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MAGAZIN / REPORTAGEN

Alles gerade lügt

„This is ground control to Major Tom ... Can you hear me, Major Tom?“ Das waren die Klänge, die 1969 während der Mondlandung der Apollo 11 die Welt sphärisch einhüllten: ein großer Schritt für die Menschheit, schwarz-weiß in die ganze Welt übertragen. Der Westen war am Gipfelkreuz einer Vision angelangt – ganz im Zeichen einer insgesamt zukunftsprallen Ära. Was bei all dem Welt- raumrummel kaum jemand bemerkte: Der außerirdische Traum hatte bereits zwei Jahre zuvor, in aller Bescheidenheit übrigens, Kontakt mit Europa aufgenommen. 1967. Zehn UFOs landen in den Vogesen. Am Rande des Städtchens Raon l’Étape, auf einer Insel, zwischen die Arme des Flüsschens Plaine geschmiegt, haben sie Position bezogen, bereit neugierige Erdenbürger zu empfangen und ihnen für einen kurzen Auf- enthalt wahrhaft „spacige“ Gefühle zu vermitteln. Entsprungen sind sie dem phantastischen Universum des Architekten Pascal Haüsermann, eines Schweizers, der sich in der modernen Architektur der 60er Jahre schon früh einen Namen gemacht hatte. Als Entwickler galt er, als einer, der dem ambivalenten Geist seiner Zeit in Wohnobjekten Gestalt verlieh. Das Fundament: die Utopie von Freiheit, Love and Peace sowie kaum Zwänge wirtschaftlicher oder baurechtlicher Natur. Daraus wuchsen eigene, eigenwillige Gebäude: eiförmige Behausungen, die an freundliche Flugobjekte von einem anderen Stern erinnern. Ganz aus Beton, robust und einfach gebaut: der perfekten Statik entlehnt, die Mutter Natur dem Ei verpasst hat. Ein Hotelier aus Raon l’Étape erfuhr aus einem Zeitungsartikel von den Innovationen Haüsermanns und beauftragte bei dem jungen Architekten eine ganze Hotelanlage. Eine Rezeption und neun Gästeeier, die größte Eieransammlung, die Haüsermann bis heute verwirklicht hat. Hier stand sie nun, „in the middle of nowhere“, am Rande einer Kleinstadt in den Vogesen. Can you hear me, Major Tom? Laurent Methot und Bruno Tourmen, zwei Haüsermann-Liebhaber, entdeckten die seinerzeit verwaiste Insel im Jahr 2002. Nicht durch Zufall, sondern, im Gegenteil, ausgesprochen planvoll auf der Suche nach Haüsermann-Objekten. Sie sind lustvolle Jäger und Sammler des 60er-Jahre-Designs mit seinen ausgeprägten Stilblüten, immer auf der Spur von Objekten, in denen der Geist dieser Zeit noch lebendig ist. Beim Betreten der Insel streifte sie ein Hauch von stehen gebliebener Zeit: Sie waren hingerissen von der Architektur und dem Pop-Art-Flair des Hotels, das sie bislang nur von Fotografien kannten. Vorgesehen war nur ein One-Night-Stand, eine Nacht im Hotel. Daraus geworden ist die Liebe fürs Leben. Mit weiteren drei Freunden kauften die Haüsermann- Fans die Insel und restaurierten behutsam und mit ungewöhnlich viel Sinn für die Ei. Pascal Haüsermann selbst wohnte den Renovierungsarbeiten bei. Und er mag sich gefreut haben, dass sein Hotel nun wieder ist, was es einst sein sollte: eine freundliche Herberge, die es sich leistet, für kleines Geld ein ganz besonderes, weil echtes Übernachtungserlebnis zu schenken. Von innen sind die Eier in wilden Pop-Art-Mustern wiedererstanden – jedes einzelne Interieur ist anders ausgestaltet: orange im Familienei, lila im Love-Ei oder grün schillernd im Chlorophyll-Look. Steht man drin, verändern sich sowohl die Akustik, als auch die Raumwahrnehmung. Laurent Methot ist Mittler in diesem Zeitsprung. Ein Fährmann, der an beiden Ufern der Zeit seine Zelte aufgeschlagen hat: Er holt die Sixties ganz ins Hier und Jetzt. „Denn das“, so findet er, „ist der eigentliche Wert der Freiheit: die Möglichkeit der Veränderung.“ Und so holt er das Gestern ins Heute, nimmt ihm alles museale und gibt ihm eine aktuelle Plattform. Zum Beispiel in Gestalt von Kunst- und Kulturevents. Kein geringerer als David Bowie soll im großen Ei ein exklusives Konzert für Freunde geben. Und auch die Kunst, ein Ei zu bauen, will Laurent Methot nicht aussterben lassen. Er plant ein Architekturtreffen – klein, aber fein. Zwei neue Eier sind geplant nach der Originalbedienungsanleitung von Haüsermann. Bei diesem Gedanken gerät Methot ins Schwärmen. Denn was die heute technisch perfektionierten Materialien an einem Wohn-Ei vermögen, man wagt es kaum zu denken. Die Illusion der ewigen Jugend hätte endlich ihre Entsprechung in der Architektur gefunden: das Ei des Haüsermann. Und auch die Innenausstattung der neuen Eier hat der Zufallshotelier schon im Kopf. Ein Panton- Ei. Und ein Ei des Schweizer Surrealisten HR Giger, der Aliens und anderen biomechanischen Wesen aus anderen Welten Leben einhauchte. Zusätzlich plant Methot ein Restaurant auf der Insel: In einem eigens wiedererrichteten Gebäude des Architekten Jean Prouvé soll die Ära einer neuen Haute Cuisine beginnen: Algen werden hier auf den Tisch kommen. Fein und herzhaft, süß, mild, kross und saftig – der unermessliche Facettenreichtum unserer Ozeane. Ob die UFOs das schon ins Universum gemeldet haben? Und ob dann noch mehr kommen, von diesem anderen Stern mit den freundlich aussehenden Flugobjekten? Bestimmt. Wahrscheinlich gerade, wenn Bowie singt: „Ground control to Major Tom... Can you hear me, Major Tom?“ Dann müssen sie doch kommen, oder?

 

Der Architekt

Der Architekt Der Schweizer Architekt Pascal Haüsermann realisierte seine ersten Arbeiten in den 50er Jahren. Bereits in den 60er Jahren machte er sich durch seinen eigenwilligen Stil in der Architekturwelt einen Namen. Haüsermanns Bauweise ist ein Gegenentwurf zu Massenwohnsiedlungen, Normierung und Vereinheitlichung. Er suchte im Gegenteil nach einer Bauweise, die – modular, praktisch und günstig – eine möglichst individuelle Lebensform ermöglichte. Haüsermann verwirklichte rund 40 seiner Bubble-Häuser in der ganzen Welt. Heute lebt und arbeitet der Architekt vorwiegend in Indien.

 

Die Häuser

www.museumotel.com - hinter dieser Webadresse verbirgt sich das einmalige Kunst-, Kultur- und Reiseerlebnis der Ile Haüsermann in den Vogesen. Das Hotel Utopie glänzt nicht nur mit seiner eigenwilligen 60er-Jahre-Architektur und seinem Pop-Art-Design. Auch der Rest stimmt und das belohnen Hotelexperten aus aller Herren Länder inzwischen mit Lob und Auszeichnungen. Wer Lust auf Ungewöhnliches hat, ist hier gut untergebracht