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MAGAZIN / INTERVIEWS

Cowboys mit guten Noten

Der Wilde Westen liegt im Osten. Nicht dem der Rocky Mountains, sondern ein Stück weiter, im Osten des Prenzlauer Bergs. Hier, im „Sonnenstudio“, einem Fabrikloft im ersten Stock, entsteht der typische Sound von The BossHoss. Vor der Tür parkt eine schwere Harley, an der kein einziges Bauteil nach Serienproduktion aussieht. Ein Kunstwerk mit unlackiertem Tank, sichtbaren Schweißnähten und einem handbreiten Fellsattel.

 

Auch hinter der Stahltür des Studios liegt ein Manufakturbetrieb. In diesen Räumen wird nicht nur die Musik erdacht, hier wird sie auch produziert und abgemischt. Selbst die Cover werden hier gestaltet, bevor schließlich ein komplettes Produkt an das Label von The BossHoss weitergegeben wird. Die Devise der Band lautet „volle Kontrolle“.

 

Obwohl Sascha Vollmer und Alec Völkel bereits als Schüler in Bands spielten, arbeiteten sie lange auch noch in klassischen Brotberufen. Kennengelernt haben sich die Masterminds hinter dem Namen The BossHoss vor etwas mehr als zehn Jahren in einer Berliner Werbe­agentur. Für Sascha war es der Start im neuen Job, und der erste Kollege, den er sah, war Alec, der an einem Tisch mit einem Cuttermes­ser und einem Lineal das Cover einer Demo ­CD zuschnitt. Nicht der schlechteste Start für ein Gespräch unter Musikern.

 

 

Wer The BossHoss heute live sieht, erlebt eine atemberaubende Wand aus Sound. Auf der Büh­ne steht eine große, natürlich gewachsene Band und performt ein Programm, in dem zwar noch ab und an typische Countryelemente mit­ schwingen, das aber im Laufe der Jahre deut­ich an Bandbreite und Volumen gewonnen hat. Es ist ein ganz eigener Stil auf einer Rock­’n’­Roll ­Basis. Dazwischen dicke Beats, Funkrhythmen und manchmal sogar HipHop­ Samples – der The BossHoss­-Stil eben. Der Qualitätsmaßstab sei, sagt Alec Völkel, die Grundfrage, die sich jeder Musi­ker immer stellen sollte: „Wäre ich eigent­lich Fan von meiner eigenen Band, wenn ich nicht dabei wäre?“

 

Als Sascha Vollmer und Alec Völkel als Ju­roren der ersten Staffeln von „The Voice of Germany“ noch bekannter und die Hallen deutlich größer wurden, waren sie längst erfolgreiche Berufsmusiker mit Gold­ und Platinalben. Dasselbe noch einmal ma­chen? Kam für Sascha Vollmer nie in Fra­ge: „Natürlich träumt jeder Musiker von einem Majordeal, den hatten wir bei Uni­versal. Klar haben wir damals gefeiert. Aber dann ist man nicht zufrieden mit dem einen Tonträger im Regal. Man möchte sich beim nächsten Album übertreffen – das ist ein positiver Druck. Jedes Album ist wie­ der eine neue Herausforderung, da sollte man sich nicht zurücklehnen.

 

Tun, was einem selbst gefällt, sich nicht in einer festgelegten musikalischen Form langweilen müssen und dabei selbst den kreativen Prozess in der Hand zu haben. „Das fühlt sich einfach bes­ser an“, meint Alec Völkel. Das mache es leichter, zu 110 Prozent hinter einer Platte stehen zu können und zu wissen, dass man etwas geschafft habe, von dem man sagen könne: „Das ist exakt der Stand, von dem wir wissen, dass es jetzt in diesem Moment unser Optimum ist.“

 

Zu diesem selbst definier­ten Qualitätsanspruch ge­hört auch die Freiheit,Nein sagen zu können. Auch wenn die Frontmän­ner von The BossHoss mit viel Spaß und überaus er­folgreich bei „The Voice of Germany“ dabei waren: Nach drei Staffeln wollten sie sich wieder mit Leib und Seele der eigenen Musik und den Tourneen widmen können und nicht übernächtigt nach einem Konzert mit dem Band­Nightliner am Fernsehstudio in Berlin­ Adlershof vorfahren. So sehr ihnen die

Rolle lag, als erfahrene Mu­siker junge Talente glänzen zu lassen – ein Zurücktreten und Coachen, das gerade sie authentisch verkörperten.

 

Die letzten drei Alben ent­standen in extrem engen Zeit­fenstern und vielen Nacht­ schichten: Nach zehn Jahren ohne Pause und „Dauer ­On“, sagt Sascha Vollmer, komme nun eine Zeit des Luftholens und der konzentrierten Arbeit an der neuen Platte und dann irgendwann – „Bäm!“ – das neue Album, bei dem man sich „zehn Jahre jünger und noch schöner“ präsentieren werde. Wer in diesen Tagen sein Ohr fest an die Tür des „Sonnenstudios“ presst, kann vielleicht schon erste Töne hören.