betonprisma 97: Qualität

Qualität hat mit dem Maßstab der Menschlichkeit zu tun

Stefan Behnisch über neue Wege zu neuen Qualitäten

Foto: David Matthiessen

Kaum ein Name stand und steht für so richtungsweisende wie ausdrucksstarke Architektur: Günter Behnischs Münchener Olympiagelände und der Bonner Bundestag, Stefan Behnischs EU-Pilotprojekt für nachhaltiges Bauen, das Institut für Forst- und Naturforschung in Wageningen. Projekte, die weltweite Beachtung fanden, gerade weil sie neue Wege zu neuen Qualitäten aufzeigten. Eine Tradition, die das Büro Behnisch Architekten bis heute national wie international erfolgreich macht. Wir sprachen mit Stefan Behnisch in seinem Stuttgarter Büro.

Herr Behnisch, Sie haben Ihr Büro im letzten Jahr neu aufgestellt und arbeiten jetzt zusammen mit drei Partnern in Boston, München und Stuttgart. Was haben Sie geändert?

Bislang wurde das Stuttgarter Büro von zwei, die beiden anderen jeweils von einem standortverantwortlichen Partner geführt. Ich habe festgestellt, dass die Zusammenarbeit in den mit einem Partner geführten Büros besser funktioniert. Mit zwei Partnern entstehen auch Konkurrenzsituationen, die dazu führen können, dass sich das Büro in Gruppen teilt. Ich möchte in einer eher familiären Situation arbeiten und das funktioniert jetzt wieder gut.

Sie selbst arbeiten übergeordnet an allen Standorten und unterstützen Ihre Partner?
Meine drei Partner leiten die einzelnen Büros, stimmen sich aber eng mit mir ab und rufen mich hinzu, wenn ich gebraucht werde. Bestimmte Projekte leite ich aber auch intensiv selbst.

Sie sind kürzlich mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Klausur gegangen und haben über Architektur, Arbeitsweisen und die Haltung Ihres Büros dazu diskutiert. Was waren die Ergebnisse?
Wir wollten herausfinden, wie die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unsere Aufgaben und unsere Arbeit sehen. Die für mich interessanteste Diskussion war, für wen wir eigentlich arbeiten wollen. Auf Partnerebene sind wir hier weitgehend dem Prinzip gefolgt, nur in offenen Gesellschaften arbeiten zu wollen, weil wir der Überzeugung sind, dass nur hier unsere unter anderem auf den Dialog mit dem Bauherrn ausgerichtete und inhaltlich geprägte Architektur zum Tragen kommt. In der Vergangenheit haben wir uns daran nicht immer gehalten. So haben wir in Saudi-Arabien den King Abdullah Financial District realisiert, ein eher politisches Projekt, das noch über Jahrzehnte leer stehen wird. Bei solchen Projekten wollen wir nicht mehr mitwirken. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine solche Entscheidung mittragen – mehr als meine damaligen Partner, sehr wohl wissend darum, dass man, diesem Prinzip folgend, vielleicht auch einmal ein Projekt verlieren kann.

Ihr Büro ist von einem eher inhaltlichen Ansatz geprägt, nicht von einer spezifischen, bürotypischen Architektursprache.
Mein Vater war der Überzeugung, dass Architektur für jedermann verständlich und nachvollziehbar zu sein habe. Was nicht hieß, dass man es jedem recht machen will. Ich selbst bin auch kein Verfechter des größten gemeinsamen Nenners. Aber wir Architekten sollten uns erklären können:
Denn erstens wird Architektur stark von den Zeiten geprägt, in denen sie entsteht. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, in dem die Kirche die Menschen dazu bringen konnte, Dinge zu bauen, die aus heutiger Sicht unsinnig wären. Wir schätzen heute die Kathedralen, aber ihr Bau ist in unserer heutigen Gesellschaft nur metaphysisch erklärbar: durch den Willen, Gottes Größe zu zeigen. Das ist nicht mehr unsere Zeit. Wir sind von der Aufklärung geprägt, die uns Menschen den blinden Glauben verdorben hat: Wir müssen verstehen.
Und zweitens ist Architektur nicht nur Behausung, sondern primär kulturelles Artefakt. Sie prägt uns und übernimmt eine große Verantwortung gegenüber den Menschen. Daher muss Architektur für die Menschen nachvollziehbar sein.
Und schließlich ist Architektur heute von immer mehr Disziplinen geprägt, die wir ordnen müssen. Da sind die starken Disziplinen, also Kosten und Termine, und die schwachen Disziplinen, seien dies nun die Ästhetik, die Qualitäten oder die Nachhaltigkeit. Es ist unsere Aufgabe, diese zu begründen, zu stützen und zu schützen. Denn wer macht das sonst? Diese Disziplinen gehen immer als erste über Bord.
Dieser inhaltliche Ansatz bringt natürlich eine gewisse Vielfalt mit sich, denn jede Aufgabe unterscheidet sich von der anderen.

Sie wollen, so schreiben Sie in dem Magazin über Ihr Büro, neue Wege entdecken und angemessene Lösungen finden, auch wenn die nicht immer sofort offensichtlich sind. Wie hat man das zu verstehen?
In dem Sinne, dass bei unserer Arbeit auch Ergebnisse herauskommen, über die man ein bisschen nachdenken muss. Denken Sie beispielsweise an das Thema Nachhaltigkeit. Viele packen eine Photovoltaikanlage in die Fassade oder eine Windmühle auf das Dach. Das ist offensichtlich – und in diesem Fall ist das Offensichtliche einfach nur einfallslos. Man kann heute ganz anders und viel effizienter nachhaltig bauen – ohne dass es dieser Zeichen der Nachhaltigkeit bedarf. Wir gehen unsere Planungen sehr viel komplexer an, und kämen wir jede Woche zu einem anderen Ergebnis, würden wir immer wieder neu anfangen. Weil Architektur eben nicht offensichtlich, eben keine mathematische Gleichung ist.
Der Mensch hat die glückliche Eigenschaft, Schlüsse ziehen zu können. Aber die Schlüsse sind nicht frei, sondern sind geprägt durch die Erfahrungen des Individuums. Nur in der Mathematik kommen wir zu selben Ergebnissen. Sobald ich interpretiere, sobald ich Schlüsse und Qualitäten hineinbringe, kommen wir zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil wir unterschiedliche Lebenserfahrungen haben. Die Arbeiten der Teams unserer Büros sind nicht offensichtlich, weil einfach die persönliche Prägung in der Architektur nicht negiert werden kann.

Nähert man sich damit schon der Einheit von architektonischer, städtebaulicher und Nutzungsqualität?
Nach Kant stellt die Qualität eine der zwölf Grundkategorien dar, die dem Menschen apriorisch und unmittelbar gegeben sind als Werkzeuge des Urteilens und Denkens. Diese Kategorien dienen nur der Anwendung. Sie haben keine Existenz, bestehen somit nur im menschlichen Verstand und sind nicht an Erfahrungen gebunden. Keiner also kann Qualität richtig definieren.
Versuchen wir die Qualität dem allgemeinen Verständnis entsprechend zu verstehen als Gegensatz zur Quantität, dann ist der Begriff bei uns Menschen doch stark geprägt durch das Gefühl, das Empfinden und Wohlbefinden. Wir finden einen Raum qualitativ gut, können oftmals aber gar nicht erklären, warum. Aber die Qualität reicht ja über das Gefallen oder Nichtgefallen hinaus – nach der Kategorienlehre ist sie eine a-priori-Wahrheit: Ich kann Qualität anstreben, kann sie aber nicht wirklich planen. Wohl kann ich dies im technischen Sinne, und wir haben in unserem Büro natürlich ein technisches Qualitätsverständnis. Aber das ist eher pragmatisch: Eine Sache funktioniert gut und sieht sauber aus – also ist sie technisch qualitätvoll. Aber die Qualität als solche ist, wenn ich im Kategorienkanon verbleibe, mehr: Sie ist die Summe vieler einzelner Wahrnehmungen, die ausgewogen zusammenwirken.
Ich kann Ihnen Qualität also nicht definieren, wohl aber beispielhaft beschreiben, vielleicht auch als Rezeptur benennen. In der Architektur ist die vollkommene Harmonie keine Qualität. Die ist lahm. Wenn aber Harmonie und Disharmonie, das Schöne und das Hässliche, in einem ausgewogenen Verhältnis zusammenfinden, wenn das Verhältnis von tollem und nicht so tollem Raum ausgewogen ist – dann erreiche ich eine relativ hohe Qualität, gewöhnlich auch für ein allgemeines Empfinden. Denken Sie an Versailles: Hier finden Sie hohe künstlerische Qualität, toppt ein Raum den anderen. Aber an und für sich ist das langweilig. Nur wenn Gegensätze ausgewogen sind, wenn der Mensch das Gefühl hat, hier ist menschliches Wirken zu einem menschlichen Ergebnis gekommen – dann kann ich Qualitäten erreichen. Es hat mit dem Maßstab der Menschlichkeit zu tun.

Wie setzen Sie Qualität auf der Baustelle durch?
Es gibt ja nicht nur die Qualität des Ergebnisses, sondern auch die des Prozesses. Ich kann zunächst von Menschen nicht mehr verlangen als menschenmöglich ist. So bin ich zum Beispiel kein Verfechter der absoluten Betonqualität. Beton ist trotz allem noch ein natürlicher Baustoff, der von Menschen geschaffen wird. Wenn alles perfekt ist, ist es langweilig. Beton hat unterschiedlichste Schattierungen, Erscheinungen und Qualitäten: Er ist hell oder dunkel, manchmal sehe ich einen Stein, ein anderes Mal Sandnester. Und tatsächlich muss ich sagen: Der schönste Beton, den ich kenne, ist der von Carlo Scarpa – und der ist alles andere als perfekt.
Perfektion ist nicht gleichzusetzen mit Qualität: Es gibt den Prozess, den menschlichen Aspekt, die Umgebung – viele Faktoren sind hier relevant. Wir haben kürzlich das John and Frances Angelos Law Center der University of Baltimore fertiggestellt. Ein Gebäude, das hervorragend geworden ist, was ich ungern über ein eigenes sage. Die Betonqualität war durchwachsen. Die Amerikaner verfügen über keine so guten Betonqualitäten und können auch nicht so gut betonieren. Aber das ist nicht das Entscheidende. Wir haben festgestellt, dass die Unterschiedlichkeit in den Betonqualitäten der doch sehr großen Flächen in dem Gebäude – der Boden ist ein polierter Rohbeton, die Decken und Wände Sichtbeton – ein ungeheures Leben in das Gebäude gebracht hat. Wäre das alles perfekt gewesen, hätten wir es eigentlich verhunzen müssen, um es lebendig zu gestalten.

Ihr Büro hat einen hervorragenden Ruf auf Grund seiner nachhaltigen, technisch-ökologischen Planungs- und Ingenieurleistungen. Wird diese Qualität zunehmend wichtiger – auch als die der gestalterischen Leistung?
Kurzzeitig vielleicht. Aber zunächst einmal: Der Begriff der Nachhaltigkeit wird bei uns viel zu eng gefasst, weil er quantitativ und nicht qualitativ definiert ist.
Gehen wir kurz auf den quantitativen Nachhaltigkeitsbegriff ein, bei dem ich die Ingenieure mit im Spiel habe: Sobald in der Architekturgeschichte ein neuer Aspekt aufkam, hat sich dieser stark in den Vordergrund gespielt und wurde besonders wichtig – bis dieser Aspekt schließlich gemeistert werden konnte und im Konzert der Disziplinen der Architektur etabliert war.
Schauen Sie sich den Eiffelturm an oder den Chrystal Palace von Joseph Paxton. Hier haben nur noch Ingenieure Architektur gemacht. Die Prägung der Architektur durch die Ingenieursleistung hat sich so lange gehalten, weil sie Außerordentliches bot: Man konnte hohe Häuser bauen, die Bahnhöfe wären als tageslichtdurchflutete Gebäude nicht denkbar gewesen. Man konnte Tragwerk und Raumabschluss konsequent trennen. Nicht mehr das Tragende hat den Raum definiert, sondern dieser konnte losgelöst davon gestaltet werden. Das war der Beginn der Hightecharchitektur.
Ich habe mich immer gefragt: Wann hat das geendet? Das Finale waren meines Erachtens nach Norman Fosters Hongkong and Shanghai Bank Headquarters. Hier endete die Hightecharchitektur in einem Rokoko, wurde zum Selbstzweck, fast zu Zierrat – und danach war eigentlich das Ende dieser technisch geprägten Architektursprache. Da haben wir festgestellt, dass wir das Thema beherrschen. Das Gebäude, das wir für die Nord LB geplant haben, ist wahrscheinlich höhere Ingenieurbaukunst als die Hongkong and Shanghai Bank. Man beherrscht es heute – aber man muss es doch nicht mehr sehen! Wir können das komplexe Tragwerk in den Wänden verschwinden lassen.
Ähnlich verhält es sich mit der Nachhaltigkeitsdebatte. Sie eröffnet uns neue Welten, aber noch dominiert sie unsere Welt. Erst wenn wir alle Aspekte des nachhaltigen Bauens beherrschen, werden wir wieder frei sein. Letztlich wird die Architektur dadurch reicher werden.
Nehmen wir das Cradle-to-Cradle-Prinzip, nach dem alles nach seiner Verwendung einer neuen Nutzung zugeführt werden sollte. Auch dies führt dazu, dass die Anzahl der verschiedenen Materialien und Gewerke reduziert wird beim Bauen, dass u. a. alle Elemente eines Gebäudes mehr als nur einem Zweck dienen sollen, der Beton also auch thermische Masse sein soll. Das bietet ganz neue gestalterische Möglichkeiten: Es gibt keine abgehängten Decken mehr, damit weniger Plastik, weniger Materialien. Es gibt weniger Trennwände, dafür kommunikativere Büros. Ich schätze, dass wir in unseren Gebäuden schon heute ein Drittel der Gewerke rausgeschmissen haben.
Die Anforderungen an die übrigen Gewerke werden natürlich anspruchsvoller: Beim John and Frances Angelos Law Center in Baltimore haben wir Betondecken mit integrierter Elektrik und Bauteilaktivierung verbaut. Das ist ein hochkomplexes technisches Gewerk geworden – und längst nicht mehr der dumme Beton. Die thermische Masse ist aktiviert, wodurch abgehängte Decken, Lüftungsmaschinen und Kühlwerke wegfallen, also alles, was uns die Architektur doch nur erschwert hat. Es ist ein Befreiungsschlag, wenn wir die neuen Techniken richtig anwenden. Das ganze Gebäude ist übrigens nur LED-beleuchtet – und selbst die Aktoren der LED-Leuchten sind in den Beton integriert. Das ist natürlich die Stärke des Betons.

Wir führen die Diskussion über das nachhaltige Bauen zu verkürzt?
Weil diese Diskussion meist beim Passivhaus endet. Das ist die politisch gewünschte und kurzsichtig verordnete Lösung. Das Passivhaus ist Blödsinn. Aber das liegt auch an der Schwäche der Architekten und des Baugewerbes, die nun einmal Traditionalisten und auf schlichte Lösungen fixiert sind. Durch die Vielfalt der Gewerke und Disziplinen haben wir manchmal schon einen anstrengenden Beruf. Da ist es gut, wenn wir uns auf das Gegebene, auf unsere Erfahrungen verlassen können. Wir in unserem Büro finden das jedoch langweilig. Für uns besteht die Motivation darin, morgens aufzustehen, ins Büro zu gehen und uns zu fragen, was wir Neues entdecken können.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Stefan Behnisch, geboren 1957 in Stuttgart, studierte Philosophie an der Philosophischen Hochschule der Jesuiten in München, Volkswirtschaft an der LMU in München und Architektur an der Universität Karlsruhe. Nach dem Diplom trat er 1987 in das Büro seines Vaters, Behnisch & Partner, ein und gründete 1989 das Zweigbüro Innenstadt, das 1991 unabhängig wurde und nach wechselnden Namen seit 2005 als Behnisch Architekten firmiert. Stefan Behnisch ist Mitglied im BDA, RIBA (GB), AIA (USA) sowie Honorary Fellow des AIA. Er lehrte an zahlreichen internationalen Universitäten, u.a. an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne.

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