betonprisma 88: Energie

Zeitlos schön oder ehrwürdiges Denkmal?

Das Münchner BMW-Hochhaus nach der Verjüngungskur

Foto: Laura Padgett
Detail der Diagonalstützen aus Beton im Technikgeschoss. Foto: Laura Padgett
Foto: Laura Padgett

Gemeinsam mit dem Olympiagelände zu Beginn der siebziger Jahre errichtet, war das Gebäude  seinerzeit Symbol für die Zukunftsorientierung der bayerischen Metropole. Aber selbst eine solche Ikone der Architekturgeschichte bleibt nicht verschont vor den energetischen Anforderungen unserer Zeit. Und so wurde das Bauwerk kürzlich auch mit Blick auf seinen künftigen Energiebedarf aufwändig  revitalisiert.

Nach wie vor ist es das Wahrzeichen am Mittleren Ring neben Fernsehturm und Olympiapark und trotz der benachbarten BMW-Welt, die seit zwei Jahren die Blicke auf sich zieht. Und nach wie vor bildet der eigenartige schüsselförmige Bau des BMW-Museums mit dem Turm ein spannungsreiches Ensemble.
„BMW-Vierzylinder“ – dieser Name war wohl unvermeidlich und hat mich damals schon geärgert, als die neue Hauptverwaltung überregionale Popularität erlangte. Als Automobilfan war es mir unerklärlich, wie man beim Anblick von vier im Karree gepackten Türmen an einen Automotor denken kann, schließlich stehen die Zylinder beim Motor in einer Reihe. Mir schien das BMW-Hochhaus eher einem Getreidesilo zu ähneln, doch mit dieser Assoziation hätte sich in München niemand anfreunden können.

Merkwürdigerweise hatte der Bau damals in Architektenkreisen nicht so recht Widerhall gefunden, man baute damals eher Miesianische Kisten wie die Walter Henns für Osram. Karl Schwanzer dachte beim Entwerfen wohl nicht an vier Zylinder, doch dass er die Logik der Rationalität langweilig fand, die mutige „Entscheidung zur Form“ (so der Titel seiner Monografie über das Hochhaus) forderte und einer sinnlichen, Assoziation und Identifikation fördernden Architektur das Wort redete, ist belegt. Dieser Mut zur Form und das Interesse an der für ein Ortbetongebäude ungewöhnlichen Bautechnik des Hängehauses machen jedenfalls den ikonografischen Mehrwert und das Image des Gebäudes aus. Und wie denken wir heute, nach dem Überstehen des Fegefeuers der postmodernen Eitelkeiten, über das 1970-72 errichtete BMW-Hochhaus?

Nachhaltigkeit auch bei der Form

Der erste Blick beim Auftauchen aus der U-Bahnstation: Wie aus dem Ei gepellt steht der Bau vor  Augen. Kürzlich einer Generalüberholung unterzogen, trübt kein Kratzer das Erscheinungsbild. Doch wie steht es um die architektonische Aussage, die Form, hat die Patina angesetzt? Wenn Nachhaltigkeit das Gebot der Stunde ist, bei Neubauten wie bei Sanierungen, so muss man in diesem Fall auch von einer  Nachhaltigkeit der Form sprechen. Es gibt kaum Verwaltungsgebäude oder gar Hochhäuser aus jener Zeit, die noch heute so aktuell sind, so ansehnlich, ja attraktiv, dass sich die Mühe lohnt, sie ohne  normale Änderungen zu sanieren. Die Mehrzahl der ab Mitte der siebziger Jahre entstandenen  modernen oder postmodernen Hochhäuser wirken heute peinlich altbacken. Im Regelfall bekommen diese Gebäude heute eine neue Fassade verpasst, vielleicht einen gläsernen Aufzug an die Seite gestellt, dazu ein chices Entree und natürlich ein Upgrade der Innenarchitektur.

In Peter Schweger fand man jedoch einen Architekten, der dem Werk Karl Schwanzers große Achtung entgegenbringt und die Größe und Gelassenheit hat, das Werk seines Vorgängers außen aufs Penibelste zu rekonstruieren und im Inneren kongenial, aber zurückhaltend zu ergänzen – und der sich andererseits das ökologisch verantwortungsvolle Bauen auf seine Fahnen geschrieben hat. Dazu gehörte bei ihm auch immer die Überzeugung, dass Revitalisierung noch brauchbarer Bausubstanz dem Neubau und dem damit einhergehenden bedenkenlosen Ressourcenverbrauch vorzuziehen sei.

Was sich denn für schwer wiegende Aufgaben bei der Renovierung des Gebäudes ergeben hätten, frage ich den Architekten  Peter Schweger und seinen Projektleiter Rolf Meyer. Ein wissendes Lächeln huscht über die Gesichter und gerne klären sie mich auf: Fassadensanierung, Erneuerung der Haustechnik, energetische  ptimierung, Brandschutz, Umwidmung des Raumprogramms, Neuorganisation der Büroflächen,  eränderung der Erschließung..., die Punkte kann ich mir nicht alle merken; vielleicht hätte ich besser fragen sollen, was beim Alten geblieben ist. Das Foyer des Turmbaus jedenfalls nicht. Über einen  leinen Vorraum von der Dostlerstraße aus oder durch eine Schlupftür von der Tiefgarage her erreichte man früher die Aufzüge des Turms; der Vorstand ließ sich eine Etage höher vor dem weiten und lichten Foyer Vorfahren. Heute ist aus beiden Foyeretagen ein „klassenloser“ Raum mit zwei Freitreppen  eworden, in dem der Turmschaft besser erlebbar wird. Das ehemalige Rechenzentrum rechts ist heute  in Konferenzzentrum. Der gesamte westliche Flachbau ist dem Museum zugeschlagen worden.

Delikate Konstruktion mit Tücken

Die Architekten berichten von einem umfangreichen Untersuchungsprogramm mit 250 Materialprobeentnahmen, das für die technische Gebäudesanierung notwendig wurde. Bei der  Entkernung fielen 40.000 Tonnen Abbruchmaterial an; 10 km Dichtungsfugen mussten herausgeschnitten werden. Das BMW-Hochhaus verdankt seine signifikante Form dem ungewöhnlichen Tragwerk. Während die sieben Stockwerke über dem Technikgeschoss auf diesem lasten, sind die elf unteren  bgehängt. Schwanzers Ingenieur Helmut Bomhaus sah sich wegen der Hängekonstruktion veranlasst, die Lasten zu minimieren. Die Deckenplatten wurden in Rippen aufgelöst und in Leichtbeton ausgeführt.  Für die Verkehrslasten wurden geringe Werte angesetzt. Was tun, wenn die Bauglieder statisch schon zu 95 Prozent ausgelastet waren? Wenn für den Neuausbau wenig Spielraum blieb und zusätzliche Durchbrüche kaum möglich waren? Die Architekten profitierten von der Tatsache, dass Ausbausysteme heute mit wesentlich weniger Masse und Volumen auskommen. Größere Eingriffe in das statische System gab es beim Flachbau. In der Museumshalle und bei den neuen Lichthöfen mussten ganze Felder und Rahmen ausgebaut werden, wonach die Standsicherheit natürlich erneut garantiert  erden musste. Auch die Museumsschüssel wurde entkernt und neu ausgebaut, wobei sich die Statiker mit temporären Verformungen auseinanderzusetzen hatten. Die Fassade blieb bestehen. Bestellt man  nderswo Container zur Entsorgung verschlissener Aluminiumpaneele, so kam zu BMW die Reinigungskolonne. Die soliden Gussaluminiumteile wurden gereinigt, nur einzelne mussten nachgegossen werden. Der alte Wandaufbau hinter der Außenhaut ließ sich freilich nicht mehr  rtüchtigen. Die undichte und wärmetechnisch ungenügende Fensterkonstruktion musste neu erfunden werden. Für Hinterlüftung, Wärmedämmung und Innenwände wurde ein gänzlich neues System  entwickelt, das allen Ansprüchen gerecht wird. Jedes dritte Fenster lässt sich zur individuellen Lüftung oder zentral gesteuert öffnen. Denkmalpfleger und Architekten wollten eine Beeinträchtigung des  äußeren Erscheinungsbildes durch veränderte Reflexion gekippter Fenster nicht akzeptieren. So wurde ein Öffnungsmechanismus entwickelt, der die Scheibe nicht kippt, sondern parallel ausstellt und ringsum einen gleich breiten Lüftungsspalt freigibt. Man muss genau hinsehen, um von der Straße aus geöffnete Fenster zu entdecken.

Hochhaus mit Öko-Potenzial

Die Architekten verweisen gerne auf die durch optimale Dämmung, Sonnenschutzgläser, Wärmerückgewinnung und weitere Maßnahmen des Energiemanagements erreichten Verbrauchswerte.  Der Elektrizitätseinsatz einschließlich Kühlung sei um 55 Prozent gesunken, die  verbrauchte Wärmeenergie betrage nur noch ein Viertel. Wenngleich sie es prinzipiell mit viergeschossiger Blockbebauung niemals werden aufnehmen können, ist das  ökologische  Verbesserungspotenzial älterer Bürohäuser enorm. Wenn dann wie beim BMW-Hochhaus noch weitere Faktoren hinzukommen, Standortqualität, Imagefaktor, städtebauliche und architektonische Bedeutung sowie zeitlose Schönheit, neigt sich die Waage entschieden zur positiven Seite und man ist geneigt, dem BMW-Vorstand zu gratulieren.

Falk Jaeger

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