21.02.2018

Betonbohrpfähle sichern Museumsbau

Heidelberger Beton für Archäologische Zone in Köln

Das Jüdische Museum MiQua wird als schützende Hülle über die Archäologische Zone gebaut. Es hält sich an historische Baukonturen und füllt die städtebauliche Lücke, die hier durch den Zweiten Weltkrieg entstanden ist.

Über der Archäologischen Zone in Köln entsteht das Jüdische Museum MiQua. Hunderte von Betonbohrpfählen wurden so gesetzt, dass archäologisch wertvolle Exponate, die unter dem Neubau liegen, nicht beschädigt und später zugänglich gemacht werden können.

Die römischen und mittelalterlichen Mauerreste sind im unterirdischen Bereich des Museums zu besichtigen. Die Bohrpfähle wurden denkmalschonend verortet, wie das virtuelle Befundmodell der Archäologischen Zone in Köln zeigt.

Unter dem Historischen Rathaus der Stadt haben bereits in der Nachkriegszeit archäologische Grabungen stattgefunden. Seither gilt der Kölner Rathausplatz als einer der bedeutendsten archäologischen Fundstätten Deutschlands. Hier mitten in der Altstadt entsteht das MiQua, das Jüdische Museum im Quartier, denn im Zuge der zerstörten Innenstadt war man nicht nur auf römische, sondern auch auf jüdische Mauerreste gestoßen. Steinerne Vergangenheit lässt sich nur ansatzweise in Vitrinen ausstellen oder abstrakt vermitteln. In Köln möchte man vielmehr die wertvollen Zeugnisse der Vergangenheit direkt an ihrem ursprünglichen Standort in einer begehbaren Archäologischen Zone präsentieren. Als sich die Stadt entschieden hatte, diese im Zusammenhang mit einem Haus der Jüdischen Kultur zu realisieren, waren auch die Weichen für den ungewöhnlichen zeitgenössischen Museumsbau gestellt. Die Konzeption von MiQua ist auf die direkte Präsentation und didaktische Vermittlung seiner Exponate am unmittelbaren Fundort ausgerichtet. Eine weitgespannte Konstruktion wird die freigelegten Bodendenkmäler schützen, wie es Zelte über Ausgrabungsstätten tun. So kann der vielschichtigen Vergangenheit Raum gegeben werden. Die Fassade dieses Museumsbaus ist weitgehend geschlossen, gezielte Ein- und Ausblicke sind vorgesehen. Die Dachlandschaft fügt sich in ihrer gefalteten Kleinteiligkeit in den städtischen Kontext ein und bildet die ursprüngliche Struktur des Quartiers vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder ab. Wandel Lorch Architekten aus Saarbrücken hatten schon mit ihrem Wettbewerbsentwurf verdeutlicht, dass sie nicht nur einen markanten architektonischen und städtebaulichen Akzent setzen, sondern mit weiten Bodenöffnungen im Inneren Einblicke bieten und Verständnis für eine vergangene Welt wecken wollen.

Bauen in der Archäologischen Zone

Die Bauarbeiten an diesem historischen Standort erforderte von den Bauausführenden besondere Aufmerksamkeit. „Wir hatten hier permanent Archäologen vor Ort, kein Gramm Erde, das nicht untersucht wurde“, erinnert sich Bauleiter Olaf Sahm von Berger Grundbautechnik an die Gründungsarbeiten des MiQua. Sein auf Spezialtiefbau ausgerichtetes Unternehmen war für die Baugrubenumschließung zur Sicherung der Archäologischen Zone vor dem Historischen Rathaus zuständig. Zunächst stabilisierten die geschulten Mitarbeiter mittels Niederdruckinjektion den schwierigen Baugrund. Anschließend setzten sie 339 Pfähle um die Baugrube herum, um die Randbereiche vertikal abzugrenzen und eine große Stützwand zu schaffen, die Auflagerpunkte für den Museumsbau bietet sowie den archäologischen Rundgang begrenzt.

Dies erfolgte mittels einer überschnittenen Bohrpfahlwand, deren einzelne Pfähle je nach Untergrund in Tiefen zwischen 12 und 33 Meter reichen. „Wir bohrten über ein Dreivierteljahr lang teilweise bis zu dreißig Meter tief durch historische Gründungen, durch alte Hafenmauern aus Basalt, deren Gestein die Römer aus dem Gebirge jenseits des Rheins gebracht hatten“, erläutert der Bauleiter. „Erst darunter stießen wir auf Rheinkies.“

Die bestehenden Bauten der Umgebung mussten während des gesamten Ablaufs auf mögliche Erschütterung durch die erforderlichen Bohrungen untersucht werden. Die Bohrpfähle wurden von Berger Grundbautechnik versetzt und mit Betonschablonen angeordnet, sodass der nötige Überschnitt und die Lagegenauigkeit an jedem der Pfähle gewährleistet war. Das Unternehmen nutzte Drehbohrer mit hydraulischem Antrieb und einem Durchmesser von 880 Millimetern. Je nach Baufortschritt arbeiteten drei bis 15 Mann mit ein oder zwei großen Bohrgeräten der Marke Liebherr LB 24-270 mit bis zu 80 Tonnen Einsatzgewicht.

Betonbohrpfähle sichern Bodendenkmäler

Für die Betonpfähle lieferten Fahrmischer knapp 4.000 Kubikmeter Beton von Heidelberger Beton, der mit Hochofenzement aus dem HeidelbergCement Werk in Ennigerloh hergestellt worden war. Er wurde von den Tiefbauern im Kontraktorverfahren eingebaut. „Dabei wird nach dem Ausbohren des Erdreichs im Schutz der Bohrrohre der Bewehrungskorb eingehängt und der fließfähige Beton (Konsistenz F5) – geschützt vor dem Wasser innerhalb der Bohrrohre – mittels Betonierrohr bis zur Unterkante der Bohrung geführt. Beim Aufsteigen drückt es das Wasser vor sich her nach oben, sodass nach dem Entfernen der Bohrrohre in der Erdschalung ein sauber betonierter Pfahl entsteht“, erklärt Bauleiter Sahm. Eine Pfahltiefe von 20 Metern erforderte jeweils rund 15 Kubikmeter Beton, der just in time von mehreren Fahrmischern angeliefert wurde. Auch 49 Einzelstützen, deren genaue Lage von den Architekten in Abstimmung mit den Archäologen vorgegeben und vom Statiker geprüft worden war, versenkte Berger Grundbautechnik auf diese Weise und goss die Stahlhüllen mit Beton aus. Bei diesen Stützen, die später innerhalb der Ausstellungsfläche als Deckenstützen dienen, blieben die Rohre als eine Art verlorene Schalung im Boden. Sie warten nach Fertigstellung des Projekts mit einer Bekleidung aus Stahl auf. Beim Rundgang durch die Bodendenkmäler, wenn alle Mauerreste und Exponate im Boden wieder in Gänze frei liegen, bilden die neuzeitlichen Bohrpfähle in der Archäologischen Zone dagegen eine sichtbare, erdgeschalte Betonwand.

Auf diese Weise wird den Besuchern des MiQua die Besichtigung der Mikwe ermöglicht. Der Schacht dieses rituellen jüdischen Tauchbads reicht bis zum Grundwasserspiegel in 17 Meter Tiefe. Die hochliegenden Überreste der Synagoge werden unmittelbar in den künftigen Museumsbau einbezogen und von dort aus erschlossen: „Man steigt in die Geschichte hinab“, beschreibt Architekt Wolfgang Lorch das zweiteilige Museumsprojekt. Denn an seinem Standort liegen vier bis fünf historische Zeitschichten übereinander, deren kulturell bedeutsame Überreste nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Objektsteckbrief

Projekt: MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln
Bauherr: Stadt Köln, vertreten durch das Dezernat für Kunst und Kultur
Architekten: Wandel Lorch WHL GmbH, Architekten und Stadtplaner BDA, Saarbrücken
Statik: Leonhardt, Andrä und Partner Beratende Ingenieure VBI AG, Stuttgart
Projektsteuerer: Drees & Sommer AG, Stuttgart
Betonbohrpfähle: Berger Grundbautechnik GmbH, Passau; Geiger Unternehmensgruppe, Oberstdorf
Produkte: 3.842,5 m³ Bohrpfahlbeton C30/37 M F5 mit CEM III A 42,5, Hilfsbeton für Betonbohrschablone C25/30 und C30/37 M F3 mit CEM III A 42,5, Werk Ennigerloh, 2.500 m³ Betone verschiedenster Güten, bis zu 40/50 von der Heidelberger Beton GmbH

Mammutaufgabe Museumsbau

In die Planung einbezogen ist ein etwa 8.500 Quadratmeter großes Areal, knapp ein Fünftel davon ist Ausstellungsfläche. So erstrecken sich auch große Teile des neuen Museums unterirdisch unter Rathausplatz und Spanischem Bau. Die „Archäologische Zone“ zeigt unter anderem ortsfeste Bodendenkmäler wie das Praetorium, den Amtssitz des römischen Statthalters und römische Thermen. Sie beinhaltet den Portikus und das jüdische Hospital, Fundamente des Goldschmiedeviertels sowie spätantiker, romanischer und gotischer Bürgerhäuser. Im oberen Museumstrakt zeigen Wechselausstellungen archäologische Fundstücke – anschaulich didaktisch vermittelt, denn, so Professor Lorch, „Steine sprechen nicht“. Auch eine Dauerausstellung zur Jüdischen Kölner Geschichte ist geplant.

Archäologische Denkmalpflege

Zur Sicherung des kulturellen Bestands römischer und jüdischer Geschichte hatte man bereits 2007 in Köln die Ausgrabungen vor dem Rathausplatz wieder aufgenommen. Acht Jahre später waren die wesentlichen Bereiche soweit freigelegt und dokumentiert sowie die beweglichen Fundstücke so weit gesichert, dass die archäologisch wertvollen Bodendenkmäler erneut mit Sand bedeckt werden konnten. Heute harren sie geduldig und geschützt, bis sie durch das anspruchsvolle Ausstellungskonzept des MiQua der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden können. Ein aufwändiges Verfahren, das allerdings dem Wert dieses unermesslichen Kulturerbes geschuldet ist.

Quelle: HeidelbergCement in Deutschland
Fotos: HeidelbergCement AG / Steffen Fuchs

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