beton.orgKontaktImpressumDatenschutz

 

MAGAZIN / REPORTAGEN

Der Reichtum der kleinen Dinge

Baumhaus von Ot Hoffmann aus Beton. Ein Betonhaus auf dem Bäume gepflanzt sind

 

Wir befinden uns in einem Wohnzimmer. Verzeihung – in einer Küche. Pardon – in einem Ausstellungsraum. Sorry – in einer Bibliothek. „Nein“, sagt Ot Hoffmann und er muss es wissen, denn er wohnt hier, „heute ist es eher eine Schreibstube“. Ganz ehrlich: Es braucht einige Phantasie, um den weiten Raum, in dem wir uns befinden, mit diesem etwas altbackenen Begriff zusammenzubringen – aber Phantasie hat Ot Hoffmann. Und während der Blick noch über Kunstwerke, Bücher, eigenwilliges Mobiliar und bizarre Ausstellungsobjekte schweift, entsteht im Kopf so etwas wie die neue Dimension einer Schreibstube.

 

1971 baute der Architekt Ot Hoffmann in Darmstadt das „Baumhaus“. Er hat damit eine Brücke zwischen Stadt und Natur geschlagen.

 

Es ist ein schöner Spätsommervormittag und der
große Raum ist lichtdurchflutet. Die Schreibstube von Ot Hoffmann, dem Architekten, liegt im vierten Stock des „Baumhauses“, eines ganz besonderen Büro- und Wohnhauses in der Darmstädter Innenstadt. Besonders, weil es schon durch seine äußere Erscheinung aus dem Rahmen fällt: Zugewachsen, ja nahezu bewaldet, thront es über der City. Der höchste Punkt gekrönt von einem munter sich drehenden Windrad. Besonders aber auch von innen: ein Organismus, ein Biotop, das seinen Bewohnern eine Vielzahl an Lebensräumen bietet.
So beherbergt das Baumhaus eine Galerie, ein Designbüro, ein Architekturbüro und – ab dem vierten Stockwerk aufwärts – Ot Hoffmann, der auf mehreren Etagen wohnt, arbeitet, schwimmt, Obst züchtet und Strom produziert. In einem sich zuspitzenden Geflecht aus dschungelartig bewachsenen Terrassen und Stockwerken. Sie sind über einen Aufzug oder über Leitern miteinander verbunden, locken den Besucher zu der schönen Aussicht nach oben. Ein bisschen wie in den Bergen ist das – und die Analogie kommt nicht von ungefähr. „Ich hatte früher eine Alm, auf der ich immer einige Monate im Jahr lebte. Das Wasser von der Quelle holen, das Feuerholz selbst schlagen – ich mag und ich brauche die Nähe zur Natur.“

 

 

Dennoch zog es den heute 78-Jährigen immer wieder zurück in die Stadt, zu Kunst und Kultur. Und genau dieser Zwiespältigkeit verdankte er letztlich die Inspiration zu einem erstaunlichen Experiment: „Ich wollte Natur und Stadt in einem Haus versöhnen.“ Der Gedanke des Baumhauses war geboren.
Das Gebäude, das Ot Hoffmann mit dem Baumhaus geschaffen hat, ist heute noch innovativ; 1971 war es eine Pionierarbeit ohne Beispiel. Und eine Sensation. Eine freilich, die nicht unbedingt dem gängigen Schönheitsideal entsprach und sich deshalb zuweilen harscher Kritik ausgesetzt sah. Ein Haus ganz aus Beton, das mit seinen puristischen Fassaden und einfachen Formen vielen Kritikern zu wenig Herzenswärme ausstrahlte. Und dem – obwohl als ökologisches Haus konzipiert – doch in seinen ersten Jahren rein äußerlich so wenig Natur anhaftete. Warum wählte der naturverbundene Architekt ausgerechnet Beton als Baustoff? Die Antwort kommt so direkt wie prompt: „Ich wüsste gar nicht, bis heute nicht, wie ich es anders hätte machen sollen. Nur wasserundurchlässiger Beton hatte sich in meinen jahrelangen Experimenten als günstiger Untergrund für die Art von Bepflanzung herauskristallisiert, die ich mir vorstellte.“ Bautechnisch hatte Ot Hoffmann damit ein Fass aufgemacht: Sein Baumhaus und einige andere seiner Gebäude aus wasserundurchlässigem Beton entsprachen zu jener Zeit nicht einmal den anerkannten Regeln der Technik – und das barg beträchtliche Haftungsrisiken für den Architekten. Er ging sie ein – voller Vertrauen in die Ergebnisse zahlreicher Versuche, die er zuvor gemacht hatte. Und er behielt Recht. Zehn Jahre später wurde die Bauweise hochoffiziell in die entsprechenden Baunormen integriert.

 

Nicht gängige Schönheitsideale, sondern der Entwurf vom eigenen Leben ist der Stoff, aus dem das Baumhaus ist.

 

Doch nicht so sehr Pläne oder Baustoffe, sondern eine Vorstellung, eine Vision war es, die aus dem Haus das Biotop machte, das es heute ist. Weitblick und Geduld waren, neben beträchtlichen Mengen guter Muttererde, der Nährboden für den Wald, den Orangenhain, die Himbeerranken, die Bambushecke und die vielen Pflanzensorten, die sich inzwischen wild und selbsttätig am Baumhaus angesiedelt haben. Ein Stelldichein zivilisationsresistenter Arten. Samt dem dazugehörigen Getier. Auch das gehörte zum Konzept – keine rigide Gartengestaltung, sondern neugieriges Warten auf die Arten, die – wie der Hausherr selbst – das Baumhaus peu à peu zu ihrer Heimat machen würden. Heute zweifelt niemand mehr am ökologischen Anspruch. Der Wald auf dem Haus hat alle Bedenken unter seinen Wurzeln begraben.

 

 

Ot Hoffmann ist ein Freund des Experiments, ausgetretene Pfade scheinen ihm nicht zu liegen.
Er ist nicht nur Architekt, sondern auch Stadt-planer, Künstler, vereidigter Sachverständiger, Autor, Dozent, Herausgeber und vom hessischen Innenministerium bestellter Rationalisierer.
Er entwirft und schneidert seine Kleidung selbst, hängt sein Bett unter die Decke und lässt es auch mit einem eigens gebauten Elektromotor abends herunter und hat auch den Rest der wandlungsfähigen Inneneinrichtung selbst entworfen. Eine Küche aus der Kiste, einen Schreibtisch auf Rädern, Ausstellungswände, die ebenfalls unter der Decke hängen. Dazwischen

gibt es vor allem viel Platz und immer wieder Bücher, Bilder, Skulpturen und Ausstellungs-objekte, an denen sich das Auge festsaugt. Eingerichtet im üblichen Sinne ist Ot Hoffmann nicht. Keine Designermöbel, keine Wohnklassiker, kein Edellook – obwohl er Design mag. Warum? Vielleicht weil nicht ein einziger Gegenstand für jeden Menschen zu jeder Zeit und in jeder Lebenssituation passen kann? Weil alles sich wandelt und mitwächst? So wie das Baumhaus, das ihn durch unterschiedliche Lebensphasen begleitete: ein innerer Bewegungsraum für einen Menschen, der Platz braucht, weil er nur schlecht still sitzen kann.

 

Wir sind doch oft viel zu sehr auf Grandioses ausgerichtet.

Ot Hoffmann

Ein Ort, der sich anpasst an das Leben, das der Mensch, der ihn bewohnt, gerade führt.

Und genau das ist das Baumhaus immer für ihn geblieben: ein Raum für Freiheit und Experiment. Und ein Lebensraum, der ihn ganz intensiv mit der Natur und den Jahreszeiten zusammenleben lässt. Das, so sieht es Ot Hoffmann, ist der eigentliche Reichtum im Baumhaus: „Man lernt auf die kleinen Dinge zu achten. Wenn jeden Herbst ein Zaunkönig kommt und hier überwintert oder ich mich mit den Vögeln um meine Beerenernte streite. Wir sind doch oft viel zu sehr auf Grandioses ausgerichtet.“ Er hält inne und lächelt mit den Augen. „Doch“, sagt er dann noch einmal resümierend, „das Leben mit der Natur hat noch besser geklappt, als ich dachte.“