07.05.2014

Ein Bergrücken aus Beton

Nähert man sich dem Bau, fällt einem die Assoziation mit dem Begriff Affenhaus erst einmal schwer. Es dominieren die Außenbereiche der Anlage und unterstützen den ersten Eindruck eines großen Felsens, der von üppiger Vegetation überwuchert wurde. Bildquelle: HeidelbergCement/Fuchs

Wie ein Berg liegt es da, das neue Menschenaffenhaus der Wilhelma in Stuttgart. Schon vom Rosensteinpark aus zu sehen, erhebt sich die neue Anlage über die anderen Gehege und setzt ein Zeichen. Denn alleine die Größe verspricht bereits viel Platz für Tiere und Besucher. In seiner künstlich hergestellten Topographie folgt der Neubau dabei seiner Umgebung. Denn das im benachbarten Park vorzufindende und für Stuttgart typische Gelände aus Hügeln und Tälern wurde mit dem Menschenaffenhaus aufgegriffen. So entstand ein künstlicher Bergrücken. Eingebettet zwischen den Anlagen für Giraffen, Erdmännchen, Zebras und Dorcas-Gazellen, Somali-Wildeseln und Straußen bildet das neue Haus mit seinen Nachbarn den Schwerpunktbereich Afrika. Dies ist auch der Grund, dass das neue Haus, obwohl für Menschenaffen konzipiert, lediglich Heimat für die Bonobos und Gorillas der Wilhelma ist. Die anderen Menschenaffen-Arten, die Orang-Utans und die Gibbons, die in der Wilhelma gehalten werden, sind als asiatische Tiere an einem anderen Standort konzentriert.

Viel Platz für die Tiere


Vor allem zoologische Aspekte standen bei der Planung der neuen Anlage im Vordergrund. Das Büro Hascher Jehle Architektur aus Berlin schuf einen Ort, an dem moderne und artgerechte Tierhaltung möglich ist. So schwärmt etwa der Zoodirektor Prof. Dr. Dieter Jauch vom besten Affenhaus der Welt. Alleine das Platzangebot wurde gegenüber der bisherigen Heimat der Tiere deutlich erweitert.

Die Bonobos können sich innen auf rund 350 m2 austoben und finden außen noch einmal 1.220 m2 Platz. Dies bedeutet das Zehnfache an Fläche gegenüber der alten Anlage. Und auch den Gorillas wurde man mit einer Steigerung um das Fünfzehnfache gerecht. So gelang es im Innern 600 m2 und im Außengehege 2.270 m2 an Platz zu schaffen. Hinzu kommen noch etwa 150 m2 für den Gorillakindergarten. Hier werden verwaiste Gorillakinder aus ganz Europa von Hand aufgezogen und in direkter Nachbarschaft zur Gorilla-Familiengruppe der Wilhelma an das Leben im Sozialverband heran geführt.

Betonrahmen mit großen Glasscheiben sorgen auch hier für freie Sicht zwischen Mensch und Tier. Bildquelle: HeidelbergCement/Fuchs

Künstlicher Felsen

Doch zurück zum ersten Eindruck: Die Assoziation mit einem Felsen liegt nicht der Gebäudeform wegen nahe. Denn unter der intensiven Dachbegrünung besteht die Anlage tatsächlich aus einer Art Stein. Sie wurde aus Stahlbeton konstruiert, der teilweise von der Heidelberger Beton GmbH aus dem Werk Stuttgart-Nord geliefert wurde. Die rund 515 m3 Beton entsprechen unterschiedlichen Festigkeits- und Expositionsklassen, im Schwerpunkt allerdings der Festigkeitsklasse C30/37 und, aufgrund des geforderten Karbonisierungsschutzes, Stichwort Feuchtigkeit, der Expositionsklassen XC1 bis XC4. Da die Betone der Innengehege stark durch Tierexkremente und Reinigungsmittel belastet werden, erhielten diese andere Vorgaben. Ihre Expositionsklassen liegen bei XC3 bzw. XA1. Letztere auch aus dem Bau von Klärbecken oder Güllebehältern bekannt.

Bei der Konsistenz der gelieferten Ortbetone wurde ebenfalls variiert – je nach Einbauort und der damit verbundenen Schalung. So lieferte Heidelberger Beton beim Dach des Affenhauses einen zähflüssigen Beton mit dem Ausbreitmaß F3, um das Abrutschen auf den schrägen Flächen zu verhindern. Bei den Stützen dagegen setzte man einen Beton mit F6 ein. Dieser musste alle in den Stützen verbauten Stahlteile komplett umschließen und durfte keine Hohlräume ausbilden. Wegen der hohen Belastung wurde hier auch Beton mit der Festigkeitsklasse C45/55 verwendet.

Anlage mit drei Zonen


Betrachtet man das eigentliche Haus isoliert von den Außenanlagen, folgt dieses einer S-förmigen Linie und schlängelt sich zwischen dem vorhandenen, historischen Baumbestand hindurch. Wo kein Grün das Gebäude bedeckt, dominieren Glas und der bereits erwähnte Beton als Materialien. Die Glasflächen der Fassade ermöglichen dabei neben Ein- und Ausblicken auch eine gute, natürliche Belichtung.

Neben dem Hauptbau wurde auch die Begrenzung der Gorilla-Anlage im Freien mit Beton und Glas erstellt. Die rund 720 m2 messende Betonmauer wurde neben den Scheiben noch mit Holzelementen ergänzt.

Hierin unterscheidet sich das Außengehege der Gorillas auch von dem der Bonobos. Während die Gorilla-Außenanlage kein Dach hat, sondern nach oben offen ist, wurde die Außenanlage der Bonobos stärker auf deren Kletterdrang hin gestaltet. So überspannt ein Stahlnetz mit bis zu 12 Metern Höhe den Außenbereich mit seinen zahlreichen Gerüsten und Schaukeln. Betonrahmen mit großen Glasscheiben sorgen auch hier für freie Sicht zwischen Mensch und Tier.

Statische Elemente wie Stützen, Wände und Decken sind in der 20 Millionen teuren Gesamtanlage in Sichtbeton der Klassen SB1 bis SB3 ausgeführt und werden durch große Glasflächen unterbrochen, die den Blick in die Innengehege freigeben. Bildquelle: HeidelbergCement/Fuchs

Mischung aus Beton und Rindenmulch

Betritt man das Innere, wird der monolithische Charakter erneut bestärkt. Statische Elemente wie Stützen, Wände und Decken sind in der 20 Millionen teuren Gesamtanlage in Sichtbeton der Klassen SB1 bis SB3 ausgeführt und werden durch große Glasflächen unterbrochen, die den Blick in die Innengehege freigeben.
Dort, wo sich die Bonobos, die Gorillas und die Gorilla-Handaufzuchten bei schlechter Witterung aufhalten, wurde der Beton als Hauptmaterial auch funktional eingesetzt. Die Terrassen, Treppen und Böden in den Gehegen beherbergen teilweise die Heizelemente.

Damit wird mit dem Einsatz von Niedrigtemperaturheizungen auch darauf geachtet, dass der Energieaufwand gering gehalten werden kann. Zudem dienen die warmen Böden den Affen als Ort der Entspannung. Solche beheizten Sitzflächen gibt es im Übrigen auch im Außenbereich. Die sogenannten Nahbegegnungszonen befinden sich meist an den Panoramascheiben. So soll es immer wieder zu räumlicher Nähe von Tier und Mensch kommen.

Ergänzt werden die Innengehege mit einem Boden aus Pinienrinde, der zum Spielen, Toben und Erkunden ideal ist. Er verfügt zudem dank Mikroorganismen und Huminsäuren über eine natürliche Fähigkeit zur Selbstreinigung. Um den darunter liegenden Beton vor Feuchte zu schützen, wurde dieser mit wasserdichtem Epoxidharz versiegelt. Dies gilt auch für die Terrassen und Treppen in den Gehegen, die ebenso wie der Boden mit einem leichten Gefälle versehen wurde, damit Urin und Wasser gut abfließen können. Bei der Ausführung der Betonflächen, der Bauteilanschlüsse und der Einbauten galt dabei besondere Sorgfalt. Um die Gefahr von Erkrankungen zu minimieren, mussten alle Installationen fugenlos und hohlraumfrei sein. So wird verhindert, dass sich eventuell Ungeziefer einnisten kann.

Aber nicht nur für die Tiere wurde gesorgt. Rampen und Treppen führen die Besucher vorbei an den Gehegen und erlauben es, die Tiere zu beobachten. Aus Afrika stammende Pflanzen lockern den großen Innenraum auf und dienen zudem als Sichtschutz für die Tiere und teilweise auch als Nahrungspflanzen. Sie bilden mit den grau-beigen Betonflächen einen schönen Kontrast und geben dem Innenraum eine angenehme Atmosphäre. Zudem sorgen die Pflanzen gemeinsam mit den Pinienböden dafür, dass die wichtige, natürliche Luftfeuchte ohne großen technischen Aufwand gesichert werden kann. Auftretende Temperaturschwankungen werden durch die hohe Speicherkapazität der massiven Betonkonstruktion abgedämpft. Innen bleibt es so auch an heißen Tagen kühler als außen. Lediglich eine mechanische Be- und Entlüftung ist vorgesehen. Ihre Klappen werden auf Basis von Sensorinformationen automatisch gesteuert.

Hell und freundlich

Um den Pflanzen und Tieren ausreichend Licht zu bieten, verfügt das neue Affenhaus über große Oberlichter und, wo notwendig, UV-Lampen. So entsteht eine helle und freundliche Atmosphäre.

Dies ist auch der Gesamteindruck, den man vom neuen Haus für Menschenaffen gewinnen kann. Die großen Gehege, die auf einen Blick nicht überschaubaren Außenbereiche beider Arten und die vielen Pflanzen lassen einem ein gutes Gefühl beim Betrachten. Den Architekten Hascher Jehle ist es gelungen, die natürliche Umgebung außen nachzubilden und innen so zu abstrahieren, dass der Blick und die Konzentration auf den Tieren liegen. Auch der Einsatz von Beton kann als sehr gelungen verzeichnet werden. Konstruktiv, funktional und gestalterisch, dieser Baustoff ist vielseitig einsetzbar. Damit setzt die neue Anlage für Afrikanische Menschenaffen in Stuttgart sowohl ein Ausrufezeichen bei der Materialität als auch bei der modernen Haltung von Tieren in Zoos.

Objektsteckbrief

•    Projekt: Neubau des neuen Hauses für Afrikanische Menschenaffen
•    Einweihung/Eröffnung: Pfingsten 2013
•    Ort: Stuttgart, Botanisch-Zoologischer Garten Wilhelma
•    Bauherr: Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Stuttgart
•    Architekten: Hascher Jehle Architektur, Berlin
•    Produkt: 515 m3 Beton in unterschiedlichen Festigkeits- und Expositionsklassen,
     im Schwerpunkt C30/37, Expositionsklassen XC1 bis XC4. Betone Innengehege XC3 bzw. XA1,
     Sichtbetone SB1-SB3
•    Beton: Heidelberger Beton GmbH & Co. Stuttgart KG

Quelle: HeidelbergCement in Deutschland

Schlagworte zu passenden Webseiten in unserem Auftritt

Expositionsklassen Freizeitbauten Sichtbeton

Beton. Für große Ideen.

Logo - Beton.org

Diese Internetseiten sind ein Service
der deutschen Zement- und Betonindustrie

  • E-Mail
  • Facebook
  • RSS
  • Twitter
  • YouTube