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MAGAZIN / REPORTAGEN

Die UNTERwegs-Kellertour 2015

Servus München!

Wir steigen an der Haltestelle „Pinakotheken“ aus dem Bus und sofort fällt uns das langgezogene, elegante Betongebäude hinter der breiten Grünfläche ins Auge. Unser Ziel, die nächste Station der UNTERwegs-Kellertour 2015 (die ersten Artikel gibt es hier und hier) ist das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst, das ein besonderes Verhältnis zu unserem Lieblingsbaustoff hat. Der Eingang liegt ein wenig abseits, ist aber dennoch nicht zu übersehen. Da sich nämlich auch dieses Museum unter der Erdoberfläche befindet, geht es zunächst ein wenig abwärts. Das massive und sehr beeindruckende Portal markiert auch den Eingang zum Museum und besteht aus einer speziellen Betonmischung, sodass die Oberfläche bewegt und lebendig wirkt, aber noch nichts vom Inhalt der Ausstellung vorwegnimmt.

Foto: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst


Das erfahren wir von Frau Dr. Sylvia Schoske. Sie ist seit 1989 Direktorin des Ägyptischen Museums, hat Ägyptologie sowie Klassische und Christliche Archäologie in Heidelberg, Hamburg und München studiert und ist sichtlich stolz auf die gewaltige Kunstsammlung – und das Gebäude, in dem diese sich befindet.

 

Foto: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst

 

Der Neubau wurde erst 2013 eröffnet und bietet auf rund 1800 Quadratmetern Platz für eine der qualitativ hochwertigsten Sammlungen ägyptischer Kunst überhaupt. Auch Exponate von Weltrang sind hier zu finden. Das Projekt nahm von der Planung bis zur Verwirklichung rund zehn Jahre in Anspruch, aber es hat sich gelohnt. Die riesigen unterirdischen Ausstellungsräume wechseln sich mit intimeren, kleinen Kammern ab und wecken und Assoziationen mit antiken Tempeln. Man bekommt beinahe Skrupel, dieses architektonische Konzept als „Keller“ zu bezeichnen, aber wir wollen ja zeigen, was man alles aus subterranen Räumlichkeiten machen kann und das Münchner Museum beweist eindrucksvoll, dass ein Tiefgeschoss aus Beton der perfekte Ort für eine antike Kunstausstellung ist. Das war auch eine der Vorgaben für die Architekturbüros, die das neue Museumsgebäude gestalten sollten. Der Bau sollte außerdem „gut, aber möglichst zurückhaltend“ sein, so Schoske. So sollte u.a. der Bilbao-Effekt vermieden werden, der ja oft mit eher wenig funktionaler Architektur verbunden wird. Und wenn man dem Ägyptischen Museum in München eines nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnde Funktionalität.

 

Foto: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst


Durch ein in den Boden abgesenktes Atrium fällt Tageslicht in die Räume und auf die Exponate, die dadurch beinahe sakral hervorgehoben werden. Besonders stolz ist Schoske auf das neuartige Konzept des Museums, bei dem diese Exponate nicht chronologisch, sondern thematisch angeordnet sind. Das Konzept ist deshalb sinnvoll, weil es innerhalb der Epochen, denen die Ausstellungsstücke entstammen, thematische Wiederholungen und Überschneidungen gibt und so ein besserer Überblick über die gesamte altägyptische Kultur möglich ist. Auch die durchweg positiven Reaktionen und die hohe Verweildauer der Besucher sprechen für dieses Konzept. Und die 17 Meter lange Vitrine, in der Exponate aus über fünf Jahrtausenden zu sehen sind, ist schon ziemlich beeindruckend.

 

Foto: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst

 

In der Ausstellung selbst fällt immer wieder auf, wie gut sich der Beton nicht nur als Baumaterial für die eleganten Hallen, sondern auch als Hintergrund für die Exponate eignet. Es sind unter anderem bunte Mineralien und Stoffe, die zusammen mit den Wänden und Sockeln einenangenehmen Kontrast bilden. Für die empfindlichen antiken Objekte ist eine spezifische Klimatisierung notwendig. Aber darum, dass diese Anforderungen erfüllt werden, macht sich mittlerweile niemand mehr Sorgen, denn der Beton hält Temperatur und Luftfeuchtigkeit zuverlässig konstant; die Werte werden regelmäßig kontrolliert.

 

Foto: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst

 

Auch andere anfängliche Probleme und Bedenken haben sich in Luft aufgelöst. Dazu gehört beispielsweise auch, dass ein wenig Überzeugungsarbeit notwendig war, bis der etwas ungewöhnliche Museumseingang von den Besuchern als solcher akzeptiert wurde. Der Weg die Treppe hinab und durch das Portal ist ein wenig subtil, wirkt aber dennoch einladend und macht neugierig. Schoske meint dazu, dass das Grab von Tutanchamun auch unentdeckt geblieben wäre, wenn Howard Carter sich nicht dazu entschlossen hätte, die Treppe nach unten zu betreten. Und da hat sie Recht. Sie ist sehr zufrieden mit dem Museum – und mit München. Nirgendwo sonst gäbe es diese Art von Freiheiten. Damit meint sie die Gestaltungsmöglichkeiten, die die Stadt bietet. Das bringt zwar eine Menge Verantwortung mit sich, ermöglicht aber auch individuellere Reaktionsmöglichkeiten, so Schoske. Das Kunstareal mit seinen Besuchern ist der perfekte Ort für das Ägyptische Museum, findet sie. Auch das Museum passt gut hierher. Neben dem cleveren architektonischen Konzept, den barrierefreien Zugängen und den Ausstellungsräumen, die sich auch für Sonderveranstaltungen oder Werkstattprogramme eignen, sind noch weitere Räume geplant. Hier sollen in erster Linie Medienkooperationen zwischen den verschiedenen Häusern des Areals stattfinden. Bei so viel Engagement ist es auch nicht verwunderlich, dass das Ägyptische Museum 2015 für den 'European Museum of the Year'-Award nominiert wurde.

 

Foto: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst


Und wer noch etwas mehr über schöne Keller aus Beton erfahren möchte, klickt hier.