betonprisma 92: Natur

Tadao Ando

Meine Architektur kann nicht von der Natur getrennt werden

Foto: Keitaku Hayashi

Der japanische Architekt Tadao Ando ist ein Meister des Minimalismus, der Harmonie – und der Spannung: Seine Architektur betont die strenge Geometrie des Gebauten gegenüber dem Organischen der Natur. Zugleich strebt er nach einer Verschmelzung von Architektur und Natur, mittels derer er die Grenzen der Baukunst zu durchbrechen sucht. Wir fragten Tadao Ando über das menschliche Empfinden gegenüber dem natur- und kulturgeprägten Raum.

Herr Ando, den Weg zur Architektur fanden Sie über die Auseinandersetzung mit Le Corbusier und Ihre Reisen zu den großen Bauwerken der Welt. In den 1960er Jahren reisten Sie durch Europa und Amerika um Bauwerke berühmter Architekten zu besuchen. Das Pantheon in Rom stand ganz oben auf Ihrer Liste der zu besichtigenden Bauwerke. Warum?

Die Geschichte der westlichen Architektur kann verstanden werden als eine Geschichte der Herausforderung, wie das Volumen eines inneren Raumes allein durch die Gestaltung der Wände maximiert werden – und wie durch die Gestaltung der Öffnungen dieser Wände das Volumen dieses Raumes durch den Einfall natürlichen Lichts zusätzlich vergrößert werden kann. Das Pantheon war für mich der Anfang und die Kulmination der Raumgestaltung: Die einfachste und zugleich perfekte Maßgabe in der Geschichte der Architektur, die einen Raum von 43 Metern Durchmesser umfasst und die zudem einen beachtlichen Lichteinfall durch eine runde Öffnung im Gewölbescheitel mit einem Querschnitt von acht Metern erlaubt. Diese Architektur wurde am Anfang des zweiten Jahrhunderts vor Christus gebaut – und wird heute noch immer bewundert. Das Pantheon steht unter Denkmalschutz, da es eine Botschaft an die Herzen der Menschen sendet. Diese Tatsache kann von keinem Menschen ignoriert werden, der selbst den Wunsch verspürt, Architektur zu erlernen.
Ich wollte Architekt werden und habe die spezielle Bedeutung des Pantheons gefühlt. Daher schrieb ich diesen Namen zuerst auf, als ich eine Liste der Baukunstwerke erstellte, die ich besuchen wollte.

Was haben Sie empfunden, als Sie zum ersten Mal im Pantheon standen?

Ich konnte die Kraft spüren, die sich auf die Menschheit über einen Zeitraum von mehr als 2.000 Jahren durch das Betrachten dieses Lichtes in all seiner Fülle und Schärfe niederlegte. Ich habe hierdurch gelernt, wie ein klarer und heller Lichtstrahl das Herz der Menschen bewegen kann.
Neben der einfachen Form und dem Licht war zudem der Klang des Echos das, was mich am meisten beeindruckte. Bei einem späteren Besuch betraten ein Geistlicher und Gläubige den Raum und begannen, ein Lied zu singen. Ich werde niemals diesen eindrucksvollen Moment vergessen, als ihre starken Stimmen das herrliche Gebäude atmen und erstrahlen ließen. Die Architektur ist etwas, das man nicht nur mit den Augen, sondern mit allen fünf Sinnen erfassen kann. Es hat sich gelohnt, dieses Gebäude zu besuchen, nur um diese Wahrheit herauszufinden.

Haben Sie damals auch Deutschland bereist?
Im Jahr 1964 bin ich mit dem Zug von Berlin nach Hamburg gefahren. Die neue Bedeutung von moderner Architektur, die das Leben gewöhnlicher Leute bereichert, wurde mir bei der Auseinandersetzung mit den moderneWohnsiedlungen von Bruno Taut bewusst. Taut, der nach Japan ausgewandert war, war nicht nur Architekt, sondern auch ein berühmter Architekturtheoretiker. Er wies die Welt auf die Herrlichkeit der Katsura Imperial Villa hin. Mir gefällt sein spannendes Leben in einem fremden Land. Der Besuch der Berliner Mauer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich mich in einer Art meditativem Denken verloren habe – darüber, ob die Welt aufgrund der Existenz der Berliner Mauer jemals ein friedlicher Ort werden könnte.

Welchen Einfluss haben Ihre damaligen Reiseerfahrungen auf Ihr heutiges Schaffen?
Neben Rom habe ich Moskau, Helsinki, Paris und Wien besucht. Ich habe das städtische Flair in diesen Großstädten gespürt, das in der japanischenStadtkultur in dieser Form nicht existiert. Besonders als ich – gemeinsam mit vielen anderen Menschen – die Kapelle von Notre Dame du Haut in Ronchamp von Le Corbusier besuchte, wurde mir bewusst, dass Architektur ein vermittelndes Element für menschlichen Austausch und Begegnung ist. Die Tatsache, dass ich während meiner Reise stets darüber nachgedacht habe, was Architektur wirklich ist, verbindet meine Absicht und meinen Anspruch, „wahren Reichtum für Menschen“ zu schaffen, der weit über funktionelle oder wirtschaftliche Effizienz hinausgeht.

Sie sind als junger Mensch um die halbe Welt gereist, heute bauen Sie auf der ganzen Welt. Wie erlebten und erleben Sie die unterschiedlichen Einstellungen der Völker zur Natur? Denken Menschen, die ein unterschiedliches Verhältnis zur Natur haben, auch verschieden über Architektur?
Als ich jung war, habe ich oft „Climate and Culture“ von Tetsuro Watsuji gelesen. Dieses Buch teilt Regionen von Asien bis Europa bezüglich ihrer natürlichen Umwelt in drei Teile auf und setzt sich mit den Beziehungen zwischen Stimmungen, Kulturen und Denkstrukturen jeder der Regionen auseinander. Angeregt durch dieses Buch habe ich über den Unterschied zwischen dem Ideal, das Einigkeit und Homogenität widerspiegelt, und der Realität, die sich aus Unterschieden zwischen Stimmungen und Kulturen ergibt, nachgedacht. Eine einzigartige Natur bewirkt eine einzigartige Beziehung zwischen den Menschen. In diesem Punkt verhält es sich mit der Architektur ebenso: Afrikanische Eingeborene errichten ihr Haus aus Lehm, indonesische Menschen bauen ihr Haus auf Wasser und die Inuit bauen Häuser aus Eis. In Japan hingegen wurde der Bau von Fertighäusern nach und nach populärer, so dass die Einzigartigkeit der Häuser verschwunden ist. Aus diesem Grund habe ich versucht, die einzigartige Natur, Stimmungen und Kulturen eines jeden Ortes so gut es ging in meine Architektur einfließen zu lassen.
Ich arbeite mittlerweile seit mehr als 40 Jahren als Architekt. In diesem Zeitraum hat die Menschheit die Umwelt aufgrund des Ideals wirtschaftlicher Optimierung zerstört. Seit meiner Kindheit hat sich die Lage der Natur sehr verändert. Heutzutage sind Umweltprobleme, wie beispielsweise die globale Klimaerwärmung oder die Abholzung der Wälder, so ernst zu nehmende Probleme wie niemals zuvor. Mittlerweile sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die Menschheit endlich einsieht, wie wichtig es ist, die Natur zu schützen und zu achten. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber unsere Einstellungen haben sich mit Sicherheit geändert.

Denken Sie, dass wir – vielleicht gerade in Europa – unseren Bezug zur Natur verloren haben?
Im Gegensatz zu Japan tendiert das Bauen in Europa dazu, die Natur zu besiegen, um Architektur zu erschaffen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Deutschland beim Thema Umweltschutz sehr fortschrittlich ist. Das Abfallverwertungssystem ist gut organisiert und weit verbreitet, Isolierverglasung zu benutzen, um die Wärmeisolierungsleistung der Architektur zu erhöhen und damit Energie zu sparen, ist etabliert. Dieses hohe Maß an Umweltbewusstsein kommt wiederum der Natur zugute. Von daher denke ich, dass es keinen Grund gibt, sich entmutigen zu lassen.

Was heißt für Sie Natur? Kann vom Menschen Geschaffenes natürlich sein?
Eines meiner Projekte, bei dem ich vermehrt über die Natur nachgedacht habe, sind die Wohngebäudekomplexe bei Rokkō, welche an einem Hang mit einer Neigung von 60 Grad gebaut wurden. An der Baustelle für Rokkō Eins bestand die Gefahr von Erdrutschen. Daher hätte man Stützmauern bauen müssen. Stattdessen haben wir jedoch ganze Gebäudekomplexe geplant. Hierdurch konnten Mensch und Natur auf engem Raum zusammenleben. Diese Gebäudekomplexe funktionieren als Stützwände und Gebäude gleichermaßen, wodurch die Auswirkungen auf die Umwelt kleiner ausfielen, als wenn beide getrennt errichtet worden wären. Auch als wir den Gebäudekomplex Rokkō Zwei planten, bebauten wir den Berg, erhielten aber die ursprüngliche Menge an Grünflächen, indem wir einen Wald zwischen den Rokkō Gebäuden Eins anlegten und begrünte Dächer hinzufügten.
Der Rokkō, an dem diese Gebäude errichtet wurden, war ursprünglich ein kahler Berg. Vor über 100 Jahren begannen die Menschen damit, dort Bäume zu pflanzen und Grünflächen anzulegen. Menschen haben die Eigenschaft, Natur zu erschaffen – und dort gibt es nun Wälder, welche die Hilfe der Menschen benötigen, um bestehen zu können. Man kann nicht immer sagen, dass Verzicht auf eine Bebauung einer Hilfe für die Natur gleichzusetzen ist. Ich denke, dass es entscheidend ist, dass das Gleichgewicht von Bebauung einerseits und der Schaffung von Natur andererseits stets und zu jedem Zeitpunkt erhalten bleibt.

Mit Ihren Bauwerken schaffen Sie eine ganz besondere Harmonie von Natur und Kultur, von Natur und Architektur. Diese Harmonie ist es, die die Menschen berührt. Welche Bedeutung hat Harmonie für Sie?
Grundlage meiner Gestaltung ist die reine Geometrie. Aufgrund der Tatsache, dass die Zeichnungen, die ich für meine Architektur verwende, sehr einfach sind, mögen meine Pläne eventuell einen unpersönlichen Eindruck erwecken. Jedoch verleiht uns ein Raum, der auf strikten geometrischen Formen beruht, die Möglichkeit, auf eher unbewusste Elemente, wie etwa Licht oder Wind, zu achten und gibt uns die Gelegenheit, diese wiederzuentdecken. Mit anderen Worten ausgedrückt: Wenn die Geometrie die Gegensätzlichkeit der Aktivität der Natur hervorhebt und die Natur mit dem Lebensraum verschmilzt, kann meine Architektur letztlich die Grenzen der Baukunst durchbrechen. Aus diesem Grund kann meine Architektur nicht von der Natur getrennt werden. Ich stelle mir immer wieder die Spannung vor, die sich aus der Kombination von Natur und Architektur ergibt, wenn ich an einem Entwurf arbeite.

Was bedeutet die Sehnsucht des Menschen nach Natur für das Bauen und die Architektur allgemein?
Mein erstes Projekt, das „Reihenhaus in Sumiyoshi“, hat einen rechteckigen Grundriss, bei dem die lange Seite des Rechtecks in drei Teile unterteilt ist. Der mittlere Teil ist ein allein stehender Hof. Beim Thema Haus habe ich darüber nachgedacht, wie man einen Ort schaffen kann, an dem Menschen sich gerne freiwillig aufhalten. Der Hof ist aus physikalischer Sicht ein kleiner Raum. Dennoch dachte ich, wenn man in diesem Mikrokosmos über Natur verfügt, vermittelt dies einen Eindruck von der wahren Reichhaltigkeit der Menschen, die dort wohnen. Mein Gedanke, „ein Haus sollte nicht eine Anlage sein, die die Umwelt kontrolliert, sondern ein Platz, an dem man sich lebendig fühlen kann“, begeisterte auch den Kunden und wir wurden uns einig. Als dieses Haus präsentiert wurde, habe ich viel Kritik erhalten, wie zum Beispiel „Braucht man einen Regenschirm um an einem regnerischen Tag ins Badezimmer zu gehen?“, doch einige Leute sympathisierten auch mit meiner Idee. Ich denke, das bedeutet, dass es sicherlich einige Leute gibt, die glauben, dass die Reichhaltigkeit des Lebens über der Funktionalität steht, die die Natur vorgibt, und dass sie dementsprechend leben wollen.

Was bedeutet das für den Städtebau? Müssen wir unsere Städte nicht noch mehr für die Natur öffnen?
Ich bin in Osaka geboren und aufgewachsen. Ich denke, man kann mich einen Architekten nennen, der von Osaka geprägt und geformt wurde. Um etwas zurückgeben zu können, habe ich Vorschläge für den städtischen Hausbau präsentiert. Es gibt keine Grünflächen in Osaka und ich fand immer, dass die Beziehung zur Natur hier sehr schlecht ist. Also habe ichvon 2004 bis 2010 das Projekt „Durchgang von Heisei“ (Anmerkung der Redaktion: Heisei no Tôrinuke – Heisei ist seit dem 8.1.1989 die Bezeichnung der Regierungsdevise des Tennos Akihito) gestartet: Ziel des Projektes war es, durch die Bepflanzung der Straßen am Fluss, hauptsächlich um Nakanoshima herum, mit 3.000 Kirschbäumen die größte Kirschbaumallee der Welt zu schaffen.
Hierfür wurden Spenden benötigt. Eine einzelne Spendeneinheit betrug 10.000 Yen. Es kostet 150.000 Yen, also ca. 1.320 Euro, um einen Kirschbaum zu pflanzen und zu pflegen. Wenn man also 3.000 Kirschbäume anpflanzen möchte, fallen Kosten in Höhe von 450 Millionen Yen an. Der Preis für eine Spende war nicht gering, aber wir konnten am Ende 52.000 Einheiten sammeln und das Projekt erfolgreich realisieren.
Ich denke, dass einer der Gründe für diesen Erfolg darin lag, dass auf den Kirschbäumen die Plaketten mit den Namen der Spender angebrachtwurden. Den Spendern die Plakette „Mein Kirschbaum“ auszuhändigen, ließ sie vertrauter und verantwortlicher mit den Bäumen umgehen – mit dem Ergebnis, dass die Bäume gut versorgt werden. Bei diesem Projekt habe ich gemerkt, dass die Leute ein starkes Verlangen danach verspüren, die Natur zurück in ihre Städte zu bringen. Aus diesem Grund sollten verantwortliche Personen, die in die Stadtplanung einbezogen sind, die Natur und die Menschen, die dort leben, berücksichtigen.

Wie lassen Sie sich von der umgebenden Natur inspirieren, wenn Sie an einen Entwurf herangehen?
Architektur ist stets fest mit einem Ort verbunden. Aus diesem Grund handelt es sich nicht um Architektur, wenn man nicht über die Beziehung mit dem jeweiligen Ort nachdenkt. Ich denke jedes Mal darüber nach, welche Materialien ich verwenden sollte, um das Potenzial des jeweiligen Ortes zu optimieren. Zwar nutze ich moderne, allgemein verfügbare Materialien und Technologien, aber ich versuche auch die speziellen Charakteristika eines Ortes zu berücksichtigen, indem ich die einzigartige Stimmung, die Kultur und die Natur eines jeden Platzes in meine Planungen einbringe.
Wir sind stets und immer mit der Natur verbunden, egal was wir auch tun. Wir verändern Natur und erschaffen Kultur. Im Bereich der Architektur ist dies nicht anders. Man entwirft Architektur in Städten ebenso wie in der Natur. Man entwickelt Räume, in denen Menschen zurück zur inneren Ruhe und Harmonie finden können. Räume, in denen Menschen den Eindruck haben, zurück zur Natur zu gelangen. In Städten ebenso wie auf dem Land entwirft man Räume, in denen Menschen auf wunderbare Art und Weise ein Teil der Natur sein können.

In Deutschland haben Sie an Orten gebaut, die eher einsam gelegen sind: auf dem Vitra-Gelände in Weil am Rhein, nahe der Museumsinsel Hombroich bei Düsseldorf, zuletzt in Bad Münster am Stein. Ist eine natürliche Umgebung Voraussetzung für Ihr Interesse am Bauen in Deutschland?
Alle Projekte, die mir angetragen wurden, waren zufälligerweise auf dem Land gelegen. Ich möchte es so formulieren: ich hatte das Glück, immer wieder die Gelegenheit erhalten zu haben, Architekturen entwerfen zu können, die Teil der Natur sind.

Arbeiten Sie gerne in Deutschland?
Es ist keine Fragen von mögen oder nicht mögen. Ein Team mit Leuten vor Ort zu bilden und zusammen zu arbeiten, die Architektur zu vervollständigen – das ist meine tägliche Herausforderung und Freude.

Welche Erfahrungen haben Sie in Deutschland mit der Projektabwicklung Ihrer Gebäude gemacht? Gibt es diesbezüglich Unterschiede zu anderen Ländern – beispielsweise zu Japan?
Ich habe den Eindruck, dass alle Projekte in Deutschland sehr viel Zeit benötigen. Der Vitra Konferenzpavillon sollte am 50sten Geburtstag desBauherrn fertiggestellt sein, aber es dauerte zwei weitere Jahre, sechs Jahre insgesamt. Ich habe das Angebot für die Langen Foundation auf der Raketenstation in Hombroich im Jahr 1994 erhalten, aber es gab sehr viele Probleme, wie zum Beispiel die Finanzierung, so dass es 10 Jahre bis zur Fertigstellung gedauert hat. Und im Fall des Steinskulpturenmuseums wurde der Bauplatz geändert und wir haben lange nichts von unserem Kunden gehört. Wolfgang Kubach, der Bauherr, verstarb. Die traurige Nachricht erreichte mich erst im Jahr 2007. Im Anschluss an seinen Tod übernahm seine Frau die Leitung über das Bauprojekt, so dass es im Jahr 2010 fertiggestellt werden konnte. Das Angebot erhielt ich im Jahr 1995 – es dauerte also insgesamt 15 Jahre.
Aus dem Blickwinkel der Arbeit heraus betrachtet ist eine lange Bauphase für ein Projekt sehr schwierig. Als Künstler hingegen war ich eher froh über die Möglichkeit, längere Zeit über die Architektur nachdenken zu können. Wir konnten die Projekte trotz Schwierigkeiten beenden, da der unbedingte Wille der Kunden bis zum Ende erhalten blieb.
Ich habe den Eindruck, dass Deutschland methodisch und im Bereich der Technologie sehr weit fortgeschritten ist, aber ich merke auch, dass dieserVorsprung in der letzten Zeit deutlich nachlässt. Das ist in Japan sehr ähnlich.

Beton ist als prägendes Material stilbildend für Ihre Architektur. Woher rührt Ihre Vorliebe für den Baustoff, vor allem für seine Anwendung als Sichtbeton?
Ortbeton sowohl für außen wie auch für innen zu verwenden ist für gewöhnlich sehr schwierig. Mittlerweile hat die Verwendung von Beton in der Architektur eine breite Akzeptanz und Anerkennung erfahren. Als ich aber in den 1970er Jahren anfing, mit Beton zu arbeiten, hat man mich mitunter auch kritisiert: Das sei die Tollkühnheit eines Architekten, der den Verstand verloren habe.
Der eigentliche Grund, warum ich mich auf Beton konzentriert habe, war, dass man damit die maximale Größe eines Raumes mit minimalem Aufwand zu niedrigen Kosten realisieren kann. Ich erinnere mich, dass ich damit begonnen hatte, über die Schönheit von Beton nachzudenken, als ich ein Foto vom Salk Institut für Biologische Studien in der ausländischen Architekturzeitung PA (Progressive Architektur) gesehen hatte, das von Louis Kahn entworfen wurde. Der wunderschöne Betonbau der „Salk“ hatte integrierte, hölzerne Schiebefenster. Gewöhnlicher Beton sah auf einmal richtig hochwertig aus.
Ich habe gelernt, dass Beton ganz unterschiedliche Gesichter haben kann – von den rauen Betonarchitekturen wie etwa Sainte Marie de La Tourette von Le Corbusier bis hin zum Yoyogi National Gymnasium von Kenzo Tange. Somit erkannte ich den Reiz von Beton und fing selber an, von Auguste Perret bis zu den spannenden Arbeiten von Pierre Luigi Nervi und Felix Candela zu lernen – und entdeckte zudem die Meisterwerke von vielen weiteren internationalen Architekten.

Was ist für Sie das Besondere an Beton?
Nachdem ich einige Häuser fertiggestellt hatte, fing ich an, das große Potential dieses Materials und der Konstruktionsmethoden zu erahnen. Die Formbarkeit des Betons, die es einem erlaubt, jede Form frei mit angefertigter Verschalung und Füllung herstellen zu können, reizte mich. Auf diese Weise konnte ich dem Raum auf einfache Art und Weise jeden Ausdruck verleihen, den ich wollte. Zudem besitzt Beton die Fähigkeit, Aspekte der Natur einzufangen und zu verfeinern.
So wie ich – als ein Mittel, um einen Dialog mit der Natur zu erzielen – Architektur erschaffe, ist Beton das beste Material, um den Ausdruck vollkommen zu minimieren, zu beschneiden und zu kontrollieren, während die Lebendigkeit der Natur neu entsteht.

Welche besonderen Anforderungen haben Sie an den Beton, mit dem sie bauen – und welche Anforderungen an die Betonbauer, mit denen Sie zusammenarbeiten?
Ich habe das Mischungsverhältnis von Wasser und Zement sehr genau ausprobiert sowie die beste Anordnung von Bewehrungsstahl und Abstandshalter oder die Abstände der Bewehrungsstähle untereinander, um die ebene und gleichmäßige Oberfläche des Betons erhalten zu können, die den ästhetischen japanischen Erwartungen entspricht.
Den Wasseranteil von Beton zu erhöhen, ist auf den ersten Blick ein effektiver Weg, um ebene und glatte Oberflächen zu schaffen, aber es verringert die Haltbarkeit des Betons sehr. Aus diesem Grund ist es wichtig, Beton ohne Pausen mit weniger Wasser zu verarbeiten. Dies bedeutet, dass die Qualität des Betons letztlich auch von der Qualität der Arbeit der Leute abhängig ist.
Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass sich der unbedingte Wille der Beteiligten, einen „besseren“ Beton herzustellen, direkt in dem gegossenen Beton widerspiegelt. Als ich mein Büro gründete, habe ich mich jeweils an dem Tag, an dem der Beton gegossen wurde, den Betonbauern angeschlossen, deren Arbeiten akribisch überwacht und sie immer wieder motiviert, wirklich ihr Bestes zu geben. Erfolg oder Misserfolg hängen diesbezüglich sehr stark von der Beziehung des Architekten zu den Arbeitern vor Ort ab.

Das Konferenzzentrum auf dem Vitra-Gelände in Weil am Rhein ist ein Sichtbetonbau, der von Kirschbäumen umgeben ist. An einigen Stellen finden sich im Sichtbeton Abdrücke von Kirschbaumblättern. Sie sind bekannt als Meister der Präzision. Sind diese Abdrücke Zufall? Oder haben Sie hier absichtlich dem Beton ein ganz besonderes Zeichen der Natur gegeben?
Ich habe das nicht beabsichtigt. Beton ist kein Material, das man stets absolut perfekt bearbeiten kann, auch wenn die Arbeiter vor Ort ihr Bestes geben. Es wird vom Wetter, der Temperatur und manchmal auch von Zufällen beeinflusst. Man muss sich in seinem Inneren dazu entschließen, den Beton mit einem tiefen Verständnis für sein Wesen und seine Charakteristika zu verwenden.

Als Sie der Kunstmäzen Karl-Heinrich Müller für den Bau eines Kunstund Ausstellungshauses, der heutigen Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich nahe Düsseldorf, gewinnen wollte, reiste er Ihnen so lange nach, bis er Sie nach Monaten endlich abends in einer Hotellobby in New York ansprechen und seinen Wunsch Ihnen gegenüber äußern konnte.
Als Anna und Wolfgang Kubach Sie in Ihrem Büro aufsuchten, um Sie zu bitten, das Steinskulpturen-Museum in Münster am Stein zu bauen, zögerten Sie zunächst. Nachdem Wolfgang Kubach dann einen seiner Steine wohl etwas laut auf dem Konferenztisch platzierte, stimmten Sie der Anfrage zu. Wie entscheiden Sie, für wen Sie bauen?

Architektur geht immer mit Schwierigkeiten einher. Architekten zeichnen ihr Ideal auf dem Papier und hauchen Gebäuden Leben ein. Auf der anderen Seite fragen uns Bauherrn nach günstigen Gelegenheiten und einer Gestaltung, die ihrem Geschmack entspricht. Um die Kluft zwischen Architekten und Bauherrn zu schließen, ist es notwendig, sich immer wieder abzusprechen, was manchmal ein zäher Prozess sein kann. Für beide Seiten ist es wichtig, einen Traum zu teilen. Der inzwischen verstorbene Wolfgang Kubach hatte den Traum, über seine Kunst mit der Welt zu kommunizieren. Deshalb war ich mir sicher, dass wir die Herausforderungen rund um den Entwurf überwinden würden. Zudem war ich von seinem unbedingten Willen bewegt und wollte seinen Traum teilen. Aus diesem Grund nahm ich das Angebot an.
Für mich ist es bei einem Auftrag wichtig zu sehen, dass ein Kunde den Willen aufbringt, immer wieder alles durchzudiskutieren, um auftauchende Schwierigkeiten zu überwinden.

Haben sie einen ganz besonderen Lieblingsplatz in der Natur, den Sie aufsuchen, um sich zu entspannen?
Ich habe schon immer in Osaka gelebt und auch mein Büro ist hier, also kann ich mich in Osaka am besten entspannen. Ich wünschte, ich müsste nicht in der ganzen Welt herumfliegen, aber dass ich das tun muss, ist nun mal die Realität.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Tadao Ando, geb. 1941 in Osaka, auf dem Gebiet der Architektur Autodidakt, gründete 1969 sein Büro „Tadao Ando Architect and Associates“. Der internationale Durchbruch gelang ihm in den 1980er Jahren mit seinen Entwürfen für die drei Kirchen in Hokkaido, Kobe und Osaka, die er jeweils einzelnen Naturelementen – dem Wasser, dem Wind und dem Licht – widmete. Seine minimalistischen Gestaltungen mit Beton, die Symbiose seiner Bauwerke mit der Natur und seine neue Formensprache verschafften ihm weltweite Anerkennung. Tadao Ando erhielt für sein Werk zahlreiche internationale Auszeichnungen, unter anderem 1995 den Pritzker-Preis und 2002 den Kyoto-Preis.

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