beton.orgKontaktImpressumDatenschutz

 

MAGAZIN / INTERVIEWS

13 Fragen an Dirk Darmstaedter

Ende der 1980 Jahre feierte er mit "The Jeremy Days" große Erfolge, seit 1998 ist Dirk Darmstaedter solo und als "Me And Cassity" unterwegs. Die New York Times bezeichnete ihn als "einen der Underground Pop-Helden Deutschlands". Seit 2002 betreibt er das Label "Tapete Records" in Hamburg. Wir haben ihm 13+1 Fragen zu seinem neuen Album, zum Wohnen in Hotels und zu Wohnzimmereinrichtungen gestellt.

 

1. Du bist seit über 20 Jahren erfolgreicher Musiker. Mit The Jeremy Days hast Du Ende der 1980er Jahre große Erfolge gefeiert und bist heute solo bzw. als “Me And Cassity” nach wie vor sehr aktiv. Dein neues Album “Appearances” erschien Anfang Januar. Was bedeutet es denn für Dich, nach 20 Jahren Musikgeschäft eine neue Platte rauszubringen?

Das ist wirklich immer wieder aufregend. Und wenn das Album dann fertig und eingetütet hier ankommt, ist das immer wieder wie Weihnachten! Unbeschreiblich!

 

2. Deine neue CD heißt “Appearances”, also “der äußere Schein”: Dein äußerer Schein hat sich in den letzten 20 Jahren bis vor kurzem nicht wesentlich geändert, jetzt hast Du eine neue Frisur. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Wenn jetzt schon der Fußball-Bundestrainer mit "meiner" Frisur rumläuft, ist es definitiv Zeit für einen Wandel! Außerdem komme ich ja jetzt in die "George Clooney"-Phase meines Lebens und muss daraufhin etwas nachjustieren.

 

3. Du bist auf zahlreichen Social Media-Plattformen wie Facebook, Twitter und Tumblr aktiv. Wie viel kann man dort von dem wahren Dirk Darmstaedter erleben?

Ein wenig. Aber den wahren Dirk gibt es nur zwischen den Zeilen oder in meinem haptisch geschriebenen Journal, welches keiner außer mir je zu Gesicht bekommen wird.

 

4. Wie glaubst Du, hat sich das Hörverhalten der Deutschen, besonders durch das Medium Internet verändert? Wie wertest Du diese Veränderung?

Es hat sich elementar verändert. Nix mit Alben durchhören. Shuffle-Modus ist aber toll. The Jam direkt gefolgt von Joao Gilberto und dann den Everly Brothers. Wie werte ich das? Es ist etwas verloren gegangen, aber es wurde auch etwas Neues gefunden.

 

5. Eines Deiner Lieder heißt “The Last Troubadour”. So bezeichnet man Dichter und Musiker aus dem Mittelalter. Wer sticht Deiner Meinung nach heute als “Troubadour” besonders hervor? Und warum?

„The Last Troubadour” wurde an einem regnerischen Nachmittag auf Tour in einem Hotelzimmer nahe einer Autobahn aus einem akuten Gefühl der Isolation geschrieben. Obwohl es sich in dem Moment nicht so anfühlte, gibt es dennoch manch andere da draußen, die nicht aufhören wollen, die Menschen mit ihren Liedern und Geschichten zu unterhalten/begleiten. Oder frei nach Kris Kristoffersen:

And you still can hear me singin' to the people who don't listen,

To the things that I am sayin', prayin' someone's gonna hear

And I guess I'll die explaining how the things that they complain about,

Are things they could be changin', hopin' someone's gonna care

 

6. In einem Interview sagtest Du, das Lied “Fred Astaire” sei eine Metapher dafür, dass “wenn es in schweren Zeiten nicht läuft, man auch stilsicher und leichtfüßig durchs Leben kommen kann”. Glaubst Du, dass Menschen ihre eigenen Probleme manchmal zu ernst nehmen? Und wie hast Du Deine schweren Zeiten gemeistert? Immerhin warst Du damals mit Jeremy Days oft in den Charts und dann plötzlich nicht mehr. Wie war es nach dieser Zeit, der großen Popularität und somit dem Beginn Deiner Solokarriere? War das eine schwere Zeit, oder hast Du stilsicher und leichtfüßig weitergemacht?

Schwere Zeiten gibt‘s immer. Trotzdem empfielt es sich gerade in jenen mit einem Pfeifen auf den Lippen durch‘s Leben zu gehen. Oder frei nach den Sex Pistols: Never Mind The Bollocks!

 

7. Nebenbei betreibst Du ein eigenes Label, Tapete Records. Dieses Jahr ist das 10-jährige Jubiläum. Wie wird gefeiert?

Das überlegen wir grad noch. Aber irgendetwas MUSS passieren. Zehn Jahre???!!!! Das ist doch Irre!!!!

 

8. Apropos Tapete: Du wohnst derzeit in Rosengarten, in der Nähe Hamburgs. Wie wohnst Du genau? Hast Du ein eigenes Haus, oder ist es gemietet? Hattest Du einen Bausparvertrag? Darf ein Popstar überhaupt einen Bausparvertrag haben?

Spießig ist, überhaupt solche Worte in den Mund zu nehmen und zu überlegen, ob jemand aus Coolness-Gründen einen Bausparvertrag haben darf, oder nicht. Wer sein Leben danach lebt, was cool, spießig etc. etc. etc. sein könnte, und auf dieser Grundlage Entscheidungen trifft, ist ein hoffnungsloser Mitläufer, der sich immer ganz hinten anstellen muss. Und was zur Hölle ist ein Popstar?

 

9. Bleiben wir bei Häusern: In “My House” von der Jeremy Days-Platte “Punk by Numbers” singst Du über das Haus als Zufluchtsort. Welcher Raum in Deinem Haus ist dein persönlicher Zufluchtsort? Oder dient das ganze Haus als Zufluchtsort? Bist Du eher der Typ für sichere Beton- oder dünne Holzwände?

Ich würde wirklich, wirklich gerne in einem Holzhaus wohnen. Die gab‘s in meiner Kindheit - in Teaneck, New Jersey - und alleine der Geruch holt mich irgendwo ganz tief ab. Aber seien wir realistisch,... in diesem nasskalten norddeutschen Wetter ist ein solide gebautes Stein/Betonhaus auch was Feines! Das Haus ist definitiv ein Zufluchtsort, hier findet das Leben zu großen Teilen statt. Also sollte man es sich dementsprechend auch gemütlich machen.

 

10. Du bietest auch intime Wohnzimmerkonzerte an, kennst also viele fremde Wohnzimmer. Wie ist denn Dein Wohnzimmer eingerichtet? Wie wichtig ist dir Die Inneneinrichtung deines Hauses?

Ich kenne einige Wohnzimmer. Immer wieder interessant zu sehen, wie Menschen wohnen, wohnen wollen und sich dementspechend einrichten. Die Inneneinrichtung unseres Hauses ist relativ aufgeräumt und "modernist",... obwohl da eher meine Frau stilbildend war. Ist auch gut so. Bei mir würden eh nur Akustikgitarren rumliegen und alles voller alter Vinylplatten stehen. So sieht‘s dann aber bei mir im Studio aus,... auch gut.

 

11. Als Musiker bist Du sicher viel auf Tour. Wie schaffst Du es, Dich in Hotels oder Tourbussen zuhause zu fühlen? Oder hast Du Dich nach so vielen Jahren an das Tourleben gewöhnt? Hast Du einen Tick oder Spleen oder eine gewisse Sache, die immer auf Tour dabei sein muss? Welches war das spannendste, bzw. architektonisch schönste Hotel, in dem Du jemals warst?

Das kommt natürlich ein bisschen auf die Hotels an. Ich liebe schöne und besonders spezielle Hotels. Etap Hotels und andere Ketten können jedoch eine tiefe, resignative Melancholie in mir hervorbringen. Beides ist aber gar nicht übel, um neue Songs zu schreiben.... Auf Tour mitnehmen tue ich immer eine Menge Bücher (nun auch gerne den amazon Kindle!) und einen iPod mit sehr großer Festplatte. Letzte Woche durfte ich zwei Nächte im Concorde Hotel, Berlin, nächtigen. Das war schon ziemlich gut. Ich fühlte mich wie Udo Lindenberg im Atlantic Hotel, Hamburg. Habe dementsprechend auch ganze zwei Tage das Hotel nicht verlassen, um das ganz auszukosten.

 

12.  Wir sind bekennende Betonliebhaber und als "Magazin der erfreulichen Dinge" berichten wir immer wieder über ungewöhnliche Objekte aus Beton, die zeigen, dass dieser Baustoff Gestaltungsmöglichkeiten keine Grenzen setzt - von Architektur und Design über Betonschmuck bis hin zum Motorrad aus Beton. Einer Deiner größten Hits heißt “Are You Inventive?”, mit dem Du sogar in den japanischen Charts warst. Jetzt stellen wir diese Frage an Dich: Are you inventive? Was würdest Du aus Beton machen, wenn Du könntest?

Wahrscheinlich eine übergroße Beton-Akustikgitarre (Gibson J-45 !). Diese würde ich dann in unserem Garten aufstellen. Sie müsste also noch von der Autobahntrasse nach Bremen zu sehen sein und würde mich und meine Nachkommen um hunderte von Jahren überleben. Im Jahre 2345 würden die Leute in ihren Raumschiffen vorbeifliegen, auf meine Gitarreninstallation schauen und denken... WTF ????

 

13. Nun die obligatorische Rolling Stones/Beatles-Frage: Rauhfaser- oder Retrotapete?

Definitiv jede Form von Tapete, aber bitte, bitte keine Rauhfasertapete. Damit wurde ich schon zu viele Jahre gequält.

 

Ganz persönliche Zusatzfrage des Redakteurs:

14. Ich habe Dir bzw. Tapete per Soundcloud vor einiger Zeit ein paar Demos meiner Band geschickt, so wie es auf der Website steht. Warum hast Du mich nicht unter Vertrag genommen? Hörst Du Dir das auch alles an?

;-)

Wir versuchen,.... ja wir versuchen wirklich alles zu hören, was uns geschickt wird (und das ist eine Menge). Wir können uns aber nicht bei allen zurückmelden, die uns etwas geschickt haben. Das tun wir nur in den Fällen wo wir wirklich alle (und bei Tapete sitzen mittlerweile 9 Leute!) für etwas "brennen". Dranbleiben!

 

Fotos: Olaf Heine