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26.09.2011
8. Heidelberger Bauforum diskutierte Chancen und Risiken großer Projekte
Öffentlicher Konsens statt Vorwegentscheidungen
Baukultur im 21. Jahrhundert ist Dialogkultur. Zumindest sollte sie es sein.
Offen, transparent und auf Augenhöhe: So erwartet die Öffentlichkeit die Planung großer Projekte. Doch dieser neue Anspruch auf Partizipation und Mitgestaltung scheitert noch viel zu oft an traditionellen Verfahrensmustern und veralteten Beteiligungsformen der Öffentlichkeit im städtischen Planungsprozess. Es stellt sich somit die Frage: Wie können bei komplexen Planungsprozessen aus Gegensätzen Gemeinsamkeiten entstehen? Wie können unterschiedliche Vorstellungen in einer „Sprache“ kommuniziert und zusammengeführt werden?
Andreas Kern, Mitglied des Vorstands der HeidelbergCement AG, hieß das Auditorium und die Referenten zum Bauforum 2011 willkommen. Thema des Kongresses: Große Projekte! Smart is beautiful - Stadtumbau, Konversion, Masterpläne. Foto: HeidelbergCement/Fuchs
Diese und weitere Fragen zu Chancen und Risiken von großen Projekten diskutierten die Teilnehmer des 8. Heidelberger Bauforums am 21. und 22. September 2011. „Große Projekte! Smart is beautiful - Stadtumbau, Konversion, Masterpläne“ lautete der Titel der Veranstaltung, zu der rund 250 Entscheider aus den unterschiedlichen Bereichen des Bauens ins Portland Forum nach Leimen kamen. Zehn hochkarätige Experten betrachteten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln, indem sie Denkanstöße gaben, neue Trends präsentierten und städtebauliche Konzepte und Visionen vorstellten.
„Heute gibt es fast kein Projekt, gegen das es nicht Widerstand in der Bevölkerung gibt“, stellte Andreas Kern, Mitglied des Vorstands, in seiner Eröffnungsrede fest. „Vor diesem Hintergrund hat es Sinn, sich mit dem Thema „Große Projekte“ kritisch auseinander zu setzen. Fehler werden auf allen Seiten gemacht und es braucht eine gewisse Offenheit und auch viel Mut, dies zuzugeben und nach Änderungsmöglichkeiten zu suchen.“
Diese Meinung vertrat auch Alexander Wetzig, Bürgermeister des Baudezernats Ulm.
In seinem Vortrag: „Planen und Stadtentwicklung als diskursiver Prozess“ bestätigte Wetzig, dass Planungsprozesse vielschichtiger, komplexer und ausdifferenzierter werden.
Notwendig sei deshalb eine grundlegende Neuorientierung des öffentlichen Planungsprozesses: Anstatt Planung zu kommunizieren, müsse Planung selbst als Kommunikationsprozess verstanden und organisiert werden. „Die Partizipation von Bürgern im lokalen Planungs- und Baugeschehen ist heute ein unverzichtbares Element zur Stärkung kommunalpolitischer Selbstverantwortung und stadtgesellschaftlicher Identifikation“, so Wetzig.
„Um große Projekte mit einer überzeugenden Stadtidee zu verbinden, bedarf es einer Strategie, die mit dem Wesen der Stadt im Einklang steht“, forderte Annette Friedrich, Leiterin des Stadtplanungsamt Heidelberg, in Ihrem Vortrag „Wissen schafft Stadt – Stadtidee und große Projekte“. Wichtig sei es, Stadträume zu einer Heimat werden zu lassen, in der sich Bürger wohlfühlen. Als aktuellen Meilenstein stelle Friedrich dazu das Projekt „Bahnstadt“ vor. Mit der Entwicklung des neuen Stadtquartiers, einem 116 Hektar umfassenden ehemaligen Güterbahngelände, soll für etwa 5.000 Bewohner und 7.000 Beschäftigte ein neuer Stadtteil entstehen. Mit einem hohen Qualitätsanspruch an das Wohnen soll es gelingen, der Abwanderung durch zu hohe Wohnkosten und mangelnden Wohnraum Einhalt zu gebieten.

Rund 250 Interessierte aus allen Bereichen der Bauwirtschaft kamen zum 8. Heidelberger Bauforum ins Portlandforum nach Leimen. Foto: HeidelbergCement/Fuchs
Die Zukunft der Stadt im 21. Jahrhundert gestalten: Dieser Aufgabe stellt sich die Internationale Bauaustellung IBA Hamburg 2013, die Thema des Vortrags von Geschäftsführer Uli Hellweg war. Der Bau von flexibel nutzbaren Hybrid Houses, CO2-neutralen Smart Material Houses oder Smart Price Houses stellten dabei nur drei Beispiele von vielen dar, wie man Quartiere zu Vorbildern in Vielfalt und sozialem Zusammenhalt sowie im Umwelt- und Klimaschutz entwickeln kann.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Energiedebatte und dem Entschluss bis 2022 vollständig aus der Kernenergie auszusteigen, steht Deutschland in den kommenden Jahren vor einer großen Herausforderung: Wie erreichen wir eine nachhaltige neue Energiebasis, die uns sichere, klimafreundliche Energie liefert? Welche Rolle spielen die erneuerbaren Energien? Wie müssen Netze und Speichertechnologien ausgebaut werden? Holger Gassner, Leiter Politik und Märkte bei der RWE Innogy GmbH, stellte das 2008 gegründete Unternehmen vor, das schon jetzt rund 2.500 Megawatt Kraftwerkskapazität auf Basis von Windkraft, Biomasse, Wasserkraft und neuen Technologien betreibt. Gassner beurteilte den Ausbau regenerativer Energie als richtig, den angestrebten Zeitplan diese als vollständige Substitution für Kernenergie nutzen zu können, allerdings als mehr als ehrgeizig. Er appellierte deshalb, dass die Energiewende als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden muss und nicht auf den Schultern einiger weniger politischer oder wirtschaftlicher Akteure ausgetragen werden darf.
Bauten zur Energiegewinnung sind meist funktional und aufgrund dessen selten kunstvoll. In Kempten gelang nun Becker Architekten, Kempten, mit dem Iller-Wasserkraftwerk ein ästhetischer Betonbau, der die Identität des Ortes nachhaltig stärkt. In seinem Vortrag „Infrastruktur dramatisch: Das Iller-Wasserkraftwerk“ bewies Michael Becker eindrucksvoll: Mut zu Unerwartetem wird belohnt.
Unter dem Titel „Berlin: Sofortstadt, Raumstadt, Hauptstadt“ stellte Manfred Kühne,
Abteilungsleiter Städtebau und Projekte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, das momentane Megaprojekt „Tempelhof“ vor – eine besondere politische und ökonomische Herausforderung. „Bei diesem Projekt werden exemplarisch Identitätsfragen und Konflikte der wiedervereinigten und noch immer in starken Umbrüchen befindlichen Stadtgesellschaft Berlins ausgetragen.“ Denn: Die Entwicklung des ehemaligen Flughafenstandorts soll nicht nur Impulse für die Metropolentwicklung insgesamt geben, sondern auch die Bedürfnisse der sehr unterschiedlichen Nachbarquartiere in Tempelhof, Neukölln und Kreuzberg berücksichtigen.

Ohne öffentlichen Diskurs geht es nicht“: Eine Experten-Runde diskutierte zum Thema: Energiewende, Nachhaltigkeit und Baukultur: Neue Leitbilder und Strategien der Stadtentwicklung? Foto: HeidelbergCement/Fuchs
Ein Campus mit höchstem architektonischem Anspruch, gestaltet von weltweit renommierten Architekturbüros wie Frank O. Gehry, David Chipperfield, Tadao Ando und Álvaro Siza. Darüber berichtete Marco Serra, Projektleiter Architektur Novartis-Campus. Dass auf dem Werksgelände von Novartis in Basel/Schweiz bis 2030 in den zahlreichen Bürogebäuden, Forschungs- und Produktionseinrichtungen ein Zentrum des Wissens, der Innovation und Begegnung entsteht, gerät angesichts der geballten Architekturprominenz fast in den Hintergrund.
Wie Städte der Zukunft aussehen könnten, präsentierte Prof. Tobias Walliser, Laboratory for Visionary Architecture, Stuttgart, mit der Masdar-City in Abu Dhabi. Geplant war dort einst die erste Co2-neutrale Solarstadt. Die Vision: Elektronisch gesteuerte Sonnenschirme im XXL-Format sollten die Stadt tagsüber kühlen und die Kraft der Sonne durch integrierte Fotovoltaikzellen nutzen. Nachts sollten die Schattenspender eingeklappt werden, um die Auskühlung des öffentlichen Raums zu beschleunigen. Was nach einem Märchen aus Tausend und einer Nacht klingt, ist die reale Kunst einer neuen Generation digital ausgebildeter Architekten, für die Entwerfen nahe bei Erfinden liegt. In Zukunft vielleicht nicht mehr nur auf dem Papier.
Nach dem Kongress waren sich alle Beteiligten einig: Was ein großes Projekt ist, definiert jeweils die Situation, in der es entsteht. Es hängt immer von der Perspektive ab, aus der es betrachtet wird. Und zuletzt mit der Hoffnung und dem Ziel, im Ergebnis große Qualität abzuliefern und auf diese Weise allgemein große Zufriedenheit zu erzeugen. Das nennen wir dann: Baukultur.
Quelle:
HeidelbergCement in Deutschland