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MAGAZIN / INTERVIEWS

Substanz ist schnörkelos

Songtexte von Wolfgang Niedecken sind Steinbrüche. Schichten, Zeitalter und die Verwerfungen dazwischen verdichten sich und stehen für einen unverwechselbaren Standort und feste Standpunkte. Wer genau hinhört, spürt in jeder Zeile sein fotografisches Gedächtnis. Als Besucher in seinem Büro sind wir nicht nur textsichere Fans, wir haben ihm auch eine eigene Erinnerung an seine Musikerkarriere mitgebracht: ein paar Fotoabzüge von einem Konzert, das 26 Jahre zurückliegt.

 

 

Wolfgang Niedecken beugt sich über die Schwarz-Weiß-Bilder, lacht laut und kann sich blitzschnell nicht nur an die Konzerthalle erinnern, sondern auch sehr lebhaft an einen – vorsichtig formuliert – ungewöhnlich gekleideten weiblichen Fan auf der Balustrade. „Gegen Ende des Konzerts stand die plötzlich auf der Bühne und wollte eine Art Schönheitstanz aufführen. Das muss in Wuppertal gewesen sein.” In der großen Landkarte hinter seinem Schreibtisch stecken zwar keine Stecknadeln, aber das Deutschland seiner Auftrittsorte mit BAP und als Solist hat kaum weiße Flecken.

 

Das kleine Büro in einem Kölner Hinterhof, in dem er gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen die Geschicke seiner Band in Eigenregie führt, steht für die Lebensqualität, die er sich jetzt, zwei Jahre nach seinem glücklich überwundenen Schlaganfall, leistet. Er ist tiefenentspannt, erzählt von der Fokussierung der Musikbranche auf Hitpotenziale und genießt heute den Luxus, selbst zu entscheiden, wie groß die Hallen sind, in denen er auftritt. Dass er auch nach über 30 Jahren im Geschäft mühelos Hallen füllt, erwähnt er mit keinem Wort.

 

„Wir haben uns nie an Trends orientiert, und das, was wir damals in den 70ern gemacht haben, war das Abgesagteste der Welt“, beschreibt er den Anfang, der von vielen Zufällen geprägt war. Selbst der größte Verkaufserfolg folgte keiner Hitformel. „Der Song ‚Verdammt lang her‘ widersprach sämtlichen Formatregeln. Der Refrain kam erst nach vier Strophen. Das wäre heute undenkbar. Dass das Stück dennoch den Weg ins Radio fand – ein Glücksfall.

 

Die Qualität beim Schreiben von Songs und Planen von Konzerten oder Alben umreißt Wolfgang Niedecken als Mischung aus Reduktion und stetiger Überprüfung. „Natürlich kann man ein Stück mit 25 Strophen schreiben. Aber besser ist es, mit drei auszukommen.“ Der Link zu seiner Ausbildung als bildender Künstler ist da gar nicht so weit hergeholt. Im Atelier sei es wie im Studio auch darum gegangen, sich von Zierrat zu lösen. Von diesen dekorativen Kunstgriffen, die „davon ablenken sollen, dass das Bild keine Substanz hat.“ Heimat, Gegenwart, Zukunft, Rock ´n´Roll, Liebe Familie. Wolfgang Niedecken hat sich einen eigenen Kosmos geschaffen, der allerdings nicht um sich selbst kreist, sondern über den Tellerrand guckt. Und das als 62-Jähriger genauso neugierig wie am Anfang seiner Laufbahn. Klar ist für ihn, dass er sich in dem, was er tut, wiederfinden möchte – und zwar ohne Wiederholungen. „Alles, bloß nicht vorhersehbar werden.“

 

Seinen Gemütszustand beschreibt Niedecken als „melancholische Frohnatur“. Gelassen, weil er auch „in ernsten Situationen laut lachen kann, wenn die Situationskomik es hergibt“. Ganz ohne Pathos erzählt er vom Hilfsprojekt „Rebound“, das er im Kongo gemeinsam mit World Vision und Jack Wolfskin gegründet hat, um traumatisierten Kindersoldaten den Weg zurück ins Leben zu ermöglichen. Hört man ihm zu, wird sehr schnell klar, wie es Wolfgang Niedecken seit so langer Zeit gelingt, Faszination zu erzeugen: Es ist seine Art, persönliche Momentaufnahmen zu verweben, um damit den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Ob es die Geschichte vom Kindersoldaten Zebra ist, der zwei Jahre lang von einer Rebellengruppe gefangen gehalten wurde und nun dank „Rebound“ als Schreiner im kongolesischen Beni lebt und Niedecken beim Besuch ein selbstgeschreinertes Schemelchen überreichte.

 

Oder die ehemalige Zwangsprostituierte, die als erstes Mädchen einen Automechanikerkurs machte. Gegen alle Zweifler, die ihr das Nähen, Sticken oder Backen ans Herz legten. Das sind keine lapidaren Anekdoten, sondern schlicht die Auswahl der stärksten Dreißigstelsekunden aus einem kompletten Filmstreifen. Qualität ist eben auch die Fähigkeit, die richtigen Momente zu erkennen.