betonprisma 101: Anfangen

Erste Schritte in die Selbstständigkeit

Ein Besuch bei zwei Münchener Start-ups

Das Büro Tochtermann Wündrich verdichtete Entwürfe für Gebäude in 150 Kubikzentimetern Bronze. Foto: Oliver Herwig
Die Ausstellung präsentiert Philipp Wündrich in den Räumen des Büros. Foto: Oliver Herwig
Das Büro Kofink Schels hat 2012 drei Projekte realisiert, darunter ein Haus in Almeria, Spanien. Foto: Simon Jüttner, Buero Kofink Schels, München
Umbau eines Stalls im schweizerischen Rueyeres. Foto: Sebastian Schels, Buero Kofink Schels, München
Simon Jüttner und Sebastian Kofink. Foto: Buero Kofink Schels, München

Der Beruf des Architekten übt nach wie vor auf viele junge Menschen eine besondere Faszination aus: die gebaute Welt mit zu gestalten. Dafür sind – neben den vielfältigen Fachkenntnissen – Kreativität, Neugierde und Begeisterungsfähigkeit erforderlich. Und: Geduld, Ausdauer, Hartnäckigkeit und Mut. Denn der Weg in die Selbstständigkeit ist nicht ganz so einfach. Wie es trotz all dieser Herausforderungen dennoch gelingen kann, zeigt unser Besuch bei zwei jungen Münchener Architekturbüros, Tochtermann Wündrich und Buero Kofink Schels.
von Oliver Herwig

Ein Hinterhof in Münchens Maxvorstadt, wie er selten geworden ist: Schmale Häuser drücken sich aneinander, der Verputz klebt grau an der Wand. Es geht eine Stiege hinauf zum Kollektivbüro, in dem ein halbes Dutzend Gestalter arbeiten, in Räumen, kaum größer als ein Kinderzimmer. Simon Jüttner führt zur Küche, in der Sebastian Kofink einen Kaffee anbietet. Der 31-Jährige arbeitet als Assistent an der TU München, studiert hat er in Liechtenstein, gearbeitet auf der halben Welt, auch in Zürich. Geblieben ist ein halbschweizerisches „od’r?“ am Ende der Sätze. Drei Dokumentationen liegen auf dem Esstisch: ihre Projekte. Im Vierten stehen wir gerade. Es ist das umgebaute Büro.

Wochenlang haben sie das Abbruchhaus aufpoliert, das noch für rund zwei Jahre stehen soll. Weil sie nur wenig investieren wollten, hieß das vor allem: Rückbau. Schicht für Schicht rissen sie Spanplatten und Böden heraus und entsorgten einen ganzen Container voller Kabel und Leitungen. 1.000 Euro mussten für den Umbau reichen. Dafür gab es dann auch eine einfache Ikea-Küche. Architekt mag ja ein Traumberuf sein. Reich wird man davon nicht. Das wissen Simon Jüttner und Sebastian Kofink vom Buero Kofink Schels. Sie arbeiten selbstständig. Aus Überzeugung. „Die Sicherheit im Büro wäre das größere Risiko“, sagt Simon Jüttner. „Nein, das wäre nichts für uns“, sagen die beiden. Sebastian Kofink hat in mehreren Büros gearbeitet, aber immer als freier Mitarbeiter.

Bauten der Leidenschaft statt „das große Geld“

Es gehe nun um den nächsten Schritt, sagt Simon Jüttner: Die Erfahrung aus den kleinen Bauten in einen anderen Maßstab zu übertragen. Die bisher realisierten Projekte sind in den drei Broschüren dargestellt. Sie haben ein Hinterhofhaus in der nahen Theresienstraße renoviert, einen Stall in Rueyeres mit einem kühnen Einbau versehen und ein Stadthaus in Almeria neu geschaffen. Großes Geld floss dabei nicht, das waren eher Bauten der Leidenschaft. Und am Bestand. Das größte Kompliment war, als ein Kollege sogar ihre neuen Einbauten als Bestand wahrnahm. Sie bearbeiteten bislang nur Projekte, die sie selbst gut fanden. In der Regel legten sie mit Hand an, strichen Wände und nähten sogar die Vorhänge. Und wenn gar nichts mehr ging, improvisierten sie sogar die Baumaterialien. In einem Haus hängt nun ein Waschbecken aus einem Uni-Container. Dafür ist alles perfekt aufbereitet.

Die drei Broschüren sind gestaltet mit Fotos von hohem ästhetischem Reiz. Da öffnet sich eine andere Welt, eine, die Architektur belebt und augenzwinkernde Geschichten ausbreitet. Simon Jüttner hat die Bilder gemacht. Mit so manchen Aufnahmen hatte er sich sein Studium finanziert. So lernten sie sich auch damals kennen. Sebastian Kofink war auf der Suche nach einem Fotografen für die Dokumentation eines Umbaus in Zürich, den er mit seinem Architekturlehrer Martin Bühler durchgeführt hatte. Daraus wurde mehr: „Wir erarbeiteten ein Dokumentationskonzept und verbrachten zwei Tage in dem Haus“, erinnert sich Simon Jüttner, „und danach war der Entschluss zusammenzuarbeiten gefasst.“ Jedes Projekt wirkt wie auf Millimeterpapier gezeichnet, dabei entstand viel spontan. Das kann schon mal bedeuten, dass sie ein halbes Jahr am Konzept tüfteln und weitere acht Wochen auf der Baustelle zubringen. „Wir denken nicht bildhaft“, sagt Simon Jüttner etwas überraschend, als plötzlich die zentrale Treppe beim Projekt Gartenhaus an der Theresienstraße auftaucht. Ein Bild von einer Treppe: archaisch und irritierend zugleich, aus einfacher Kiefer gezimmert, wie sie sonst auf Baustellen verwendet wird. Funktioniert habe dieser Einbau nur, weil alles andere frech improvisiert und unedel blieb. Also eher konzeptionell. Und auch das kleine Format der Broschüren sei dem Anfang geschuldet. Im Studium hätten sie sich mit großen Fragestellungen beschäftigt, mit Stadtplanung. Simon Jüttner schrieb seine Diplomarbeit über Mumbai.

Vom Küchentisch in Mendrisio zum Büro in Mailand

150 Kubikzentimeter Bronze können ganz schön schwer sein. „Raten Sie mal, wie schwer“, fragt Philipp Wündrich. Kühl liegt das Metall in der Hand. Rund anderthalb Kilogramm. Eine schöne Art, die bisherige Formfindung festzuhalten. All die Ideen und Vorschläge für Häuser in ganz Europa, verdichtet in Metall und in einer kleinen Studioausstellung. Wo die Ausstellung denn zu sehen gewesen sei? „Hier im Büro“, antworten Wündrich, 34, und Alexander Tochtermann, 30, unisono. Seit letztem Jahr arbeiten sie in München, wie viele Einsteiger in Räumen, die sie sich mit anderen teilen. Netzwerken von Tür zu Tür, auf Zuruf.

Die Bundesarchitektenkammer zählt rund 130.700 Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner. Dabei wird bei einem Planungsvolumen von 8,5 Milliarden Euro eine jährliche Bausumme von 240 Milliarden Euro bewegt. Nur dass die jungen Architekten nicht so viel daran teilhaben. Eigentlich wollte Alexander Tochtermann nicht mehr nach München zurückkommen, wo er das Studium aufgenommen hatte, bevor er nach London ging und in die Schweiz. Nun arbeitet er mit dem in Bremen gebürtigen Philipp Wündrich zusammen und sie erinnern sich an ihr erstes gemeinsames Projekt, ein kleines Einfamilienhaus in Wien. „Es hat uns gelehrt, dass ein Bauwerk auch gegen kulturelle und finanzielle Widerstände in seiner architektonischen Qualität bestehen kann“, sagen die Architekten.

Kennengelernt haben sie sich während des Studiums im schweizerischen Mendrisio. Schon damals planten sie für ein Graubündener Büro den Neubau einer Pension. „Diese Erfahrung führte früh zur Erkenntnis, dass wir als kritische Gegenüber sehr gut funktionieren und diese Auseinandersetzung die Inhalte unserer Arbeit wesentlich bereichert“, sagt Wündrich. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis sie die Zusammenarbeit professionalisierten. Philipp Wündrich lehrte und arbeitete in Mailand und fuhr am Wochenende zurück in die Schweiz, um an den ersten gemeinsamen Projekten zu arbeiten, ein Wohnhaus in Wien und ein Bürogebäude in Augsburg. Aufträge über Bekannte. „Unter der Woche in Mailand, am Wochenende in Mendrisio, das haben viele nicht ganz begriffen, die meinten, es müsste umgekehrt laufen“, sagt Philipp Wündrich lakonisch. Dann muss er doch grinsen. Es hat sich gelohnt. „Beide Projekte und Bauherren interessierten uns sehr“, schaltet sich Alexander Tochtermann ein. „Sie haben uns dazu verleitet, früher als geplant und entgegen widriger Umstände 2012 erst am Küchentisch und dann in eigenen Räumen unser Büro in Mailand zu gründen.“

Auch nach dem Umzug nach München 2014 hat sich an ihrer Arbeitsweise nichts geändert. Sie diskutieren und fechten Entscheidungen gemeinsam aus. Auch bei ihnen stehen nicht Formen und Volumen im Mittelpunkt, sondern Ideen. Philipp Wündrich und Alexander Tochtermann geht es um Baukultur. Um einen kulturellen Mehrwert, der sich nicht nach der Ausstattung eines Hauses bemisst. „Wir glauben, dass gute Architektur sich dadurch auszeichnet, den Geist der Zeit abzubilden und dadurch ihre Bedeutung und Gültigkeit über die Zeit hinaus behalten kann.“ Das klingt wie in Stein gemeißelt, und wer die Bronzen sieht und ihre Entwürfe für den Bibliotheksturm in Venedig, den Bikeshop am Ammersee oder das Ferienhaus auf Ischia, der erkennt, dass es ihnen Ernst ist. Und so kann man ihnen auch diesen Satz abnehmen: „Die physischen, aber vor allem kulturellen Qualitäten sind der Schwerpunkt unserer Arbeit.“

Weltläufig und bescheiden, betont unkommerziell und doch mit einem untrüglichen Sinn für die Utopie, so stellt sich eine neue Architektengeneration auf das Bauen von morgen ein – wohl wissend, dass es nicht mehr nur die großen Bauprojekte sind, die anstehen, sondern auch der Umbau im Bestand. Den kleinen Maßstab haben sie längst im Griff. Jetzt fehlt nur noch der nächste Schritt. Simon Jüttner meinte zu Beginn des Gesprächs: „Der Anfang geht hoffentlich nie zu Ende.“ Aber irgendwann wohl doch.


Dr. Oliver Herwig ist Journalist, Autor und Moderator. Er lebt und arbeitet in München.


www.kofinkschels.de
www.tochtermann-wuendrich.net

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