betonprisma 99: Wahrnehmung

Wahrnehmung von Architektur

Einige Hinweise

Wohngebäude in Dafins von Marte.Marte Architekten, Weiler. Foto: Anne Gabriel-Jürgens

Historiker, Archäologen, Kunsthistoriker, Bauhistoriker und manchmal sogar Philosophen können, wenn sie in Hochform sind, durch die Interpretation von alten Gebäuden uns auch etwas über die Mentalität unserer Vorfahren sagen. Aber wie nehmen wir historisches und aktuelles Bauen, Gebäude, in denen wir leben und arbeiten, wahr?
von Martin Thoemmes

Was ist und wie geht Wahrnehmung? Der Mensch nimmt wahr, schon bevor er gehen kann, so im mütterlichen Uterus, der ersten Wohnung des Menschen, die Stimme der Mutter oder auch Stimmen und Musik von außen. So wird er schon „eingestimmt“ auf das postuterale Leben. Für den Säugling und das Kleinkind bedeutet das Wahrnehmen so etwas wie Welteroberung. Wahrnehmung: In diesem Begriff steckt das Wort „wahr“. Für Thomas von Aquin (1225-1274) z. B. herrscht Wahrheit, wenn der menschliche Verstand und die Sache übereinstimmen. Etwas wahrnehmen bedeutet: etwas für wahr nehmen und für wahr halten – was aber nicht die Wahrheit selber sein muss.

Weisen der Wahrnehmung

Und wenn wir nun nach der Wahrnehmung von Architektur fragen, müssen wir zwei Formen der Wahrnehmung unterscheiden: Die Wahrnehmung als Perzeption und als Apperzeption. Im geläufigen Sinne ist die Perzeption jenes, was wir wahrnehmen, ohne zu reflektieren, was beiläufig, fast oder ganz unbewusst und ungezielt wahrgenommen wird. Johann Gottfried Herder (1744-1803) beispielsweise meinte feststellen zu können, dass die Tiere ihre Umwelt nur perzipieren könnten. Apperzeption hingegen ist das bewusste, reflektierende Wahrnehmen. Wahrnehmung von Architektur wäre dann also beispielsweise das bewusste Besichtigen antiker, mittelalterlicher oder moderner Gebäude: Tempel, Kirchen, Paläste, Häuser; oder ganzer Städte und Stadtteile.

Aber: das Wahrnehmen von Architektur geschieht noch auf ganz andere Weise. Wir nehmen Architektur nicht nur als Touristen in fremden Städten und Ländern oder als interessierte Kulturbürger unseres Heimatortes, sondern auch als Wohnende wahr. Die Wahrnehmung von Architektur unterscheidet sich grundsätzlich von der Wahrnehmung anderer ästhetischer Phänomene wie bildender Kunst oder Musik. Diese können wir uns in der Regel aussuchen. (Wir sehen einmal ab von der akustischen Umweltplage der musikalischen Dauerberieselung in Lokalen oder Kaufhäusern.) Architektur ist unser Schicksal, weil wir in ihr leben.

Wohnen als Wahrnehmung

Wir nehmen Architektur im täglichen Lebensvollzug wahr. Und dieses Wahrnehmen führt nicht nur zu ästhetischen Reizen, sondern auch in die Polarität von Zwang und Freiheit. Architektur zieht erst einmal Grenzen durch Mauern und Wände, womit sie gleichwohl auch schützt. Aber sie gewährt die Freiheit der Türen, die Durchblicke auf kleine und große „Fluchten“, Tore und Fenster, die uns auf Nachbararchitekturen und die Natur blicken lassen. Nicht nur diesen Gedanken verdanken wir den wichtigen Anregungen des Buches von Wolfgang Meisenheimer „Das Denken des Leibes und der architektonische Raum“.

Die Wahrnehmung der Architektur, in der wir leben und arbeiten – Wohnung und Haus, Arbeitsplatz, städtische oder dörfliche Umgebung – ist uns zuweilen schon so gewöhnt, dass wir sie im obigen Sinne nur noch perzipieren. Oder wir apperzipieren sie, freuen uns oder regen uns auf. Das eine kann zu einem Wohlgefühl, das andere zu pathologischen Verstimmungen führen. Meisenheimer geht so weit, dass er sowohl die Klaustrophobie wie auch die Agoraphobie als „architektonische Krankheiten“ bezeichnet. Kleine Räume können als gemütlich oder als beengend wahrgenommen werden, große Räume als prachtvoll oder einschüchternd. Wenn Bauherren und Architekten im Geiste gestalten, dann prägen sie jedenfalls die Gefühle, die Bewegungen, die Freiheiten und die Freiheitsentzüge künftiger Bewohner mit. Der Philosoph Gernot Böhme stellt fest, dass Architekten kompetent und verantwortlich seien für künftige Atmosphären in gestalteten Räumen. Sie wirken mit an der Praxis guten Lebens. So versammelt sich in gelungener Architektur das Ethische und das Ästhetische.

Martin Thoemmes ist freier Journalist und Autor. Er lebt in Ostholstein.

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