betonprisma 94: Zeit

Schönheit der Struktur

Stefan Rapp hat aus einem Motorenwerk einen Motor des modernen Lebens gemacht.

Foto: Armin Buhl, Stadtregal Ulm, Rapp Architekten
Foto: Armin Buhl, Stadtregal Ulm, Rapp Architekten
Foto: Armin Buhl, Stadtregal Ulm, Rapp Architekten
Foto: Armin Buhl, Stadtregal Ulm, Rapp Architekten

Im Westen Ulms befand sich ein 250 Meter langer historischer Fabrikbau, der in den 1960er-Jahren als Produktionsstandort errichtet wurde. In die Jahre gekommen, wurde der viergeschossige Gebäuderiegel, ein Stahlbeton-Skelettbau, umfassend saniert. Aus alt wurde neu: das Ulmer Stadtregal. Wir haben uns das beeindruckende Büro- und Wohngebäude näher angesehen.

Der Taxifahrer wirkt ratlos. „Stadtregal“, murmelt er mehrfach und bearbeitet das Navigationsgerät. „Sind das etwa diese Loftwohnungen? Die in dem alten Magirus-Werk?“ „Eine ganz neue Adresse“, befindet er schließlich und fährt so abrupt los, dass er sein Taxometer einzuschalten vergisst. Gleich hinter dem Bahnhof ziehen sich Ausfallstraßen Richtung Südwest. Altstadt und Ulmer Münster sinken hinter die Gleise. Hier geht es ins Industriegebiet. Graue, durch Abgase zersetzte Steinhäuser, Matratzenläden und Eckkneipen ziehen vorbei. Urplötzlich taucht es auf, das „Stadtregal“. 250 Meter lang, gute 20 Meter hoch, geschichtet aus fünf mal fünf Meter großen Stahlbeton-Kuben.
Wie ein radikalisiertes, von allem Schmuck befreites Stadtschloss erhebt sich das Haus am Ufer der Blau, die hier in Ulm in die Donau mündet. Es changiert zwischen industrieller Härte, massiver, fast schon brutaler Präsenz und glitzernder Büromoderne. Beton, Geschoss für Geschoss, erstarrt zu einem gewaltigen Skelett. Hier steht eine bewohnbare Struktur, rigides Tragwerk, dasu einem Wohn- und Arbeitsort. Hier steht eine Plattform für 130 Einfamilienhäuser, die als gläserne Kuben im Betonrahmen der alten Motorenfabrik stecken.

Ein veredelter Rohbau aus Beton

Stefan Rapp heißt der Mann hinter dem Haus. Der gebürtige Ulmer mit dem ergrauten Schopf empfängt in seinem Büro im zweiten Stock. Es ist Samstag, späterer Nachmittag. „Nein“, sagt Rapp, er sei nicht extra hier, er arbeite jeden Samstag. „Unter der Woche zwischen halb neun und fünf kann ich kaum ungestört arbeiten.“ Und dieser Raum sieht nach Arbeit aus: helle Tische,ein Wald von Monitoren, an den Füßen Industrieparkett, über den Köpfen Unterzüge aus Beton. Veredelter Rohbau heißt das Konzept ebenso klar wie einsichtig. In den gewaltigen Rahmen haben die Architekten gläserne Kuben gestellt. Die einen mit Balkon, die anderen ohne. Alles ist erlaubt, nur eines nicht: Aus der Fassade bricht niemand aus. Es gibt viele Geschäfte hier im Erdgeschoss und den ersten Geschossen. Darüber liegen Wohnungen, die „teuren Wohnlofts“, von denen der Taxifahrer sprach. Gebaut wurde eher preiswert. Für das Innenleben waren die Mieter selbst verantwortlich. Die Kosten konnten sie als Sanierungsaufwand steuerlich absetzen. Trotzdem hat es etwas gedauert, bis die Geschichte anlief, erinnert sich Rapp, der mit seinem Büro gleich einen Platz im zweiten Bauabschnitt besetzte.Sechs Jahre arbeitete der 47-Jährige an seinem Projekt, sechs Jahre, in denen sich sein Büro durch das Gebäude arbeitete wie Bergmänner durch eine Mine, sie brachen Nebengebäude ab und rissen Industrieglas und Mauern aus dem Betonrahmen. Schließlich hatten sie die Fabrikhalle vollständig ausgeweidet und ihr eine Struktur gegeben, die sie so nie gehabt hatte. Hier stand keine Ikone der Moderne, keine Backsteinfestung, kein Heizkraftwerk, bereit für eine zweite Tate Modern. Das hier war nüchterne, leicht uninspirierte Zweckerfüllung. Rapp fand einen pragmatischen Zweckbau vor, einen Koloss der Schwerindustrie, der keinen Architekten kennt, keinen genialen Entwerfer, sondern lediglich die Bauabteilung von Magirus Deutz. 1958/59 entstanden die ersten Teile, 1966 war das Motorenwerk fertig. Auf mehreren Geschossen zugleich wurden Kolben, Keilriemen und Getriebeteile zusammengebaut und über die Blau ins benachbarte Karosseriewerk gehievt. An den Gewichtsangaben lässt sich die Vergangenheit des Hauses ablesen. Zwei Tonnen Last können die Decken tragen, genug, um heute mit dem Geländewagen den Lastenaufzug zu nehmen und im zweiten Stock vor der Haustür zu parken.So viel Volumen könnte man heute niemals bauen – aber es stand ja schon da.

Die Industriebrache ist chic geworden. Wie so oft beginnt die Veränderung mit einer buchhalterischen Entscheidung. In den 1970er-Jahren wurde die Produktion von Magirus verlagert, das Werk lag plötzlich da wie ein gestrandeter Wal.
Als Lagerhalle diente der Industriekoloss, später als Resterampe. Wurde verkauft und stand nach einer weiteren Insolvenz leer. Der Eigentümer, die Stadtsparkasse, hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera: abreißen, billig vermieten oder umnutzen. Ein Wagnis. Ulms städtische Entwicklungsgesellschaft bot Stefan Rapp einen Deal, wie ihn vielleicht nur Architekten annehmen: Prüfe doch mal alle Chancen, die in der Immobilie stecken. Wenn du uns mit einem Konzept überzeugst, darfst du weitermachen. Wenn nicht, ging es auf eigenes Risiko.

Kein Geld also, aber ein großes Versprechen. Das war 2004. Rapp ist Pragmatiker, niemand, der ich ohne gute Gründe in ein Abenteuer stürzt, an dem 20 Arbeitsplätze hängen. Zum Glück hatte er Rückendeckung durch Ulms Baubürgermeister Alexander Wetzig, der auch den Arbeitstitel „Stadtregal“ erfand. Der Name blieb. Alles andere wandelte sich dramatisch. Auch der ursprüngliche Plan, im Skelett der Schwerindustrie Raum zu schaffen für Kunst und Kultur.  Ateliers und Vortragssäle schwanden im Laufe des Arbeitens immer mehr. Sogar die Mittelgänge schrumpften zwischen den einzelnen Bauabschnitten. „Rendite“, schmunzelt Rapp.  Offenbar hat der Bauträger mit dem Baufortschritt und dem wachsenden erkannt, was für ein Schatz hier gehoben wurde. Auf den Fertigungsebenen entstand ein kleines Dorf. 130 Parzellen für gestapelte Einfamilienhäuser, erschlossen durch einen befahrbaren Mittelflur. Dort, wo die alten Treppenanlagen standen, trieb Rapp Lichtkanäle quer durch das Haus. Er setzte Zäsuren rhythmisierte das Gebäude und legte zu gleich einen verborgenen Rahmen frei, den das alte Haus so gar nicht geboten hatte: das Tragwerk, befreit von allen Einbauten. Auch die Zahlen können sich sehen lassen. Die Umnutzung hat rund 20 Prozent der Errichtungskosten gespart. Und rund vier Millionen Euro für einen Komplettabbruch. Vor allem aber blieb Raum, ein sagenhafter Raum. „So viel Volumen könnte man heute niemals bauen“, sagt Rapp, „aber es stand ja schon da“. Der Ulmer doziert nicht, er stellt einfach fest.

Die pure Kraft quadratischer Betonkuben

Das Stadtregal steht mitten in einem Konversionsgebiet. Es wird sein Zentrum werden, seine sichtbare Landmarke. 1996 war auf der gegenüberliegenden Seite der Blau ein Einkaufszentrum entstanden, an Stelle des Karosseriewerks. Ein Bau ohne Charme, errichtet aus Betonfertigteilen. Die Blau schlängelt sich zwischen Stadtregal und Shopping Mall hindurch.  Rapp hat  sie wieder befreit vom industriellen Korsett und eine große Freitreppe aus Beton angelegt, auf der onnenanbeter hinuntersteigen können ins Nass. Hier entfaltet sich nochmals die Größe der Anlage. Schicht für Schicht legte er etwas frei, an das nicht einmal seine Erbauer gedacht hatten: die pure Kraft quadratischer Betonkuben. Am östlichen Ende steht ein Neubau, spitzwinklig gegen das Hauptgebäude verschoben, wo früher eine Industriebrücke zur Nachbarhalle führte. Nachdem sich der Architekt Bauabschnitt für Bauabschnitt durch das Gebäude gearbeitet hatte, folgt die Kür. Hier kommen, mit Blick auf die Altstadt und das alles überragende Münster, zwei Geschosse hinzu. Zwei Stockwerke in ähnlichen Dimensionen wie es der „Bestand“ vorgab. Die Baustelle ist ein Flechtwerk aus Beton.

Es ist Nacht geworden. Up- und Downlights reißen das Haus aus dem Dunkel, betonen seine Vertikale. Rapp grinst: „Sieht jetzt wie von Leni Riefenstahl aus.“ Nicht ganz. Eigentlich gar nicht. Da steht ein Stück, das sich nicht verstecken kann und will. Etwas ganz Großes. Etwas, das man eher in München erwartet hätte oder in Berlin – aber es steht in Ulm.

Oliver Herwig
ist Journalist, Autor und Moderator und unterrichtet Designtheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Kunstuniversität Linz. Er lebt und arbeitet in München.

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