betonprisma 99: Wahrnehmung

Auf der Suche nach dem richtigen Material

Eine Enzyklopädie der Materialien

Leicht, kratzfest, nichtbrennbar, weiß und günstig sollte es beispielsweise sein: Materialsuche im Raumprobe-Showroom in Stuttgart. Foto: Raumprobe
Foto: Raumprobe
Die von Raumprobe konzipierte Sonderschau „Schwergewichte“ zeigt Beton in all seinen Facetten. Foto: Raumprobe

Materialien prägen die Atmosphäre von Räumen und Gebäuden, sie wirken auf unser physisches und psychisches Wohlbefinden und beeinflussen maßgeblich unsere Wahrnehmung. Bei der oft schwierigen Suche nach dem perfekten Material hilft die Agentur Raumprobe in Stuttgart: Sie führt Architekten in den Dschungel der Möglichkeiten ein – und wieder heraus.
von Mirjam Thomann

„Was gibt es Neues?“ fragen viele Kunden beim Betreten der Materialausstellung. Sie suchen nach passenden Lösungen für die Umsetzung einer Entwurfsidee, nach Inspiration oder schlicht nach dem Neuen um seiner Neuheit wegen. Bei Raumprobe finden sie zehntausende von Materialmustern, einheitlich und herstellerneutral auf etwa A4-großen Tafeln aufgebracht und in langen Regalen thematisch sortiert.

2005 durch den Innenarchitekten Hannes Bäuerle und den Architekten Joachim Stumpp zunächst als „Materialothek“ für professionelle Planer gegründet, bietet das Unternehmen heute neben dem Showroom mit über 500 m² Ausstellungs-fläche auch eine Online-Datenbank mit präzise steuerbaren Suchfiltern. Über 10.000 angemeldete Architektur- und Innenarchitekturbüros nutzen dieses Angebot heute; mit vielen führenden Büros und Herstellern steht die Agentur in intensivem Austausch.

Inspiration für diejenigen, die gar nicht wissen, was sie suchen

Oft ist es nur ein kleines Zeitfenster innerhalb des Planungsprozesses, in dem Materialentscheidungen getroffen werden. Relevante Fachmessen liegen dann meist zeitlich oder räumlich in weiter Ferne, die Kollegen sind beschäftigt, Recherchen auf eigene Faust zeitaufwändig und lückenhaft, die büroeigene Materialsammlung mehr schlecht als recht sortiert und wenig inspirierend, Kataloge veraltet. Hier kommt Raumprobe ins Spiel: „Wir sind Inspirationsquelle, suchen und zeigen die für den gebauten Raum und jede seiner denkbaren spezifischen Anforderungen verfügbaren Materialien, werten Trends aus und beraten“, beschreibt Hannes Bäuerle seine Aufgabe.

Er beobachtet in der Ausstellung zwei Nutzertypen: Die einen – etwa die Hälfte – kommen mit konkreten, meist technischen Fragestellungen. Es geht um funktionale Anforderungen an das gesuchte Material: leicht, kratzfest, nichtbrennbar, weiß und günstig soll es beispielsweise sein – oder schallabsorbierend, weich und zum Auto des Bauherrn passend. Für diese Art der Suche sind die Materialien nach Klassen wie Kunststoff oder Textil sowie Themenbereichen wie Bodenbeläge oder Smart Materials sortiert. Hinter den in vorderster Ebene sichtbaren Materialtafeln verbergen sich meist Varianten, oft ganze Kollektionen mit verschiedenen Stärken, Farben oder Oberflächen. Jede Materialtafel ist mit einem Code versehen, über den der Nutzer zu einem Datenblatt gelangt und den jeweiligen Hersteller kontaktieren kann. So lassen sich auch eigene Muster bestellen.

Andere Kunden nutzen die Ausstellung hauptsächlich als Inspirationsquelle und stellen für die Macher von Raumprobe eine ganz besondere Herausforderung dar, denn sie wissen gar nicht, wonach sie suchen: Wirklich entdecken kann man nur, was man zuvor nicht kannte. Flohmarkt-Fans kennen diesen Effekt, er ist oft mit stundenlangem, scheinbar ziellosem Stöbern verbunden. Um diese „inspirative Suche“ zu unterstützen, setzt die Ausstellung zum einen auf Selektion – sorgfältige Vorauswahl und Fokussierung statt Masse – und zum zweiten auf die gute Sichtbarkeit der Materialien; sie sollen dem Besucher unaufgefordert „ins Auge springen“ – wenn auch nicht so rabiat, wie es der Wortsinn verbildlicht. Zum dritten lassen thematische Selektionen wie z. B. Leichtbau, Ökologie oder Schwarz-Weiß neue Assoziationen entstehen und räumen auch dem Zufall eine Chance ein.

Auch die Möglichkeiten der Recherche über die Online-Datenbank wurden auf den Inspiration suchenden Nutzer angepasst. Komplexe Suchfilter ermöglichen ein zielgerichtetes Vorgehen, die über eine weit gefasste Verschlagwortung generierten Ergebnisse aber beinhalten bewusst auch „Streufaktoren“ – für das jeweilige Suchthema untypische Materialien. Gleichzeitig ist Raumprobe als Material-Scout stetig auf der Suche nach neuen Materialien – nicht nur von etablierten Herstellern der Baubranche, sondern auch von Firmen, die an eine Anwendung ihres Produkts im Baubereich gar nicht denken. So sollen Planer mit Materialien bzw. Herstellern zusammengebracht werden, die sich gegenseitig weder kannten noch suchten – eine gute Konstellation um Neues, Innovatives entstehen zu lassen. Denn neue oder neu entdeckte Materialien befördern nicht nur die Individualität, manchmal Einzigartigkeit von Räumen und Gebäuden, sie sind auch oft Grundlage oder Antrieb für neue Konstruktionsweisen, letztlich eine neue Art Architektur zu gestalten.

Kreativität durch eigene Sinneswahrnehmung

Vor diesem Hintergrund drängt sich eine Frage auf, die sowohl für die Arbeit von Raumprobe als auch das Thema Wahrnehmung selbst von zentraler Bedeutung ist: Welche Rolle spielt das physische Wahrnehmen der Materialien für den Entwurfsprozess und die Arbeit des Architekten? Für viele bildende Künstler sind die eigenen Sinne im Laufe des Schaffensprozesses die wichtigsten Arbeitsinstrumente. Am Anfang steht ein Gedanke, eine Idee. Die tatsächliche Wirkung aber wird während des physischen Entstehungsprozesses – des Auftragens von Farbe, des Formens von Ton – immer wieder durch die eigene Wahrnehmung überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Architekten hingegen formulieren und überprüfen ihre Ideen im Kopf, auf dem Papier oder mit dem Computer. Die Wirkung struktureller oder räumlicher Zusammenhänge wird anhand von maßstäblich und materiell abstrahierten Modellen getestet. Engagierte Bauherren großer Projekte beauftragen hin und wieder ein Fassaden-Mock-Up. Wie aber simuliert und überprüft man eine erdachte Atmosphäre, das Zusammenwirken verschiedener Materialien?

Hier bietet die Materialausstellung von Raumprobe Hilfestellung: Geplante Materialien können physisch „erfahren“ werden, gleichzeitig kann man sich zur Inspiration von der eigenen sinnlichen Wahrnehmung zu möglichen Alternativen leiten lassen; vielleicht springt ein Sinn an – durch einen bestimmten Geruch, eine Oberflächenstruktur – und stellt eine gedankliche Querverbindungen und damit neue Ideen her. Die Stimulation der eigenen Sinne befördert den kreativen Schaffensprozess. Diese Annahme ist schon verankert in der antiken Vorstellung, dass Ideen sich nicht von selbst entwickeln, sondern dem Künstler von Musen als Inspirationsquelle von außen eingegeben werden.

Ein schwergewichtiger Trend: Beton

Wenn auch nicht als Muse, so sieht sich Hannes Bäuerle doch als Berater und enger Partner vieler Architekten, die seit Jahren zu Raumprobe kommen und Rat und Material suchen. So bündeln sich hier die Materialfragen und -wünsche des ganzen Berufsstandes, was ihn zu einem Experten sowohl für zukünftige Trends wie auch die aktuellen Grenzen der materiellen Möglichkeiten macht. Zum Thema Beton weiß er zu berichten, dass vielen Planern die neuen Möglichkeiten des Baustoffs, angefangen bei besonderen Oberflächenqualitäten über geringe Materialstärken oder Lichtdurchlässigkeit bis hin zum Gestaltungsspielraum durch CNC-gefräste Matrizen, noch nicht im Detail bekannt sind. Daher gehöre Beton zu den Materialien, deren Muster von vermeintlichen Standard-anwendungen in der Ausstellung noch große Aha-Effekte auslösen und die auf diesem Weg von vielen Kunden neu entdeckt würden. Dies gab für Raumprobe den Anstoß zur Entwicklung der Sonderschau „Schwergewichte“ zum Thema Beton, die bereits in mehreren Städten auf Fachmessen zu sehen war. Die Ausstellung ist geclustert in verschiedene Fokusthemen wie z. B. Produktdesign, Oberfläche, Zuschläge, Gewicht, optische Gestaltung und Neuentwicklungen, und hat noch keinen Betonexperten ohne neue Entdeckung ziehen lassen.

Neben dem nach wie vor wichtigen Bereich Betonböden bzw. dünne, großflächig fugenlos verlegbare zementöse Estriche sei das monolithische bzw. einschalige Bauen mit Dämmbeton ein gefragtes Thema. Einen weiteren Trend sieht Hannes Bäuerle bei Betonanwendungen im Designbereich sowie Betonimitationen bzw. dem Wunsch nach Betonoptik an Orten, an denen Beton selbst aus praktischen Gründen nicht einsetzbar ist, beispielsweise in Shops. So fragwürdig dieser Trend im Bezug auf die Materialehrlichkeit ist, so zeigt er doch das große Interesse an sichtbarem Beton besonders auch im Innenraum. Die Wahrnehmung des Baustoffs hat sich gewandelt und weitgehend von Assoziationen negativ belegter Architekturen des letzten Jahrhunderts gelöst. Besonders spannend wird es daher für Hannes Bäuerle, wenn mit den alten Vorurteilen gespielt und Beton auf eine vom Nutzer unerwartete Weise eingesetzt wird: Als leicht, weich, farbig, warm oder textil wahrgenommen, ruft der Baustoff den in der Ausstellung so häufig zu beobachtenden Aha-Effekt auch auf der Straße hervor.


Mirjam Thomann ist Autorin und Beraterin für Architekturkommunikation. Sie lebt in Berlin.

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