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MAGAZIN / REPORTAGEN

Der Forscher

Es klingt ein bisschen nach Vorhölle: Ein Teilstück einer Betonröhre – ungefähr so groß wie ein Kleinlaster - wird in eine Vorrichtung eingespannt und sodann mit dem Gewicht eines ganzen Gebirges belastet. Dann wird die Apparatur in einer Art Ofen innerhalb weniger Minuten auf 1.200 Grad Celsius erhitzt. Was herauskommt nach zwei Stunden Fegefeuer ist erstaunlich, weil nahezu unverändert: ein Teilstück einer Betonröhre – ungefähr so groß wie ein Kleinlaster. An der Oberfläche ist es zwar etwas verglast, ansonsten aber nach wie vor massiv und stabil.

 

Angesichts des erstklassigen Versuchsergebnisses kann sich Professor Claus Flohrer ein stolzes Lächeln nicht verkneifen. Betonforscher ist er. Sein Herz schlägt für das graue Material. Und so steht er da, vor seinem Tübbing – so heißt dieses Betonfertigteil, das beim Tunnelbau zum Einsatz kommt – und strahlt, wie nur einer strahlen kann, der seinen Kindheitstraum leben darf: Experimente machen, bei denen es auch mal rummst, zischt und knallt. Betonforscher – das ist fast so gut wie Feuerwehrmann. Aber auch wenn wir Claus Flohrer im Verdacht haben, dass der kleine Junge in ihm berufsbestimmend war, lassen wir uns die Geschichte noch mal genau erzählen: „Meine Eltern haben gebaut, als ich zehn Jahre alt war – da ist das erste Interesse entstanden.“ Na siehste! Die eigentliche Auseinandersetzung mit Beton kam aber erst im Studium des Bauingenieurwesens. „Ich studierte in Karlsruhe, erinnert sich Flohrer. „Professor Hilsdorf kam gerade aus den USA und hatte das Thema Baustoffe ganz neu und begeisternd aufbereitet. Das war prägend für mich.“ So prägend, dass er sein ganzes Berufsleben dem Beton verschrieben hat. Und auch wenn er sich ganz und gar nicht den Titel „Betonpapst“ ans Revers heften lassen möchte: Er gilt als Kapazität. Wenn es um Bauschäden geht, wenn es um Sicherheit geht und wenn es darum geht, was mit Beton alles geht. Man kann Professor Flohrer fragen. Und wenn er nicht sicher ist, dann probiert er es aus und hinterher sind alle schlauer. Sein „Labor“ – eigentlich sieht es eher aus, wie eine Produktionshalle – hat er bei HOCHTIEF in Walldorf bei Frankfurt. Hier forscht und werkelt Flohrer mit seinem Team - vorwiegend, aber nicht nur - für unternehmenseigene Bauprojekte. Daneben lehrt er an verschiedenen Universitäten und der HOCHTIEF-Akademie. Forschung für die Anwendung – das fasziniert Flohrer. Wie muss ein Material beschaffen sein, aus dem wagemutige Brückenkonstruktionen gebaut werden? Und wie hoch kann ein Hochhaus eigentlich in den Himmel wachsen? Das sind solche Fragen, die Flohrer umtreiben. Dabei geht es um Tragverhalten, Brandschutz, Säurebeständigkeit und neuerdings sogar um die Lichtdurchlässigkeit von Beton. Aber es geht auch um Umwelt, Energie sparen, Recyling und Wirtschaftlichkeit. Um Beton unter Wasser und Beton in der Wüste. Und darum, was man alles draus machen kann. „In den letzten zehn Jahren hat sich der Werkstoff Beton unheimlich entwickelt – er ist einer der spannendsten Werkstoffe überhaupt“, findet Flohrer. Sein Blick streichelt den Tübbing. „Hier zum Beispiel haben wir ein Material entwickelt, das einem Tunnelbrand standhalten kann, ohne dass die innen liegende Stahlkonstruktion Schaden nimmt. Da geht es um Schutz vor Einsturz und darum, dass der Feuerwehr beim Löschen keine Abplatzungen um die Ohren fliegen.“ Da knallt und rummst es doch schon wieder vor dem geistigen Auge. Und vielleicht ist genau das das Schöne daran, Betonforscher zu sein: Es ist weder abstrakt noch schwer zu verstehen. Es macht Sinn ohne Umwege. Forschung zum Anfassen.