02.09.2021

Urbane Konversionsflächen

Neue Quartiere in Heidelberg

Eines der größten städtebaulichen Projekte Deutschlands wird aktuell auf ehemals von den US-amerikanischen Streitkräften genutzten Flächen mitten in Heidelberg realisiert. Neues urbanes Leben entsteht in verschiedenen Wohnungsbauten, die das Bauunternehmen Michael Gärtner und die Züblin AG mit der Heidelberger Beton GmbH ausgeführt haben.

Innerstädtische Verdichtung scheitert vielerorts an mangelndem Baugrund. Manche Städte profitieren heute von Entscheidungen, die dreißig Jahre zurückliegen. Durch den teilweisen Truppenabzug der US-Armee, der mit der Wende und dem Ende des Kalten Kriegs einherging, gewann beispielsweise Heidelberg unerwartet Fläche für neue urbane Entwicklung im Stadtgebiet. Insgesamt 180 Hektar innerstädtische Konversionsflächen haben der historischen Stadt am Neckar die Jahrhundertchance einer weitreichenden städtebaulichen Planung geboten, wie sie anderen Kommunen heute aufgrund dichter Bebauung und Mangel an Freiflächen selten gegeben ist. Als Wissenschafts- und Universitätsstandort, der Menschen aus aller Welt – auf begrenzte Zeit wie etwa Studierende, aber auch dauerhaft Beschäftigte mit ihren Familien – anzieht, braucht die Stadt neben attraktiven Flächen für Gewerbe und Forschung vor allem Wohnraum. Denn sie gehört zur Metropolregion Rhein-Neckar, die knapp zweieinhalb Millionen Einwohner zählt und immer noch wächst. 39 Prozent der Einwohner Heidelbergs sind jünger als 30 Jahre, auch sie werden in absehbarer Zukunft einen eigenen Hausstand oder Familien gründen. So ist es sinnvoll, dass städtische Planung dem angespannten Wohnungsmarkt mit seinem hohen Preisniveau gezielt entgegensteuert. Seit einigen Jahren entstehen bereits auf den frei gezogenen Arealen vielfältig gemischte, vitale Quartiere, die dem Anspruch der Verantwortlichen nach bezahlbarem Wohnraum auch für Familien und Geringverdiener genügt und gleichzeitig die bekannte Lebensqualität dieser Stadt weiter entfalten und bewahren kann.

Konversionsflächen bieten Chancen

Die „Konversionsfläche Südstadt“ macht mit einer Größe von insgesamt 40 Hektar fast ein Viertel des gesamten Stadtteils aus. Sie besteht aus den ehemaligen US-Arealen Campbell Barracks und Mark Twain Village, die sich sukzessive in ein modernes, energiesparendes, nachhaltiges und wirtschaftliches Stadtquartier mit viel Grün wandeln soll. Die von viel Bürgerbeteiligung begleitete Stadtentwicklung ist schon weit vorangeschritten. Die Mischung aus sanierten Bestandsbauten und neuem Wohnungsbau lässt hier innenstadtnah ein weiteres Stück Heidelberg entstehen. Bereits im Sommer 2016 konnten vor allem junge Familien in die ersten fertigen Wohnungen einziehen. Nun leben schon fast 1.000 Menschen im Quartier und an allen Ecken wird noch gebaut. „Die Südstadt hat uns die Chance gegeben, neuen und vor allem preiswerten Wohnraum zu entwickeln. Wir schaffen das dank des enormen Engagements der genossenschaftlichen Bauträger und unserer städtischen Wohnungsbaugesellschaft GGH“, äußerte Oberbürgermeister Prof. Dr. Eckart Würzner anlässlich einer Ortsbegehung. Dass 40 Prozent der Mietwohnungen für weniger als acht Euro pro Quadratmeter zur Verfügung gestellt werden können, dafür steht auch die MTV Bauen und Wohnen GmbH & Co. KG, ein Zusammenschluss genossenschaftlich organisierter Banken und Wohnungsbauunternehmen sowie der bereits erwähnten städtischen Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz (GGH). Das Konsortium hat rund 15 Hektar der Konversionsfläche Südstadt von der Stadt übernommen und investiert dort, gemeinsam rund 480 Millionen Euro, in Neubau und Sanierung von etwa 1.200 Wohnungen und knapp 300 Wohnheimplätzen. Die über Jahre laufenden Baumaßnahmen gehen zurück auf einen Masterplan von metris architekten + stadtplaner, den der Heidelberger Gemeinderat bereits 2014 beschlossen hat. Das wohnungspolitische Konzept sieht vor, dass 40 Prozent der Wohnungen im preisgünstigen Mietsegment, 30 Prozent für sogenannte Schwellenhaushalte und weitere 30 Prozent im Segment „freier Markt“ entstehen sollen. Viele der Wohnungen gehen derzeit in die Vermietung. Angestrebt wird dabei eine sozial ausgewogene Differenzierung.

Städtebauliche Aufwertung

Mitte des Jahres wird eine Anzahl von Wohnbauten vollendet, die binnen kurzer Zeit realisiert worden sind. Im Quartier an der Kirschgartenstraße werden dieser Tage die Bauten auf zwei Baufeldern fertig, für die Fischer Architekten aus Mannheim auf Grundlage des genannten Masterplans jeweils die Entwürfe erarbeitet haben. Auf dem Baufeld A2.2 erstellte die Ed. Züblin AG, Bereich Mannheim, sieben Stadthäuser und vier Mehrfamilienhäuser. „Wir sind gerade beim Ausbau und stellen die Wohnbauten bis Oktober 2021 fertig“, berichtet Bauleiter Maxim Engel-Moog von Züblin, der die MTV-Baustelle seit Mitte 2020 mit rund 60 Bauarbeitern betreut. Die Wohnungen werden durch zwei Gewerbeeinheiten ergänzt. Für das gesamte Bauvorhaben lieferte Heidelberger Beton, Gebiet Kurpfalz/Karlsruhe, rund 4.300 Kubikmeter Beton. Auch beim Baufeld A3.2 kam der Beton von Heidelberger. Hier errichtete die Michael Gärtner GmbH mit ihrer Mannheimer Abteilung Schlüsselfertigbau vier Wohn- und sieben Stadthäuser. Aus den Lieferwerken Eppelheim und Mannheim-Rheinau wurden hier insgesamt 4.000 Kubikmeter Beton geliefert.
Die Heidelberger Südstadt war schon vor Beginn der Entwicklung des Quartiers Mark Twain Village ein begehrtes Wohngebiet. Allerdings war die Infrastruktur nicht gut ausgebaut. Obwohl stadtnah, mussten für Einkäufe ausgedehnte Wege zurückgelegt werden. Die städtebauliche Weiterentwicklung bringt für alle Bewohner einen Vorteil. Unter anderem mit der Eröffnung eines Nahversorgungszentrums an der Ecke Römer- und Rheinstraße erfährt der Stadtteil eine Aufwertung.

Gute Infrastruktur für lebendige Quartiere

So entsteht ein neues Quartier, das neben bezahlbaren Wohnungen auch Raum bietet für Geschäfte, Gastronomie, Praxen, Spielplätze, Kindergärten und attraktive Gebäude für Unternehmen. Das Ganze unweit der City, mitten in der Südstadt. Auch die Kultur und mit ihr die Entstehung verschiedener Kultureinrichtungen kommt nicht zu kurz. Dass hier etwas Besonderes entsteht, dafür steht auch die Beteiligung der IBA. So ist „Der andere Park“ ein preisgekröntes Förderprojekt im Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ und offizielles Projekt der Internationalen Bauausstellung Heidelberg. Fußläufig von den neuen Wohnbauten entfernt, verknüpft und verbindet diese Parkanlage verschiedene Orte des Wissens im Areal – dazu zählen das Kultur- und Veranstaltungshaus Karlstorbahnhof, ein Kreativwirtschaftszentrum, das Mark Twain Center für Geschichte und Gegenwart der transatlantischen Beziehungen in der ehemaligen Kommandantur und ein neues Bürgerzentrum in der ehemaligen Chapel, dem Kirchengebäude der US-Armee. „Das gesamte Areal soll mit seinen historischen Schichten als Archiv des Vergangenen und als Plattform des Wissens für die Zukunft verstanden werden“, heißt es in der Projektübersicht der IBA. Mit dieser hier sichtbar belassenen Umformung jüngerer Geschichte entsteht etwas Neues. Ab 2024 werden mehr als 3.000 Menschen im Quartier Mark Twain Village, das die Stadt Heidelberg um ein interessantes Viertel mit urbanen Sehenswürdigkeiten bereichert, wohnen.

Objektsteckbrief

Projekt: Mark Twain Village, Bebauung in der Heidelberger Südstadt auf ehemaligem Kasernengelände; Baufeld A2.2 und A3.2     
Bauherr: MTV Bauen und Wohnen GmbH & Co. KG, Heidelberg
Architekten: Fischer Architekten GmbH Architektur und Stadtplanung BDA, Mannheim
Baufeld A2.2: 7 Stadthäuser, vier Mehrfamilienhäuser, schlüsselfertig
Bauunternehmung: Ed. Züblin AG, Bereich Mannheim
Baufeld A3.2: 7 Stadthäuser, vier Mehrfamilienhäuser, schlüsselfertig
Bauunternehmung: Michael Gärtner GmbH, Eberbach (Abteilung Schlüsselfertigbau, Mannheim)
Beton: 8.300 m3 Beton der Heidelberger Beton GmbH, Gebiet Kurpfalz/Karlsruhe
Lieferwerke: Eppelheim und Mannheim-Rheinau

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