betonprisma 99: Wahrnehmung

Atmosphären sind nicht subjektiv

Architektur mit dem eigenen Leib erfahren

Gernot Böhme, geboren 1937, ist Professor em. für Philosophie an der TU Darmstadt und Direktor des Instituts für Praxis der Philosophie e.V., IPPh. Er ist vor allem mit seinen Arbeiten zur Ästhetik, Natur-, Leib- und Technikphilosophie sowie mit seiner Auffassung von praktischer Philosophie als Kompetenz zur Lebensbewältigung hervorgetreten. Seine Bücher „Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik“ und „Architektur und Atmosphäre“ erfuhren auch in der architekturtheoretischen Rezeption breite Resonanz. Foto: Norbert Fiebig
Prof. Gernot Böhme ist mit seinen Studenten ins Theater zu den Bühnenbildnern gegangen, um zu erfahren, wie Atmosphären geschaffen werden. Neben der Geometrie des Raumes und dem Ton spielt das Licht eine wesentliche Rolle, wie hier bei dem mit Sichtbeton gestalteten Innenraum der Kirche Maria Magdalena in Freiburg im Breisgau von Kister Scheithauer Gross, Köln. Fotos: Michael Berger
Hochschule für Fernsehen und Film sowie Staatliches Museum Ägyptischer Kunst in München von Peter Böhm Architekten, Köln. Foto: Prof. Dieter Leistner

Der Philosoph Gernot Böhme tritt für eine Neuorientierung der Aufmerksamkeit ein: weg von der Beurteilung der wahrgenommenen Dinge, hin zu dem, was die Menschen empfinden – den Atmosphären. Diese können als primäre und fundamentale Ereignisse, als „objektive Gefühle“ wahrgenommen werden. Wir sprachen mit Gernot Böhme darüber, was das für die Architektur bedeutet.


Herr Professor Böhme, was bewegt einen Philosophen, über Architektur und Raum – und schließlich über Wahrnehmung und Atmosphäre nachzudenken?
Meine Beschäftigung mit dem Thema der Atmosphäre hatte zunächst nichts mit Architektur zu tun. Bereits in der Mitte der 1980er Jahre arbeitete ich mit Kollegen an einer Kritik der Ökologie. Wir beschäftigten uns mit Industriebrachen und Braunkohleabbaugebieten und fragten uns: Wie fühlt sich der Mensch in solchen Devastationen, wie wirken sich diese Umgebungsqualitäten auf das menschliche Befinden aus? Hier brachte ich den Begriff der Atmosphäre ein und entwickelte daraus meine Theorie der Atmosphären. Da wir hier an der TU Darmstadt keine Professur für Ästhetik haben, wurden meine Veranstaltungen zu diesem Thema mehr und mehr auch von Architekturstudenten besucht. Nach meinen ersten Vorträgen dazu, u.a. über Atmosphäre und städtische Räume, interessierten sich – es war fast ein Boom – Architekten aus der ganzen Welt für dieses Thema.

Worauf führen Sie das große Interesse am Thema zurück?

Mit der Postmoderne, und damit der Abkehr vom reinen Funktionalismus, stellte sich eine Rehabilitierung des Dekors, aber auch eine neue Berücksichtigung des Nutzers ein: Architektur war wieder mehr als nur ein von außen gesehenes Monument, und damit wieder Raum, in dem sich der Mensch aufhält und am eigenen Leib erfährt. Hier traf sich mein Interesse für das Atmosphärische mit einer Tendenz in der Architektur.

Wie lässt sich Ihre Theorie der Atmosphären in kurzen Worten zusammen-fassen?

Ich bin gegenüber den allgemeinen Wahrnehmungstheorien, die, angefangen bei Aristoteles, von den Sinnen her konzipiert sind, kritisch eingestellt. Wenn man etwas wahrnimmt – das ist mein phänomenologischer Zugang – dann nimmt man zunächst einmal die Atmosphäre wahr. Betritt man einen Raum, so erfährt man – noch bevor man Licht, Gegenstände oder Töne wahrnimmt – zunächst einmal das Atmosphärische: man fühlt sich in einem Raum. Erst daran anschließend erkennt man, was in diesem Raum im Einzelnen geschieht. Erst in diesem zweiten Schritt also analysieren wir mit unseren Sinnen den Raum. Die Basis der allgemeinen Wahrnehmungstheorie ist also das Atmosphärische.
Dabei ist es für meine Wahrnehmungslehre wesentlich, dass ich davon ausgehe, dass, bedingt durch unsere Lebenspraxis, bestimmte Wahrnehmungsweisen für uns dominieren. Wir nehmen nämlich primär Objekte und Zeichen bzw. Signale wahr.

Das Empfinden einer Atmosphäre ist etwas Subjektives ...

Das gilt nur insofern, als Sie als Wahrnehmender subjektiv davon betroffen sind. Aber was Sie wahrnehmen, ist nicht subjektiv. Denn Atmosphären sind quasi objektiv oder, anders formuliert, intersubjektiv. Man kann die Wahrnehmung des Atmosphärischen mit anderen Menschen teilen – wenn auch nicht so exakt, wie man sich beispielsweise über Dinge verständigt. Es hat zwar immer etwas Vages, aber es ist dem Inhalt nach nicht subjektiv.
Für mich ist das Paradigma der Theorie der Atmosphären die Kunst des Bühnenbildes: Der Bühnenbildner erzeugt auf der Bühne eine definierte Stimmung, die er als ‚Klima’ bezeichnet. Wenn jeder dieses Bild anders wahrnehmen würde, dann wäre die Arbeit des Bühnenbildners verfehlt. Für mich ist das auch Beweis dafür, dass Atmosphären nicht so subjektiv sind, wie man gemeinhin annimmt. Das Phänomen des Atmosphärischen beinhaltet ja auch etwas Ansteckendes: Denken Sie beispielsweise an eine Trauergemeinschaft. Nehmen Sie an dieser Gesellschaft teil, so sind Sie ergriffen. Das hängt in der Luft.

Was heißt das für die Arbeit des Architekten, der Atmosphären schaffen will?
Die Aufmerksamkeit ist in unserer Gesellschaft auf Dinge und Signale gerichtet. Nur wenn wir uns davon lösen, können wir lernen, uns für das Atmosphärische zu öffnen. Ich bin mit meinen Studenten ins Theater zu den Bühnenbildnern gegangen, um zu erfahren, wie welche Atmosphären geschaffen werden. Das Licht und der Ton sind hier wichtig, aber auch die Geometrie des Raumes, die Gegenstände im Raum. Die Architektur kann von der uralten Kunst des Bühnenbildes viel lernen. Schon Sophokles benutzte den Begriff der Skenographie, also der Szenenmalerei. In der Antike war das Bildhafte das Wichtigste, heute sind es das Licht und der Ton. Die Bühnenbildnerei ist ein Handwerk. Über all das hat beispielsweise das Bauhaus, das sich primär mit der Funktion als leitender Idee beschäftigt hat, nicht nachgedacht. Das hat sich geändert – und daher wollen die Architekten das heute wieder erfahren.

Kann man die Schaffung von Atmosphären erlernen?
Man kann sich dem Atmosphärischen von verschiedenen Seiten nähern. Wir Philosophen haben den Vorteil, dass wir uns hier phänomenologisch nähern können. Bei Husserl ist das die Maxime „zu den Sachen selbst“. Es geht nicht um Begriffe, Theorien oder Ursachen, sondern einzig um das, was sich zeigt – und darum, das als solches zu beschreiben: was man spürt, was man empfindet. Bei Goethe findet das seinen weiteren Ausdruck, wenn er zu der Farbenlehre schreibt, dass man „nichts hinter den Phänomenen“ suchen solle – denn sie seien selbst die Lehre. Die Farbe definiert er als „die gesetzmäßige Natur in Bezug auf den Sinn des Auges“ – er bringt also gleich den leiblichen Bezug auf das Auge hinein. Es geht nicht darum, Fakten mitzuteilen, sondern Erfahrungen zu vermitteln.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus einem Seminar mit Architekturstudenten: Wir haben uns ein halbes Semester lang mit Äpfeln beschäftigt. Jeder sollte seinen Apfel hinlegen und beschreiben, wie er da liegt. Fast alle – bis auf eine Studentin – haben die Form, die Farbe, den Stiel, die Sorte des Apfels beschrieben – aber nicht, wie er da liegt! Seine Beziehung zum Tisch, zu seiner Umgebung, die Schatten, die er wirft. Ein Apfel ist niemals nackter Gegenstand, sondern befindet sich immer in seiner Umgebung, ist eine ephemere Erscheinung – und darauf kommt es ja in der Architektur an.

Das ist die große Herausforderung des Entwurfsprozesses ...
Ja, es ist eine Frage der Lebenserfahrung, zu wissen, wie ein Gebäude später wirken wird. Unsere Wahrnehmung wird heute vom Sehen dominiert. All die Bilder, mit denen der Architekt seinen Entwurf präsentiert, stehen letztlich in einem Missverhältnis zu dem, was unsere Sinne als Ganzes bieten. Hier bin ich mit meiner Überzeugung ganz nah bei Juhani Pallasmaa, der ja dagegen ankämpft, Architektur nur vom Visuellen her zu betrachten, und bei Peter Zumthor, mit dem ich mich darüber ausgetauscht habe: Er entwirft nicht zuerst das Gebäude und schaut anschließend, wie er es einrichtet. Ausgangspunkte seines Entwurfsprozesses sind die Umgebung und der mögliche Nutzer. Das Detail spielt bei ihm von Anfang an eine große Rolle. Traditionell ist das in der Architektur ja anders – man beginnt mit der Skizze, dem Ganzen – und dann erst folgen die Einzelheiten. Peter Zumthor nähert sich von beiden Seiten an. Und natürlich spielt bei ihm auch das Handwerkliche eine große Rolle.

Wenn es um die alltägliche Bauaufgabe geht, kann man dann auf Ihre Forderungen bezüglich der Wahrnehmung überhaupt eingehen?
Die größere Entwurfsfreiheit finden wir heute sicherlich bei Museums- und Theaterbauten oder Stadien. Das liegt auch an den dafür zur Verfügung stehenden Mitteln. Aber natürlich hat man auch bei den alltäglicheren Bauaufgaben die Chance, solche Ideen zu verwirklichen, denken wir beispielsweise an Hugo Kükelhaus, der sich der sinnlichen Wahrnehmung von Kindern gewidmet hat, oder auch an Rudolf Steiner. Leider muss man aber auch sehen, dass viele Bauaufgaben nicht von Architekten geleitet werden. Die Architekten stehen jedoch auch heute noch für die ästhetische Gestalt.

Welche Gebäude haben Sie persönlich als besonders atmosphärisch erlebt?
Natürlich den Kölner Dom mit seiner Erhabenheit und dem besonderen Licht, das Pantheon, aber zum Beispiel auch das Nordwestzentrum, das Einkaufszentrum der Frankfurter Nordweststadt. Hier wurde in einer Vorstadt ein Ort geschaffen, an dem man Freunde treffen kann – ganz im Gegensatz zum Beispiel zu dem Einkaufszentrum „Das Schloss“ in Berlin-Steglitz, das geprägt ist von Simulationen und Attrappen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Gernot Böhme, geboren 1937, ist Professor em. für Philosophie an der TU Darmstadt und Direktor des Instituts für Praxis der Philosophie e.V., IPPh. Er ist vor allem mit seinen Arbeiten zur Ästhetik, Natur-, Leib- und Technikphilosophie sowie mit seiner Auffassung von praktischer Philosophie als Kompetenz zur Lebensbewältigung hervorgetreten. Seine Bücher „Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik“ und „Architektur und Atmosphäre“ erfuhren auch in der architekturtheoretischen Rezeption breite Resonanz.

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