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31.03.2011
Modern gestaltetes Beton-Mahnmal
Wider das Vergessen

Moderne Erinnerungskultur aus Beton: das neue Shoah-Mahnmal in Herne
(Bild: Thomas Schmidt/Stadt Herne)
Aufgrund der nahezu unbegrenzten Gestaltbarkeit setzen immer mehr Künstler und Planer anspruchsvoller Kunst-Architektur auf den Werkstoff Beton. Ein bemerkenswertes Beispiel moderner Erinnerungskultur ist das 2010 im Zentrum der nordrhein-westfälischen Stadt Herne eingeweihte Denkmal für die jüdischen Shoah-Opfer in Herne und Wanne-Eickel. Die inmitten des dortigen Willi Pohlmann-Platzes aufgestellte Gedenkstätte erinnert an die Unterdrückung, Deportation und Ermordung von über 400 Juden zwischen 1933-1945. Hauptziel des Entwurfs der beiden Künstler Gabriele Graffunder und Winfried Venne von der Agentur G&V Design aus Wuppertal ist es, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, die vielen Opfer aus der Anonymität herauszuholen. Um diesen hohen Anforderungen gerecht zu werden, entschieden sich die Künstler für Beton und Glas als zentrale Gestaltungselemente des Mahnmal-Konzepts.
Anspruch und Konzept
Unter dem Namen „Okulare“ reichten Gabriele Graffunder und Winfried Venne bereits 2008 ihren Wettbewerbs-Entwurf zur Gestaltung des Shoah-Denkmals bei der Stadt Herne ein – und erhielten den Auftrag. Im Mittelpunkt des Mahnmal-Konzepts steht eine unübersehbare, von einem eingefassten Steinfeld umgebene, gelblich eingefärbte Betonplatte. Der Beton weist eine unregelmäßige Oberfläche auf – ein Symbol für die Narben, die aus dieser Zeit zurückgeblieben sind. 410 speziell gefertigte, in die Gedenktafel eingearbeitete Okulare aus Glas ermöglichen einen unverfälschten Blick auf die Opfer. Sieht man in diese hinein, werden die Namen der Getöteten klar ersichtlich. Gabriele Graffunder: „Wir wollten jedes einzelne Opfer nach vorne holen und herausheben aus seiner Anonymität. Zum Betrachter soll dadurch eine emotionale Beziehung aufgebaut werden.“ Die Betonplatte selbst steht auf einer anthrazitfarbenen Beton-Rampe, welche den Deportationsweg symbolisiert. Rechts und links im schwarzen Beton der Rampe stehen die in den Beton eingearbeiteten Vernichtungs- und Konzentrationslager, Ghettos, KZ-Außen- und Zwangsarbeitslager, Internierungs- und Arbeits-erziehungslager, in denen Herner und Wanne-Eickeler Juden ermordet wurden. Am Antritt der Rampe steht in hebräischen und deutschen Schriftzeichen: „Gedenke 1933 – 1945“. Winfried Venne: „Damit transportieren wir die Shoah nochmals unübersehbar in das Bewusstsein des Betrachters.“
Fertigung des Beton-Mahnmals
Die Gedenktafel wurde von den Künstlern als nur 9 cm dünne Betonplatte geplant. Darin befinden sich 410 runde Aussparungen für die Okulare. „Wir wollten die Platte so schmal wie möglich haben, damit das Licht auch von hinten durch die Okulare hindurchscheinen kann“, erklärt Winfried Venne. Eine Idee, die Statiker Martin Morlock von der Ingenieurgruppe Bauen und Alfred Lamsbach von der MÜVA Müller-Altvatter Betonfertigteile GmbH vor eine besondere Heraus-forderung stellte und schließlich dazu führte, neben dem verwendeten Faserbeton eine stabilisierende Edelstahlbewehrung in die Betonplatte einzubauen.
Bemerkenswert auch die Entstehung der Aussparungen in der Gedenktafel. Dafür ließen die Künstler 410 Pappröhrchen anfertigen, welche speziell wasser-abweisend lackiert und oben wie unten mit je einem Gummiring umspannt wurden. Jedes einzelne Pappröhrchen wurde im MÜVA Werk per Hand in der Schalung platziert und – damit kein Beton einlaufen konnte – mit Bauschaum gefüllt. Im nächsten Schritt erfolgte der Einbau des Betons. Nach dem Aushärten wurde die gesamte Platte gewässert, so dass die Pappröhren sich herauslösen ließen. Im Anschluss folgte das Einbringen von 820 Gummiringen in die durch die Pappröhrchen entstandenen Aussparungen. Erst dann wurden die in einer Manufaktur in Böhmen erstellten Okulare passgenau eingebaut. „Die Gummiringe waren notwendig, damit kein Wasser in den Hohlraum zwischen Okularen und Beton eindringen kann“, erläutert Winfried Venne. Die unregelmäßige, vernarbte Oberfläche der Gedenktafel erzielten die Künstler durch Integration kleiner Zellulose-Teilchen in die Schalung. Schließlich wurde auch die anthrazitfarbene Rampe des Mahnmals in einem Stück im MÜVA Werk gegossen. Hierzu wurden spezielle Schriftmatrizen erstellt und in die Schalung eingelegt – so sind nun die Orte der Deportation als Aussparung im Beton zu lesen.
Gabriele Graffunder: „Beton als einer der beiden zentralen Werkstoffe bedeutete für uns größtmöglichen Gestaltungsspielraum für die Umsetzung eines solchen Mahnmals. Denn Beton ist erdverbunden, irdisch, massiv, glaubwürdig und haltgebend. Das sind genau die Eigenschaften, die wir hier transportieren wollten.“
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