betonprisma 95: Demokratie

Das Bensberger Rathaus von Gottfried Böhm

Politisches und städtebauliches Zeichen

Das Gebäude nimmt die Form der alten Burg auf und interpretiert diese neu. Foto: Peter Mattes / Stadtarchiv Bergisch-Gladbach
Zentrales Element des Gebäudes ist ein plastisch gestalteter, den gesamten Gebäudekomplex überragender Treppenturm. Foto: Norbert Fiebig
Gestockter Beton auch innen – mit viel Liebe zum Detail. Foto: Norbert Fiebig
Blick in das Treppenhaus und in eines der zahlreichen Sitzungszimmer. Foto: Norbert Fiebig
Foto: Norbert Fiebig
Der burgähnliche Charakter wird durch gestockten Sichtbeton sowie die tiefen Fensterlaibungen unterstrichen. Foto: Norbert Fiebig

Es ist eines der markantesten Rathäuser in Deutschland: knapp ein halbes Jahrhundert alt, Beton pur, der mächtige Turm in plastischen Formen gegossen. Das Bensberger Rathaus steht auf dem Gelände der zerstörten mittelalterlichen Ringburg. Fast eine Trutzburg – und gleichzeitig Zeichen von Stolz. Bürgerstolz. Ein Besuch.

Mit den Meilensteinen der Architekturgeschichte ist es so eine Sache. Zur Bauzeit werden sie selten geliebt und verehrt, manche erst später, manche
nie. Unzweifelhaft hat Gottfried Böhm Meilensteine der Architekturgeschichte geschaffen. Gestritten über seine Werke wurde stets.
Den Bau des Bensberger Rathauses habe ich in meiner frühen Schulzeit erlebt. Nach vielen Jahren stehe ich wieder davor. Und erinnere mich, dass meine Großtante diesen Neubau stets als „Affenfelsen“ bezeichnete. Da mir bei diesem Wort lediglich die Felsen von Gibraltar in den Sinn kamen, wo die Affen auf Klippen herumliefen und von Touristen gefüttert wurden, konnte ich mir auf diesen Wortgebrauch keinen Reim machen.

Mutig, ausgefallen und extravagant

Heute weiß ich: Hätte meine katholische Tante damals gewusst, dass Böhm zur selben Zeit im nicht weit entfernten Neviges im Auftrag des von ihr verehrten Kölner Kardinals Frings eine neue Wallfahrtskirche baute – ebenfalls ein großer, plastischer Felsen aus Beton – sie hätte anders über das neue Rathaus gesprochen. Sie war damals in der örtlichen Tageszeitung auf diese seltsame Namensgebung für das Bensberger Rathaus gestoßen. Schon lange vor der Fertigstellung des Gebäudes nämlich wurde über das Bauwerk durchaus kritisch diskutiert. Im Rahmen dieser Debatte wurde unter anderem vorgeschlagen, das Gebäude in das Affengehege des Kölner Zoos zu stellen, denn zu Bensberg würde es einfach nicht passen. Diese Auffassung wurde von manchen Bensberger Bürgern geteilt, denen der Entwurf Böhms zu mutig, ausgefallen und extravagant war.
Tatsächlich war Bensberg bis zum Bau des neuen Rathauses kein sonderlich bemerkenswerter Ort: eine weithin sichtbare, unspektakuläre Kirche auf der die Stadt kennzeichnenden Anhöhe, wenig entfernt davon ein altes, immer wieder behelfsmäßig vor dem Verfall bewahrtes barockes Schloss, im Stadtzentrum die Ruine der alten Burg Bensberg, umgeben von Fachwerkhäusern. Das Schönste an Bensberg war damals der Blick auf Köln und den Kölner Dom – bei gutem Wetter.
Mit einer Mischung aus Mut und Trotz widmete sich damals der Rat der Stadt Bensberg der Idee eines neuen Rathauses – und wollte sich damit gleichzeitig gegen eine drohende Eingemeindung zur Wehr setzen. Bensberg, wirtschaftlich ursprünglich vom Erzabbau geprägt, erhielt erst 1947 Stadtrechte und entwickelte sich just in den 1960er Jahren, als sich die Einwohnerzahl auf knapp 30.000 erhöhte, langsam zu einer wirklichen Stadt.
Das hatte den großen Nachbarn Köln auf den Plan gerufen, der versuchte, der Abwanderung der eigenen Bürger in das ländlich geprägte Bensberg durch Eingemeindungspläne entgegenzuwirken.

Ein neues Rathaus als politisches und städtebauliches Zeichen für das Selbstbewusstsein der Stadt Bensberg: 1962 schrieb der Rat der Stadt den Ideenwettbewerb aus. Die Ausschreibung wies explizit darauf hin, dass mit dem Neubau die bislang nur ordnungspolitisch zusammengefügte Stadt nun auch geistig und politisch zentriert werden solle. Das Preisgericht entschied sich für den Entwurf Gottfried Böhms. Die Beauftragung für den Bau erfolgte 1963, die Fertigstellung des ersten Bauabschnittes 1965 bis 1967, die des zweiten mit der Hinzufügung des neuen Ratssaals 1969 bis 1971. Anlässlich des Bezugs des Hauses im Sommer 1969 erklärte der Bensberger Bürgermeister Dr. Ulrich Müller-Frank stolz, dass es Böhm gelungen sei, ein Werk zu schaffen, das „im Gegensatz zu den nüchternen und langlangweiligen Rasterbauten üblicher Verwaltungsgebäude“ stehe. Mit dem neuen Rathaus sei es gelungen, dem kommunalpolitischen Willen einer modernen Stadt beredten Ausdruck zu verleihen.
Der Stolz der Bensberger aber währte nicht lange: 1975, nur vier Jahre nach Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts, erfolgte die Eingemeindung Bensbergs durch die Nachbarstadt Bergisch-Gladbach. Die Stadtverwaltung wurde zu großen Teilen in das Bergisch-Gladbacher Rathaus integriert. Heute sind im Bensberger Rathaus die technischen Dezernate der Stadt Bergisch- Gladbach untergebracht.

Gestockte Betonoberflächen

Das technische Rathaus einer Stadt ist gewöhnlich kein stark frequentierter Ort – und so finde ich den Innenhof des Gebäudes entsprechend leer, ja fast vereinsamt vor. Karl Stabenow, Denkmalpfleger der Stadt Bergisch- Gladbach, führt mich durch das Gebäude und erläutert die in den letzten Jahren vorgenommenen Sanierungsarbeiten. Das Rathaus ist heute beeindruckend gut erhalten. Beim Anblick der massiven Wände hat man den Eindruck, das Gebäude sei für die Ewigkeit gebaut: die Außenwände bestehen aus einer 13 Zentimeter dicken inneren Porenbetonschicht, einer fünf Zentimeter dicken Luftschicht und einer äußeren, 27 Zentimeter dicken Stahlbetonscheibe mit gestockter Oberfläche. Mit Stolz verweist Karl Stabenow auf die damals sehr aufwändige Handarbeit des Stockens, die sich heute wohl kaum eine Stadt mehr leisten könne.
Ende der 90er Jahre wurde das Rathaus umfassender saniert mit dem Ziel, insbesondere die Dämmung der Außenwände zu optimieren. Dabei wurde die fünf Zentimeter dicke Luftschicht des ursprünglichen Wandaufbaus mit einer Perliteschüttung verfüllt und die Stürze, Decken und Wandscheiben mit drei Zentimeter dicken Holzwolle-Leichtbauplatten innenseits gedämmt. Gleichzeitig wurden die lediglich in kleinen Teilbereichen durch Rostsprengungen beschädigten gestockten Betonoberflächen wiederhergebstellt. Auf eine Hydrophobierung der gesamten Außenflächen wurde im Rahmen dieser Arbeiten verzichtet. Die Fensteranlagen des Gebäudes wurden im Sinne einer höheren Energieeffizienz ausgetauscht, wobei die neuen Profile optimal an die Maße der alten angepasst werden konnten. Zusätzlich wurde anstelle des veralteten Heizkessels eine Doppelkesselanlage in Brennwerttechnik installiert. Zentrales Element des Baus ist der plastisch gestaltete, den gesamten Gebäudekomplex überragende Treppenturm, der sich nach oben hin verjüngt.
Als wir den Turm besteigen, verweist Karl Stabenow darauf, dass dieser nur bis zum fünften Geschoss begehbar ist. Der darüber liegende Teil ist reine Skulptur, die weithin sichtbares und markantes Zeichen für die Stadt ist und gleichzeitig deren Mittelpunkt kennzeichnet. Dieser skulpturale Teil des Turmes ist nur über eine von außen anzulegende Leiter zugänglich – und wurde bislang nur ein einziges Mal von einem Mitarbeiter betreten, um im Rahmen der Sanierungsarbeiten nach dem Rechten zu sehen.
Während unseres Rundgangs begegnet uns eine ältere Dame und fragt nach dem Einwohnermeldeamt. Nein, das ist hier schon lange nicht mehr untergebracht, lautet die freundliche Antwort. Wie es scheint, verstehen manche Bürger das Gebäude auch heute noch als das Verwaltungsrathaus, das es einstmals war und das sie in allen Amtsangelegenheiten aufsuchen konnten. Für den Großteil der Bensberger Bürger ist das Rathaus aber wohl niemals zu dem Stadtmittelpunkt geworden, als der es ursprünglich geplant war. Dafür war der Zeitraum der Nutzung des Hauses für die zentralen Bürgerservices vermutlich zu kurz – und dafür steht das Rathaus auch heute noch zu abgeschieden und wenig erschlossen hinter der zentralen Einkaufsstraße, die bereits während des Rathausbaus neu geplant wurde – und heute schon wieder neu geplant wird. Der Ratssaal wird zwar noch regelmäßig für Sitzungen genutzt und Architekturstudenten aus aller Welt kommen nach Bensberg, um diesen Klassiker der jüngeren Architekturgeschichte in Augenschein zu nehmen. Aber selbst das kleine Restaurant, das ursprünglich in einem äußeren Teil des Gebäudes untergebracht war und zur Belebung des Innenhofes beitragen sollte, hat inzwischen geschlossen.
Der Architekturhistoriker und -kritiker Wolfgang Pehnt schrieb über das Bensberger Rathaus, dass Bürgerstolz in diesem Jahrhundert kaum je imponierender in Szene gesetzt worden sei als hier. Und bei der Verleihung des Pritzker-Preises an Gottfried Böhm 1986 wurde das Rathaus – wie die Wallfahrtskirche in Neviges – als Gebäude von internationalem Rang bezeichnet. All dem ist sicherlich zuzustimmen. Aber dennoch wird dieses spannende städtische Wahrzeichen heute leider kaum noch wahrgenommen – und Bensberg ist fast schon wieder ein wenig langweilig.

Norbert Fiebig
ist geschäftsführender Partner von „Baukultur + Kommunikation“ und lebt in Düsseldorf.

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