ganz seltene Arten ansiedeln können.

 

 

 

Das war nicht immer so. Ausgebeutete Steinbrüche wurden noch vor einigen Jahrzehnten oft zugeschüttet und wieder mit einer Humusschicht bedeckt, dann konnten sie landwirtschaftlich genutzt werden – so entsprach es dem damaligen Verständnis von Naturschutz. Mit dem wachsenden Bewusstsein darüber, was der Verlust der Artenvielfalt für unsere gesamte Umwelt bedeutet, entwickelte sich auch ein anderer Umgang mit ehemaligen Steinbrüchen. Naturschutzverbände und die Zementindustrie arbeiten heute eng zusammen und engagieren sich bei der Renaturierung von Steinbrüchen. "Aus Landschaftswunden des Gesteinsabbaus werden Biotope, verborgene, meist eingezäunte und abgeschirmte Orte, die heute in Deutschland zu den wertvollen und daher schützenswerten Naturschutzgebieten zählen", weiß Andreas Beutling. "Die nackten Rohböden bieten nährstoffarme Bedingungen, die in der modernen Kulturlandschaft nur noch sehr selten anzutreffen sind. So enstehen Lebensräume und letzte Refugien für zahlreiche seltene, "konkurrenzschwache" und besonders spezialisierte Arten. Der Weg vom Steinbruch zum Biotop ist übergangslos und fließend. Meist siedeln sich noch im laufenden Steinbruchbetrieb die ersten Pionierpflanzen wie Huflattich und Disteln an. In anderen Fällen hilft der Mensch mit der Vorbereitung des Geländes und der Pflanzung von Pioniergewächsen der Natur auf die Sprünge. Dabei wird heute sehr sorgfältig darauf geachtet, dass die Pflanzen tatsächlich aus der nächsten Umgebung stammen und der "Genpool" tatsächlich zur vorgefundenen Natur passt. Diese ersten Pflanzen ziehen dann Insekten und Vögel an, Gräser und Blumen folgen, dann irgendwann Büsche, wie Schlehen und Weißdorn, die auch größeren Tieren Schutz bieten. Irgendwann bemächtigen sich dann die Bäume der Landschaft – Wald entsteht.

 

 

Doch bis dahin ist ein langer Weg. Naturschützer und Zementindustrie begleiten ihn intensiv, um die vorgesehenen Flächen in einem optimalen Zustand für die Inbesitznahme der Natur zu hinterlassen. Flache Gewässer sind dafür ein gutes Beispiel. Sie sind wichtige und rare Lebensräume für viele Arten, die am Übergang zwischen Wasser und Land ihre Lebensgrundlagen finden. In ehemaligen Steinbrüchen werden solche Landschaftselemente gezielt geschaffen. Hat sich die Natur erst einmal dieser Räume bemächtigt, sind sie dicht besiedelte, kostbare Refugien. Für die Naturschützer wird es dort besonders spannend. Sie kartieren die Arten und gewinnen Erkenntnisse darüber, wie sich einzelne Biotope entwickeln. Damit vielleicht schon aus dem nächsten stillgelegten Steinbruch ein Lebensraum wird, der bedrohten und seltenen Arten noch wirkungsvoller Asyl bieten kann.

 

Natur pur meets Industriekultur

 

Auch wenn natürliche Lebensräume in unserem dicht besiedelten Land eine schützenswerte Seltenheit sind - sie sind längst nicht der einzige Weg, wie ehemalige Steinbrüche der Zementindustrie heute genutzt werden. Gerade im Münsterland findet sich dafür mit der „Zementroute“ ein eindrucksvolles Beispiel. Diese Route zeigt auf 27 Kilometern Rad- und Wanderweg wie der Kalksteinabbau nachhaltig die Landschaft rund um Beckum geprägt hat.

 

Und was da zu sehen ist, ist durchaus abwechslungsreich: Die Zementroute bietet Eindrücke der früheren und heutigen industriellen Zementproduktion. Sie führt entlang verlassener Stätten der Industriekultur vorbei an Landschaftsoasen und mitten durch Freizeitparks, die aus ehemaligen Steinbrüchen entstanden sind. Neben den Zementwerken bilden die in Betrieb befindlichen oder schon rekultivierten Steinbrüche mit ihrer vielfältigen Natur ebenso wie die Landschaftsseen eine besonders spannende Kulisse für die Zementroute. Genau dieser Wechsel aus Natur pur, Freizeitmöglichkeiten für den Menschen und Industriekultur verleiht der Region zusätzlich Profil.