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MAGAZIN / REPORTAGEN

Bügeln oder bauen

Wenn Sie kürzlich mal am frühen Nachmittag den Fernseher ange­schaltet haben, werden Sie sich sicher gefragt haben: Wie können einige dieser Sendungsformate existieren? Wie kann es sein, dass sich so viele Menschen öffentlich bloßstellen lassen, sich selbst erniedrigen? Sie denken vielleicht: Das gibt es nur in einer bestimmten Schicht, als Akademiker würde ich das niemals tun“, sagt Jutta Vahl, Immobilienmaklerin, die in ihrer Karriere schon einer großen Bandbreite an Schauspielen beigewohnt hat. „Wenn Sie das denken, haben Sie länger schon keine Wohnung suchen müssen.“

 

Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist hart umkämpft. „Das verleitet viele Wohnungs-suchende zu ungewöhnlichen Maßnahmen.“ Besonders Alleinstehende in den Städten bieten potenziellen Vermietern oder Ver­mitt­lern oft weit mehr als nur eine üppige Provisionszahlung. „Es gibt fast nichts, wovon ich noch nicht gehört hätte. Vom Angebot regelmäßig den Müll des Vermieters runterzubringen, seine Wäsche zu waschen oder zu bügeln bis hin zum Chauffeurdienst. Es ist kaum zu fassen, welche kreativen Einfälle selbst der langweiligste Beamte hervorbringen kann, wenn er denn muss.“ Was früher noch als Baum verstanden wurde, der einer Straße, in der er steht, wenigstens einen Hauch Natur und Natürlichkeit verleihen sollte, gilt heute als öffentliches Schwarzes Brett. „Bleibt man vor diesen kurz stehen, hält inne und lässt sich von den Inhalten einen kleinen Eindruck über die Situation des Suchenden vermitteln, entstehen beim Betrachter Bilder, die Hemingway-Romanen in nichts nachstehen“, erzählt der Journalist Dirk Baranek, der bereits seit Jahren u.a. Wohnungsanzeigen, die er auf der Straße findet, sammelt. Mittlerweile hat er eine kleine Galerie aufgebaut und hält sogar Lesungen der ungewöhnlichen Literatur. „Es ist nahezu unmöglich, Geschichten zu schreiben, die noch mehr mitten aus dem Leben kommen. Diese Papierfetzen können Komödien sein oder Dramen. Erzählungen des Scheiterns oder des Neuanfangs. Es ist faszinierend.“

 

„Was früher als Baum verstanden wurde, ist heute ein Schwarzes Brett.“

 

Das Phänomen der verzweifelten Wohnungssuche hat sich in den letzten Jahren vor allem in den Städten zugespitzt. Die Gründe sind vielfältig. Bei gleichbleibender Bevölkerungs­zahl steigt die Zahl der Singlehaushalte, es wohnen also immer weniger Personen in einer Wohnung.

 

 

Betroffen sind aber längst nicht mehr aus­schließlich die noch arbeitenden Genera­tio­nen. Durch den demografischen Wandel, verursacht durch die rückläufigen Geburten­zahlen bei zunehmender Lebenserwartung, nimmt die Nachfrage nach seniorengerechten Wohnungen immer weiter zu, das Angebot hingegen stagniert, eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Besonders hier wird sich das Problem wohl nur mit aus­rei­chend neu geschaffenem Wohnraum lösen lassen – die Sanierung und der senioren­ge­rechte Umbau vieler Wohnungen rechnet sich für die Besitzer im Vergleich selten. Der Wohnungsmangel in Deutschland ist folglich nicht nur quantitativer, sondern auch qualita­tiver Art, da nicht nur die Zahl der verfügbaren Wohnungen zu gering ist, sondern auch die Art der Wohnung oftmals den Bedürfnissen großer Teile der Bevölkerung nicht mehr gerecht wird.

 

Von diesen Problemen sind jedoch nicht alle Regionen Deutschlands gleichermaßen betroffen. Vielmehr folgt der Wohnungsbedarf der regionalen Bevölkerungsentwicklung.

 

„Die Zahl der Haushalte nimmt vor allem in den Metropolregionen deutlich zu“, beobach­tet die Stadtplanerin und Mediatorin Kristina Oldenburg. „In westdeutschen Großstädten und in der Region um Berlin wird sich dieser Trend in den nächsten Jahren noch weiter verstärken.“ Diese Konzentrierung der Bevöl­kerung und des Bedarfs auf wenige Regionen bringt eine weitere Entwicklung mit sich: die Gentrifizierung preisgünstiger Stadtviertel.

 

Der Begriff der Gentrifizierung wurde 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass geprägt. Sie bezeichnete damit den Zuzug von Mittelklassefamilien in den ursprünglich vor allem von Arbeitern bewohnten Lon­don­er Stadtteil Islington. Heute ist der Begriff aus keiner Ausgabe großstädtischer Tageszeitungen mehr wegzudenken. „Es fängt meistens damit an, dass Studenten (eine durch steigende Abiturientenzahlen ebenfalls immer größere Bevölkerungsgruppe) und Kreative die betroffenen Viertel aufgrund der Kombi­na­tion aus günstiger Lage und vergleichs­weise niedrigen Mieten für sich entdecken“, erklärt Kristina Oldenburg weiter, „so ent­stehen Trendbezirke.“ Im Laufe der Zeit zieht das auch den durch die postindustrielle Gesellschaft und die Globalisierung individu­alistisch geprägten Mittelstand nach. Diese Personengruppen verfügen meist über ein deutlich höheres Einkommen und sind entsprechend auch bereit, höhere Mieten zu zahlen. „Die ursprüngliche Bevölkerung der Viertel wird immer weiter an den Stadtrand gedrängt.“ Hier beginnt der Prozess von vorne. Es ist ein Teufelskreis.

 

 

Die Herausforderungen des Wohnungsmangels beschränken sich jedoch nicht nur auf den Menschen als Mitglied der Gesell­schaft, sondern auch als Teil der Natur. Zwar konnte die Treibhausgasemission in Deutsch­land seit 1990 deutlich reduziert werden, so ist beispielsweise der Methanausstoß laut Umweltbundesamt bis 2009 mehr als halbiert worden, noch immer stellen die privaten Haushalte aber einen großen Teil der Emissionsquellen dar.

 

 

„In den Bereichen Wärmedämmung und Energieverbrauch sind im letzten Jahrzehnt erhebliche Fortschritte gemacht worden“, erklärt der Architekt Denis Scholtyssek, „die meisten Häuser setzen aber noch auf Standards aus dem letzten Jahrtausend.“ Ein modernes Niedrigenergiehaus stößt im Vergleich zu einem Einfamilienhaus aus den 1970er Jahren, wie es sie in Deutschland noch in großer Zahl gibt, nur einen Bruchteil der Treibhausgase aus. „Ein ausgeprägtes ökologische Bewusstsein brauchen Sie aber gar nicht, um die Vorteile zu erkennen“, sagt Denis Scholtyssek weiter, „denken Sie einfach nur an Ihren Geldbeutel. Wenn Sie jetzt in ein Niedrigenergiehaus investieren, werden Sie auf Dauer deutlich niedrigere Kosten haben.“

 

Wie so häufig bringt diese Herausforderung also auch große Chancen mit sich. Nimmt der Neubautrend in den nächsten Jahren weiter zu, könnte das erheblich zur Entspannung gesamtgesellschaftlicher Probleme beitragen. Selten war die Möglichkeit, etwas für sich selbst zu tun, so selbstlos.

 

Lösen ließe sich so eine weitere Schwierig­keit: „Zu all dem kommt hinzu, dass auch die Gruppe der Pendler, die eine Wohnung für das Wochenende und eine für die Arbeitswoche benötigen, zugenommen hat und die Bevölkerung aus ländlichen Gebieten immer weiter in die Städte abwandert.“

 

„Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten“, schließt Jutta Vahl unser Gespräch ab. „Entweder Sie bügeln gerne oder Sie bauen sich einfach Ihr Haus selbst.“

 

 

Weitere Informationen zum Thema Wohnungsmangel und Wohnen in Deutschland finden Sie unter anderem bei:

Bundesstiftung Baukultur – www.bundesstiftung-baukultur.de

Eduard Pestel Institut – www.pestel-institut.de

Initiative Impulse für den Wohnungsbau – www.impulse-fuer-den-wohnungsbau.de

Netzwerkinitiative wieweiterwohnen – www.wieweiterwohnen.de