betonprisma 93: Wünsche

Transformationen

Eine Fassade aus in Beton gegossener Noppenfolie

Die Kunsthalle bei Nacht. Durch die Beleuchtung sind nur noch die vorderen Noppenringe sichtbar. Die Transformation ist komplett. Foto: Roger Frei
Foto: Baierbischofberger Architects
Wiederverwendbare Gummimatrizen für die Schalung und die Gebäudeecken. Foto: Baierbischofberger Architects

Mit der plastischen „Noppenhalle“ realisierten junge Schweizer Architekten am Zürichsee ihr erstes größeres Projekt. Ein Schweizer Kunsthändler und Sammler lässt auf einem ehemaligen Industrieareal nach und nach leer stehende Produktionshallen für den Ausstellungsbetrieb umbauen. Aus baurechtlichen Gründen werden die Volumen nicht ersetzt, sondern neu definiert. Wir sprachen mit dem Architekten Florian Baier von Baier bischofberger Architects.

Sie haben eine alte Halle als Betonstruktur neu erfunden und dafür eine Oberfläche in Form einer in Beton gegossenen Noppenfolie entwikkelt. Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Die alte Halle mit den beiden großen Sheddächern eignete sich besonders für die Präsentation der Sammlung. So schufen wir im Rahmen der bestehenden Kubatur eine komplett neue Hülle. Begriffe wie Solidität und Schwere spielten von Anfang an eine Rolle: In den Räumen sollen die Kunstwerke – von Andy Warhol bis Jean-Michel Basquiat – gut geschützt sein. Der Einsatz von Beton schafft einen energetisch trägen Bau, ohne schnellen Wechsel des Raumklimas, also optimal für die Aufbewahrung von Kunst. Beton ist aber auch ein formbares Material mit skulpturalem Potential. So entwickelten wir eine vorfabrizierte Betonhülle, die einer versteinerten Bläschenfolie ähnelt.

Eine solide Verpackung für die Kunst. Welche Ihrer Wünsche und Ideen soll die Fassade des Kunstlagers ausdrücken?
Architektur ist für uns ein Medium, das Geschichten erzählt. Wie kann man ausdrücken, was die Halle macht? Wie lässt sich das Einpacken und Verwahren von delikaten Kunstgegenständen in ein Bild bringen? Also suchten wir eine Form, die dem harten Material eine weiche Erscheinung gibt. Die Noppen werden als Türstopper, Puffer oder eben als Bläschenfolie erkannt. Wichtig waren uns Maßstab und textile Anmutung. Die Noppen sind mit einem Durchmesser von sechzehn Zentimetern jeweils etwa so groß wie Untertassen. Auffällig, dass sie wie Handschmeichler gerne angefasst werden. Von Weitem wirkt die Fassade abstrakt, wie ein Raster; von Nahem wird sie zu etwas Objekthaftem. Dieser Wandel vom Ganzen zum Einzelnen, die Veränderung der Wirkung, entspricht unserer Arbeit. Bei Nacht, wenn durch die Beleuchtung nur noch die vorderen Noppenringe sichtbar sind, ist die Transformation komplett.

Wie kann man sich die Herstellung der Betonelemente vorstellen?
Die Elementgrößen beziehen sich auf das vier Meter große Raster der Stahlstruktur. 420 Noppen hat eine Gummimatrize, die allein schon eine Tonne wiegt, allerdings bis zu vierzig Mal eingesetzt werden kann. Die einzelne Noppe ist als Rotationskörper konstruiert. Zuerst gab es Positivabgüsse, mit denen die Schalung gefertigt wurde. Für die Rezeptur der Außenwand wählten wir selbstverdichtenden Beton. Die Noppen sind so ausgelegt, dass sie keine Bewehrung brauchen, dahinter ist die bewehrte Betonplatte noch 12 Zentimeter dick. Die Halle misst 48 x 18 Meter, bei einer Höhe von 8 Metern. Die homogene Erscheinung der Fassadenstruktur erforderte also ein hohes Maß an Präzision. Technische Hürde war das Ausschalen der Fertigteile mittels eines Trennmittels, denn in der Gummischalung wirkten die Noppen wie Saugnäpfe. Schließlich wurde auch der Traufabschluss aus Beton ausgeführt, was zur monolithischen Erscheinung beiträgt.

Ist die Halle nicht selbst Kunstobjekt? Mit welchen Kunstgriffen lässt sich eine derart strukturierte Außenhaut realisieren?
Die Hülle tritt unserer Meinung nach nicht in Konkurrenz zur Kunst. Mit der expressiven, ornamentalen Fassade bleiben wir auf Seiten der Architektur. Da wir keine Kiste wollten, ist die massive Haut wie ein Gewebe um die Halle gespannt. An den Ecken gibt es keinen Gehrungsschnitt. Doch Noppen visuell gleichförmig um die Ecke zu ziehen ist kompliziert. Die geometrischen Probleme der Verzerrung konnten wir mit Schnitten in die Gummimatrize lösen, diese lässt sich dann biegen. Das war zwar manueller Aufwand, aber nur an den acht Eckelementen. Auch das Fugenbild ist speziell. Wir wollten keine halbierten Noppen. Bei Horizontalfugen ist das Aneinanderfügen einfach. An den vertikalen Stößen haben wir hexagonale Kanten geplant, das heißt, die Fuge wandert um die Noppen herum.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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