betonprisma 87: Glaube

"Sakral ist, was den Menschen höher hebt."

Gottfried Böhm über Sakralbauten

Gottfried Böhm im Gespräch mit betonprisma. Foto: Sanna Nübold.

Die Architekten der Familie Böhm haben den Sakralbau in Deutschland maßgeblich geprägt. Gottfried Böhm setzte Zeichen. Wir wollten erfahren, was er über Glaube, Glauben und sakrale Bauten denkt – und besuchten ihn zum Interview im Haus seines Vaters in Köln.


Herr Professor Böhm, die Kapelle für „Madonna in den Trümmern“ in Köln war 1947 Ihr erster Auftrag als Architekt. Wie kam es dazu?
Das kam über den Vater zustande, der ja ein bekannter Architekt war – gerade im Kirchenbau. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich denke, dass Oberpfarrer Geller von Kolumba sich zuerst an den Vater gewandt hatte, zu dem er ein relativ freundschaftliches Verhältnis hatte. Der Vater wollte damals, dass ich etwas mehr machen kann, und hat mich dann empfohlen.

„Madonna in den Trümmern“ war damit der Auftakt zu den siebzig Kirchen, die Sie gebaut haben.
Für mich war es der Auftakt. Ich habe viel mit dem Vater zusammen gearbeitet:  Restaurierungen, aber auch Neubauten. Und er hat mich natürlich gefördert. Er war ein besonderer Mann, auch in der Hinsicht, wie er mich gefördert hat. Ich hoffe, dass ich auch so bin.

Sie hatten zunächst eine Bildhauerausbildung absolviert.
Ich wurde zunächst Bildhauer und fing erst später mit der Architektur an. Ich dachte damals: „Das schaffst du nie, wie der Vater, dann mach lieber Bildhauer.“ Der Vater hat das mitgetragen – obwohl er gerne wollte, dass auch ich Architekt werde. So hat er mir eine  Stelle bei einem Professor in München empfohlen – mit der Bemerkung, dass diese Stelle ganz in der Nähe der Architektur-Fakultät läge, in die ich gerne auch einmal hineinschauen könne. Das tat ich dann – und so kam ich zur Architektur.

Setzt das erfolgreiche Bauen von Sakralbauten voraus, dass man selbst ein gläubiger Mensch ist?

Das mit dem Glauben ist bekanntlich eine schwierige Geschichte. Wer glaubt denn schon alles? Glaube ist immer Interpretation aus einem gesamtkulturellen Kontext heraus. Ich denke, „Glauben“ heißt etwas mögen, etwas lieben. Da spielt natürlich die Kultur, die Historie eine Rolle. Man müsste eigentlich sowieso vieles neu und mutig interpretieren. Eben das  haben wir im Kirchenbau versucht: zu interpretieren und fortzusetzen – nicht umzuwerfen und keine Revolution, sondern Entwicklung. In den Jahrhunderten ist immer neu interpretiert worden. Der Unterschied zwischen der Geborgenheit der Romanik und dem Offen-Sein-
Wollen der Gotik: das sind doch die Interpretationen.

Spiegeln sich Ihre persönlichen Entwicklungen in Ihrem „Erschaffen“ von sakralen Räumen wider?
Wahrscheinlich ja! Meine Kirchen sind schon verschieden – aber ich hoffe, dass dennoch überall ein roter Faden, eine Handschrift zu erkennen ist. Natürlich gab es zahlreiche Einflüsse: ich habe ein halbes Jahr in Amerika gearbeitet, den Mies und den Gropius kennengelernt, selber gesprochen. Das hatte natürlich Einfluss. Meine Familie hatte Einfluss. Nehmen Sie die Kirche in Schildgen: Da hatte mein ältester Sohn zugeschaut, wie ich arbeitete und wollte auch eine Kirche bauen. Er fertigte eine mit lauter Türmen. Und daraus ist dann wahrscheinlich für mich Schildgen geworden.

Die Handschrift – ist das bei Ihren Bauten das, was wir „sakralen Raum“ nennen?
Was ist sakral? Bei der Einweihung des Züblin-Baus fragte mich eine Journalistin, wie es  komme, dass das alles so ein wenig sakral wirke. Ich fand es sehr schön, dass diese Dame das so sah. Dieser Raum hier vom Vater, in dem wir sitzen, auch dieser Tisch – beide haben auch etwas Sakrales: etwas, das einen höher hebt, ein wenig in eine höhere Ebene bringt. Man kann nicht ausdrücken, was genau das hier ist. Es ist etwas, was einen ein wenig aus dem allzu Menschlichen, Notwendigen heraushebt, in eine andere Atmosphäre stellt. Natürlich möchte man das bei einer Kirche in einer besonderen Weise haben, denn da möchte man ja besonders aus dem Alltag herausgehoben werden, möchte die Nähe des Anderen ein wenig spüren oder sehen. Das kann sich auch im profanen Bereich ein wenig widerspiegeln.

Welche der von Ihnen gebauten Kirchen ist Ihnen am wichtigsten?
Das kann man schwer sagen. Neviges ist mir natürlich sehr wichtig. Ich mag aber auch sehr gerne die Kirche Christi Auferstehung in Köln-Melaten.

Bleiben wir bei der Wallfahrtskirche in Neviges. Es wird gesagt, dass Kardinal Frings, der ehemalige Kölner Erzbischof, dabei stark mitgesprochen habe. War das so?
Es gab einen Wettbewerb und ich belegte den zweiten oder dritten Preis. Und Kardinal Frings hatte – da er fast nichts mehr sehen konnte – die Modelle abgetastet, und gemeint, man solle doch noch einmal einen zweiten Wettbewerb durchführen. Dadurch habe ich dann den Auftrag bekommen. Aber anschließend hat er sich nicht mehr in den Prozess eingeschaltet.

Ihre Skizzen und Zeichnungen zu Neviges sind mit Kohle und Bleistift gearbeitet. Wie nähern Sie sich dem Raum?
Ich habe viel mit Plastilin gearbeitet. Denn ich konnte mir immer, wenn ich einen Entwurf von außen modelliert habe, den Raum ein wenig besser vorstellen. Das war für mich sehr hilfreich. Das betrifft nicht nur den eigentlichen Körper-Raum, sondern auch den Umfeld-Raum. Die  Zusammenhänge des Vorhandenen. Man kann das zwar auch zeichnerisch dar stellen, aber durch die plastische Arbeit sieht man die Dinge doch ein wenig anders.

Beton spielt bei vielen Ihrer Projekte eine prägende Rolle.
Ich habe Beton immer gerne verwendet und tue das auch heute noch. Weil Beton ein  Material ist, mit dem man ganz außergewöhnliche, neue Raumarten, plastische Räume bilden kann. Wo es sinnvoll ist, dass Mauer und Decke ein Gemeinsames bilden – was ja bei einem klassischen Gewölbe auch der Fall ist.  Bei der Arbeit meines Vaters hatten mich immer die mit Betonrabbitz gearbeiteten Gewölbe interessiert. Er hatte Netze gespannt und diese dann so  mit Beton beschichtet, dass sie quasi-tragend waren. Diese Technik hat mich dann dazu inspiriert, darüber nachzudenken, wie man das weiterentwickeln könnte. Aus diesen  Überlegungen sind die vielen Arbeiten mit den Hängekonstruktionen und -decken entstanden. Die erste größere dieser Konstruktionen haben wir übrigens in der Kapelle der „Madonna in den Trümmern“ eingesetzt, anschließend in der Kirche Drei-Könige in Neuss in großem Maßstab, und später – als richtige Hängedecken mit Seilen – in Velbert und Essen. Anschließend hatte ich dann für die Kasseler Kirche zuerst einen Träger gebaut, an den sich zwei Platten gegeneinander abstützen und der in der gesamten Längsrichtung die ganze Decke trägt. Nach diesem Projekt hatte ich mir überlegt, dass man darauf aufbauend auch etwas Gemeinsames mit den Wänden machen könnte – daraus sind dann Neviges und St. Gertrud entstanden. Das hat sich sozusagen aus dem konstruktiven – man könnte auch sagen plastischen – Bauen heraus entwickelt.

Das hört sich sehr experimentierfreudig an! Denken Sie, dass auch in Zukunft viel mit dem Material experimentiert werden kann?
Sicher! Man geht heute mit dem Material Beton anders um als früher. Der gesamte Geist im Bauen hat sich dahingehend entwickelt, dass man alles perfekter machen möchte. Denken Sie an die im Werk produzierten Betondecken, die sauber und glatt gearbeitet sind. Oder denken Sie an die Arbeiten von Tadao Ando, seine Betonwände, die an Ort und Stelle entstehen – und die einfach imposant sind. Das hat nicht mehr „das Gewachsene“ eines Steins, den Charakter eines Natursteins – obwohl auch hier der Beton an Ort und Stelle gerüttelt wird. Aber: ich verstehe auch dieses „Perfekt-sein-Wollen“ – und natürlich hat auch das eine Qualität.

Wird sich dieses Bestreben nach perfekten Oberflächen in Zukunft auch wieder ändern?
Natürlich will man immer ein wenig besser, ordentlicher und sauberer arbeiten. Das ist aber keine Bewertung, sondern einfach eine andere Auffassung. Meine Bauten kommen mir heute vielfach so vor, als ob man die Mühe des Herstellens unbedingt zeigen wollte. Dieses  Bedürfnis habe ich heute nicht mehr so sehr. Aber das „Gewachsene“ möchte ich auch heute erkennen können.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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