betonprisma 97: Qualität

California Dreamin‘

Das Salk Institute for Biological Studies von Louis I. Kahn in La Jolla.

Enrico Santifaller. Foto: Lisa Farkas
Das Salk Institute for Biological Studies von Louis I. Kahn in La Jolla. Foto: Enrico Santifaller

„Nach heutigen Maßstäben liegt die Sichtbetonklasse des Salk Institutes höchstens bei 2 bis 3. Louis I. Kahn zeigt, obwohl er mit Farbausschlägen, Staub, unterschiedlichen Erhärtungsstärken etc. seine liebe Mühe hatte, dass das völlig egal ist. Ihm gelingt es, die erdenschwere Präsenz des Betons mit Sehnsucht, Physik mit Metaphysik zu kombinieren. Diese Synthese ist es, diese Wurzeln mit Flügeln sind es, die mich berühren. Und mich träumen lassen, diesen magischen Ort noch einmal zu besuchen.“
Enrico Santifaller

Dass Surfen zu Kalifornien gehört, wissen wir seit den Beach-Boys und „Surfin USA“. Und doch überrascht es, in einem Patio im Untergeschoss des Salk Institute for Biological Studies ein Surfboard angelehnt zu sehen. Vergilbte Topfpflanzen daneben, weiße Plastikstühle, Papierkörbe. Während der Architekturtourist ob solch ungebührlichem Profanieren eines Denkmals leise den Kopf schüttelt, macht Southern California das, was es Albert Hammond zufolge am besten kann: Die Hitze drückt, und das Sonnenlicht würde jeden letzten Winkel in eine gleißend-blendende Fläche verwandeln - hätte Louis Kahn nicht ein ausgeklügeltes System von schattenspendenden Wänden, Auskragungen und vorgestellten Türmen entworfen. Kein Gedanke, dass es hier jemals regnen könnte. Der berühmte Courtyard mit der ebenso berühmten Wasserrinne, die jeweils bei Sonnenwende direkt in die untergehende rote Scheibe zu fließen scheint, liegt still und schwitzend da. Viel zu heiß, als dass man sich, wie einst gedacht, über eben diese Fläche flanierend wissenschaftlich austauschen könnte. Die ganze Szenerie hat etwas von einem mittelitalienischen Dorfplatz in der Augusthitze. Und, richtig: Jonas Salk und Louis Kahn waren unabhängig voneinander in den 1950er Jahren in Italien; in Assisi, hatten beide das imposante Ensemble der Basilika San Francesco mitsamt Kloster am Fuße des Monte Subasio besichtigt.
Ein Woche vorher anmelden muss man sich für eine Führung im Salk. Und – wir sind im Herz des Kapitalismus, das Institute genießt keine staatliche Förderung – eine Spende leisten. Auf unserem Weg von Chicago in den amerikanischen Westen überwiesen wir eben diese Spende in Holbrooke, Arizona, in einem Motel vis-á-vis vom „Wigwam Village“: 15 kreisrunde, aus Beton geknetete Hotelappartements in Tipi-Form sind mit Kaffeemaschine, Bad und jeweils einem Parkplatz ausgestattet. Für Europäer ist jede Reise durch Amerika eine zweifache: zum einen eine ganze reale, deren Takt der Highway-Verkehr, die flankierenden Landstriche, die Tageszeiten bestimmen. Zu anderen klingen einem stets die Ohren, verschwimmen Bilder ständig vor den Augen, denn zu fast jedem Ort und jeder Gegend fallen einem Texte, Melodien und Bilder ein, die man irgendwann, irgendwo gehört, gesehen, gelesen hat.
Und so ist es auch beim Salk. Man kennt es von den Aufnahmen Ezra Stollers. Julius Shulmann hat das Salk ebenfalls fotografiert, indes diese Bilder sind weitgehend unbekannt. Shulmann, der Fotograf Neutras und Schindlers, schuf virtuose Ikonen kalifornischer Leichtigkeit, Stoller dagegen, der Dramatiker von der Ostküste, fing das sich jeden Tag aufs Neue bietende Spiel von Licht und Schatten, von Leere und Volumen, von Leichtigkeit und Schwere kongenial ein. Und doch, nach 4.000 Kilometern Fahrt dann dort zu stehen, fast am Endpunkt, der vorerst letzte Kick der Route 66, den schon tausend Mal gesehenen Blick über Courtyard und Klippen zum Meer hin selbst zu blicken, die im Architektur- und Kunstgeschichtsstudium gelernten Raumfolgen und Grundrisse vor Ort selbst zu studieren, ist dann doch ein Ereignis: Manchmal schlägt doch die Realität jedes auch noch so kunstvolle Medium.

Als stände das Salk schon seit Jahrhunderten da

Gefühlt muss das Salk, so selbstverständlich wie es da steht, so spröde und rau wie aus dem ausgetrocknet-kargen Boden gewachsen, schon seit Jahrhunderten in La Jolla stehen. Ein Kraftzentrum wie das der mittelalterlichen Klöster, um die ganze Städte – in dem Fall sind es die Gebäude der University of California – entstanden sind. Ein Stonehenge der Moderne, das so sehr zeitverhaftet wie überzeitlich ist. Gerade der Sichtbeton, der, obwohl präzise getrennt, vom immerwährenden Sommer mit verwittertem Holz und porösem Travertin zu einer Einheit gebacken ist, macht den Bau so erdverhaftet. „Beton, der zur Wahrheit kommt“, wurde Kahn zitiert. Auch wenn er diese Wahrheit mit mehr als 400 Zeichnungen allein zur Schalung, zu Wandmustern und Details, mit steter Anwesenheit zweier Mitarbeiter, unter permanentem Streit mit Fachingenieuren und der ausführenden Baufirma teuer erkauft hatte. Und gleichzeitig, obwohl so präsent, trägt das Bauwerk seine metaphysische Auflösung in sich: Diese dünne Wasserrinne, die auf den Ozean weist, auf einen neuen Westen, legt eine leise, aber mächtige Spur der Sehnsucht über das Salk. Spät nachmittags fahren wir weiter nach L. A., trinken zwischendurch Eistee in einer Strandbar, bewundern Surfer auf den Wellen des Pazifiks.

Enrico Santifaller ist Architekturjournalist und Autor und lebt in Frankfurt am Main.

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