04.09.2013

Mahnmal und Energiebunker in einem

Betonbunker in Hamburg umfassend saniert – Umnutzung als Kraftwerk 

Um die Bevölkerung vor den ab 1940 stetig zunehmenden Luftangriffen der Alliierten zu schützen und die „Wehrhaftigkeit“ der Heimatfront zu untermauern, ließen die Nationalsozialisten während des zweiten Weltkriegs in zahlreichen deutschen Städten Hochbunker-Anlagen bauen. Nach Kriegsende wurden viele der riesigen Betonbauten ihrem Schicksal überlassen und verfielen zusehends – so auch in Hamburg-Wilhelmsburg. Für den mitten in einem Wohngebiet gelegenen Flakbunker hat der Bauherr – die IBA Hamburg GmbH – jedoch jetzt eine neue Aufgabe gefunden. Im Kontext der derzeit in der norddeutschen Metropole stattfindenden Internationalen Bauausstellung 2013 (IBA) wurde der über siebzig Jahre alte Beton-Koloss für insgesamt ca. 27 Mio. Euro umfangreich saniert – und in einen weltweit einzigartigen „Energiebunker“ umgebaut. Ausgerüstet mit einer Solarhülle auf dem Dach und an der Südseite sowie einem regenerativen Kraftwerk mit Großwärmespeicher, versorgt der ehemalige Bunker nun als Kraftwerk das benachbarte Wohnviertel mit klimafreundlicher Wärme und speist CO2-neutral erzeugten Strom in das Hamburger Verteilnetz ein. So steht das dauerhafte Betongebäude heute symbolhaft für den Weg zur autarken Versorgung der Elbinseln mit erneuerbarer Energie – das „Klimaschutzkonzept Erneuerbares Wilhelmsburg“.

Ausgangssituation – Sanierung einer Kriegsruine

Der 1942 vom Architekten Friedrich Tamms entworfene Bunker stand seit Kriegsende 1945 leer und wurde im Zuge einer gezielten Sprengung durch die britische Besatzungsmacht im Jahr 1947 im Inneren fast komplett zerstört. Sechs der acht Etagen stürzten ein, die restlichen Räume waren nur noch mit größter Vorsicht zu betreten. Zur IBA Hamburg 2013 sollte die Kriegsruine nun einer neuen Nutzung zugeführt und in eine innovative „Energiezentrale“ umgewandelt werden. Gleichzeitig sollte das quartiersprägende Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – so sollten Besucher das im Gebäude anzusiedelnde Café in 30 Metern Höhe als Aussichtsplattform nutzen und sich darüber hinaus in einer objektbezogenen Ausstellung zur Historie des Flakbunkers und die Umwandlung zum Energiebunker informieren können. 

Aufgrund des Zustands und der Dimensionen des Gebäudes war das Projekt für das mit der gesamten Sanierungsplanung und Umsetzung beauftragte Architekturbüro Hegger Hegger Schleiff (Kassel) eine besondere Herausforderung. Denn: Die Außenwandstärke des Bunkers beträgt ca. 2 Meter, die oberste Geschossdecke ist ca. 4 Meter dick. Auf ca. 30 Meter Höhe des insgesamt 42 Meter hohen Bauwerks befindet sich eine umlaufende Auskragung, die der Erschließung der obersten Ebenen dient. Charakteristisch für das Gebäude sind die vier Gefechtstürme. Am Sockel in sieben Metern Höhe hat der Flakbunker die Außenabmessungen von 57 x 57 Meter. An den vier Gebäudeecken befindet sich oberhalb der umlaufenden Kragplatte je ein rund ausgebildeter Gefechtsstand. Bei der Planung zur Sanierung des denkmalgeschützten Flakbunkers richteten die Architekten ein besonderes Augenmerk auf die Erhaltung des äußeren Erscheinungsbilds. Guido Höfert, Projektleiter bei Hegger Hegger Schleiff erläutert: „Grundlegender Ansatz für Sanierung und Umnutzung war es, den Charakter als Mahnmal mit Identifikationswert für das Quartier zu erhalten. Ziel der architektonischen Überlegungen war es, mit minimalen Eingriffen die neuen Nutzungen im Gebäude unterzubringen und nach außen hin sichtbar zu machen.“ 

Tragwerkssanierung 

Kern der Sanierungsmaßnahmen waren umfangreiche Arbeiten an den Betonfassaden, allen Dachflächen sowie die Instandsetzung des Tragwerks bzw. des Innern des Bunkers. Durch die nahezu vollständige Zerstörung im Innenbereich bestand keine vertikale Erschließung des Gebäudes mehr. Hinzu kam dass, dort insgesamt ca. 25.000 Tonnen Schutt von sechs Geschossebenen, Innenwänden und Stützen aus Stahlbeton lagerten. Um diese riesige Schuttmenge beräumen zu können, musste zunächst eine ca. 15 x 7 Meter große Öffnung aus der Westfassade des Bunkers herausgebrochen werden. Anschließend wurde für den vorgesehenen Technikraum – hier sind heute alle Technologien und sowie die komplette Infrastruktur für die Energieversorgung angesiedelt – das Gebäudetragwerk komplett instandgesetzt. Dabei errichteten die Experten des Bauunternehmens Fr. Holst (Hamburg) insgesamt sechs neue je 2 x 2 Meter starke sowie zwischen 18 und 28 Meter hohe Stahlbetonstützen und schlossen diese an die bestehenden Stützenstümpfe an. 

Auch die zehn monumentalen Wandvorlagen – vier davon mit einem Querschnitt von 2 x 2 Metern und weitere sechs mit Maßen von 2 x 5 Metern – mussten aus statischen Gründen komplett neu errichtet werden. Darüber hinaus wurde – aufbauend auf den im Bestand vorhandenen Baulichkeiten – ein neues Treppenhaus als Sicherheitstreppenraum realisiert. Parallel dazu führt ein Feuerwehraufzug von der Eingangsebene bis in die oberste Ebene 8.

Sanierung der Außenhülle 

Ein weiterer Projekt-Schwerpunkt war die Sanierung der über siebzig Jahre alten Betonfassade. Hier sollten einige Ausschnitte der Originalfassade einschließlich des damaligen Tarnanstrichs erhalten bleiben – darüber hinaus waren jedoch umfangreiche Arbeiten notwendig. Neben der gezielten Behebung einzelner Fehlstellen wurde die gesamte Außenhülle großflächig mit Spritzbeton überzogen. Dabei dübelten die Spezialisten der Firma Spesa Spezialbau und Sanierung (NL Butzbach) zunächst auf Abstand Betonmatten auf den vorhandenen Beton. Dann wurde die komplette Fläche mit einer acht Zentimeter starken Spritzbetonschale versehen und anschließend mit einem speziellen Igelbrett abgerieben, um ein homogenes Oberflächenbild zu erhalten. Um die ursprüngliche Betonstruktur zu erhalten, wurden außerdem die Denkmalfenster als ausgesparte Bereiche mit Stahlrahmen eingefasst und mit einem unauffälligen Schutznetz aus Edelstahl versehen. So passen sie sich harmonisch in die Gesamt-fassade ein. Die markanteste Veränderung an der Fassade stellt jedoch die für die Schuttabfuhr aus dem Inneren aufgebrochene Westfassade dar, die sich heute großflächig verglast präsentiert.

Ebenfalls direkt ins Auge fällt die neue Solarthermie- und eine Photovoltaikanlage des „Energiebunkers“, die an Dach und Südfassade als Stahlbau ausgebildet ist. Architekt Guido Höfert erläutert die Fassadensanierung: „Die monolithische Überformung der alten Betonfassade mit Spritzbeton wurde notwendig, um die Bausubstanz als Ganzes zu erhalten. Die ursprüngliche Wehrhaftigkeit ist nunmehr durch die Verglasung der Westfassade und die sichtbar gemachten Elemente der Energieversorgung gebrochen – dadurch wird die zivile Nutzung deutlich gemacht. Die prägnante Kontur des Gebäudes bleibt aber deutlich erkennbar.“

Nicht zuletzt ist durch umfangreiche Abbruchmaßnahmen auf der Ebene 08 des Bunkers in einem der vier ehemaligen Gefechtstürme Raum für ein öffentliches Café entstanden, das einen – gemäß der ursprünglichen Schutzfunktion nicht gewünschten – Außenkontakt herstellt. Eine gläserne Öffnung bietet Ausblick und Aufenthaltsqualität und signalisiert deutlich die zivile Umnutzung des Bunkers. Von der 30 Meter hohen Kragplatte aus ist ein fantastischer Rundblick über ganz Hamburg möglich.

Technikzentrale im Innern

Die heute im 28 Meter hohen Bunker-Innenraum angesiedelte Technikzentrale versorgt ca. 3.000 Haushalte mit überwiegend regenerativ erzeugter Wärme – unter anderem  unterstützt durch Industrieabwärme eines benachbarten Betriebs – und ca. 1.000 Haushalte mit Strom. Karsten Wessel, Projektkoordinator beim Bauherrn IBA Hamburg GmbH, erklärt „Kern der Anlage ist ein 2.000 Kubikmeter Wasser fassender Wärmespeicher, der zwischen vier der insgesamt sechs neu errichteten Stahlbetonstützen steht. Durch die Verknüpfung der Energieerzeugung aus Solarenergie, Biogas, Holzhackschnitzeln und Abwärme aus einem benachbarten Industriebetrieb wird der Energiebunker zukünftig einen Großteil des benachbarten Wohnviertels mit überwiegend regenerativ erzeugter Wärme versorgen und gleichzeitig klimaneutral erzeugten Strom in das Stromnetz einspeisen. Im Endausbau wird der Energiebunker circa 22.500 Megawattstunden Wärme und fast 3.000 Megawattstunden Strom erzeugen und dabei im Vergleich zur Bestandssituation 95 % weniger CO2 erzeugen. Das vom Energiebunker versorgte Reiherstiegviertel wird damit auf den Klimaschutzstandard von 2050 gebracht.“ Anhand des weltweit bisher einmaligen Projekts sollen zukünftig Erkenntnisse über die Praxistauglichkeit der eingesetzten Regel- und Hydrauliktechnologien gesammelt werden. Auch an einer Erweiterung des Projektes wird im Rahmen des Förderprogramms EnEff:Stadt bereits geforscht.

Der Energiebunker und die Ausstellung sind im Rahmen der Präsentation zur IBA 2013 täglich geöffnet. Weitere Informationen unter www.iba-hamburg.de

Bildnachweis: Betonbild / Falk

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