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MAGAZIN / INTERVIEWS

13 Fragen an Roger Willemsen

Er ist im allerbesten Sinne ein charmanter Plauderer und es hat nicht selten den Anschein, dass es sich bei Roger Willemsen um einen Lebemann aus dem Fachhandbuch für Lebenmänner handelt. Intellektuelles Kalkül windet sich in schwüler, brennender Neugier auf das, was die anderen sich unter dem Leben vorstellen, wenn sie das nur aus Romanen von Tom Wolfe kennen.
Anders als bei den weltreisenden Popliteraten der jüngsten Vergangenheit fehlt bei Willemsen die Unglaubwürdikeit, was ihn zugleich sympathisch und nachvollziehbar macht.
Schade, dass er partout dem Medium Fernsehen entsagen will.

 

1. Letztes Jahr ist Ihr Buch „Die Enden der Welt“ erschienen. Sie sind über fünf Erdteile gereist, haben 22 Geschichten über Orte und Umstände mit Endzeitcharakter sowie über persönliche Enden geschrieben. Was waren Ihre Gründe?
Das Reisen ist maßlos. Man will immer über den Horizont hinaus. Besonders fasziniert haben mich immer leere Landschaften, Enden der Welt eben, die ich als karg und Menschen abweisend empfunden habe. Sie zeigen die Natur in der Offensive, während sie hierzulande ständig stöhnt: „Nicht noch ein Baumarkt, nicht noch eine Straßenkreuzung“. In Patagonien, in Ostsibirien oder im Norden Afghanistans ist es die Natur, die den Menschen auf eine glanzlose Weise in die Defensive drängt. Diese Landschaft hat keine Akzente, keinen Brennpunkt. Da wollte ich hin.

 

2. Beim Stichwort Ende kommt man sehr schnell zum Thema Anfang: Welche Rolle spielen Anfänge und Neuanfänge im Leben?
In meinem Leben hängen ein paar der glücklichsten Augenblicke mit Ausstiegen und Abbrüchen zusammen. Da war erst einmal gar kein Anfang, bloß freie Fläche, nicht definierter Raum. Man muss auch mal aufhören können, ohne genau zu wissen, wie es weiter geht.

3. 2006 wurde Ihr Buch „Afghanische Reise“ veröffentlicht. Sie haben ein Land beobachtet, dass sich im Umbruch befindet – sowohl politisch, als auch gesellschaftlich. Wie beurteilen Sie heute im Jahr 2011 die Umstände in Afghanistan und hat sich Ihre Sicht auf das Land in den letzten fünf Jahren verändert?

Die Lage in Afghanistan ist auch infolge der verfehlten internationalen Kriegspolitik unsicherer, gefährlicher und instabiler als sie es bei meinen Besuchen 2005 war, und ich fürchte, wenn in ein paar Jahren die Truppen abziehen, dann wird es dem Land noch schlechter gehen. Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen, aber es wäre gelogen.

4. Sie sind für Ihre grammatikalisch korrekt formulierten Sätze bekannt und häufig tauchen im Zusammenhang mit Ihrem Namen Bezeichnungen wie Sprachfetischist und Intellektueller auf. Wie stehen Sie dazu?
Der Sprachfetischist in mir lehnt den Ausdruck „Sprachfetischist“ ab, weil Sprache kein Fetisch sein kann. Ich liebe das Medium, in dem ich denke und lebe. Wie sollte ich es nicht ehren? Und wenn ein „Intellektueller“ jemand ist, der den Umgang mit Gedanken schätzt, dann gibt es nichts daran auszusetzen.

5. Können Sie gut mit Komplimenten leben?

Die platten sind mir peinlich, den raffinierteren gegenüber bin ich unkritisch.

6. Sie haben mal gesagt "Wer ein Image hat, der muss es schänden!" Warum?

Nur langweilige Personen sind identisch mit ihrem Image. Damit es gar nicht erst richtig fest wird, soll man gleich dagegen verstoßen. Aber: wer sich zu lange mit seinem Image beschäftigt wird nie erwachsen.

7. Jetzt mal etwas ganz anderes: Wie wohnten Sie während Ihrer Studentenzeit?

Erst in einer Wohngemeinschaft, dann in einer Klosterzelle, dann in einer Klitsche, dann wieder in der Wohngemeinschaft und so weiter.

8. Sie sind viel in der Welt herumgekommen. Muss man irgendwann sesshaft werden? Verlangt das das Alter?

Man wird bequemer, ja. Ich möchte aber vor allem nicht mehr gerne außerhalb der deutschen Sprache wohnen. Da wird also der Auslauf schon geringer.

9. Wo würden sie gerne leben, wenn sie sich heute für einen Ort entscheiden müssten?
In Hamburg oder Wien.

 

10. Wenn der Ort nun feststeht: Wie würden Sie gerne wohnen? Würden Sie ein Haus bauen oder haben Sie das vielleicht bereits getan? Wenn ja, warum? Wenn nein,  warum nicht?

In dieser Hinsicht ist mein Traum erfüllt. Ich lebe in alten Mauern mit vielen Büchern, CDs und Bildern, habe alte Bäume im Garten und Petersilie im Beet. Die Vögel brüten draußen, ich drinnen.

11. Welcher ist für Sie der wichtigste Raum in einem Haus/einer Wohnung?

Es gibt Situationen, in denen die Toilette der wichtigste ist. Aber am liebsten sind mir alle Räume mit Atmosphäre. Die neue Spießigkeit ist ja das Sachliche. Ich hab es lieber persönlich.

12. Wir sind bekennende Betonliebhaber und als "Magazin der erfreulichen Dinge" berichten wir immer wieder über ungewöhnliche Objekte aus Beton, die zeigen, dass dieser Baustoff Gestaltungsmöglichkeiten keine Grenzen setzt - von Architektur über die iPhone Ladestationen bis hin zur Espressomaschine aus Beton. Wenn Sie etwas aus dem Baustoff Beton gestalten sollten, was wäre das?

Wenn es Betonköpfe gibt, sollte es auch Betonkopfkissen geben.

13. Die Rolling Stones-/Beatles-Frage zum Abschluss: Slayer oder Alban Berg?
Ich weiß, ich sollte mein Image schänden, aber nicht in diesem Fall. Alban Berg bedeutet mir einfach zu viel.

 

Foto: Anita Affentranger