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REDAKTIONSBLOG | 26.08.2015 VON Franziska Schöning | 0 Kommentare

Spitzenwein aus dem Klosterkeller: Die UNTERwegs-Kellertour 2015

Wenn man erstmals die elegante Parkanlage betritt und zunächst nur die jahrhundertealten Klostermauern sieht, ahnt man noch nicht, dass hier in 14 Meter Tiefe einige der besten Weine Deutschlands hergestellt und gelagert werden. Dabei hat die Kelterei im Kloster Eberbach lange
Tradition. Die ehemalige Zisterzienserabtei im Rheingau ist nicht nur Kulturerbe, sondern auch eine historisch glaubwürdige Marke, die aber immer authentisch geblieben ist.

 

 

Eberbach ist zudem Vorreiter, was architektonische Moderne bei deutschen Weingütern betrifft. Aber nicht nur über der Erde wurden Modernisierungen mithilfe von Sichtbeton, Stahl und Glas vorgenommen; auch im Klosterkeller trifft neueste Technik auf frische Architektur. Nach fast 900 Jahren wird das aber auch Zeit. „Beton“ heißt das Zauberwort. Nicht nur die Vinothek oder einzelne Teile des Kellers sind mit dem Allround-Talent unter den Baumaterialien ausgestattet. 14 Meter unter dem Kloster ist alles aus Beton, Naturstein und Holz. Klare Formen dominieren hier.

 

 

Neben den ästhetischen Ansprüchen genügt der Keller ebenfalls den Anforderungen, die die Herstellung des hessischen Spitzenweins verlangt. In der Kellerei sind Traubenanlieferung, Pressen und Gärtanks von oben nach unten installiert, um die Qualität des Mosts nicht zu beeinträchtigen, der so nicht gepumpt, sondern mithilfe der Schwerkraft verarbeitet wird. Die Tanks können je nach Bedarf geheizt oder gekühlt werden, also je nachdem, wie die Hefen arbeiten. Auch ein raffinierter Lichtschacht wurde konstruiert, damit die Mitarbeiter hier unten Tageslicht bekommen. Neben der brandneuen Anlage, in der jährlich etwa 1,4 Milliarden Kilogramm Trauben verarbeitet werden können, wird hier auch Wein in bis zu 70 Jahre alten Holzfässern aufbewahrt.

 

 

Trotz modernster Kelterei sind sich die Winzer von Eberbach aber des Erbes bewusst, das sie übernommen haben. Winzermeister Stefan Seyffardt, Oenologe Ralf Bengel und Geschäftsführer Dieter Greiner und ihre Mitarbeiter pflegen das Vermächtnis der Zisterziensermönche, die um 1136 begannen, hier ihre Reben zu kultivieren.

 

 

Seither hat sich einiges geändert, vor allem in der Herstellungsweise und der Zusammensetzung des Weins, nie jedoch im Bestreben nach höchster Qualität. Nicht umsonst ist das Kloster das größte und führende deutsche Weingut. Auf dem Weg dorthin befand sich das ehemalige Zisterzienserkloster nicht nur im Besitz der Mönche, sondern fiel unter Napoleon dem Herzog von Nassau zu, wurde 1866 an Preußen überschrieben und gehört seit den 1940er Jahren dem Land Hessen.

 

 

Heute erinnern ca. 1,9 Millionen Flaschen Wein und Sekt an das Erbe der Zisterzienserabtei. Auf mehr als 200 Hektar werden von der Aufzucht der Reben bis zur Abfüllung alle Arbeiten selbst von den Winzern und ihren Mitarbeitern erledigt. Denn trotz Industrialisierung und Automatisierung bleibt der Weinbau ein handarbeitsintensives Geschäft.

 

 

Bis zur Traubenernte geht man 13 Mal um den Stock herum“, zitiert Önologe Ralf Bengel ein altes Winzersprichwort. Die Zahl der Arbeitsstunden summiert sich pro Hektar auf etwa 200, in den steileren Lagen sind es sogar bis zu 1000 – inklusive Schneiden, Gärten, Stämme anbinden, Heften und Laub schneiden. Der Weinanbau in diesen Lagen gestaltet sich zwar schwieriger, ist die Mühe aber mehr als wert, so Bengel. Der Wein von den Hängen hat eine ganz besondere Güte, für die Kunden auch bereit sind, mehr zu zahlen. Bei der jährlichen Versteigerung der selteneren Flaschen erzielen diese nicht selten fünfstellige Beträge.

 

 

Die Standzeit der Reben beträgt etwa 30 bis 40 Jahre, Tendenz steigend. Dadurch nehmen zwar die Erträge ab, aber die Qualität steigt. Das heißt, die Winzer müssen jetzt schon für die nächste Generation mitplanen. Einige der Flächen werden seit 850 Jahren ununterbrochen bewirtschaftet. Vor allem angesichts dieser Dauerkultur muss die Bewirtschaftung vergleichsweise behutsam erfolgen. So verzichten die Winzer zum Beispiel konsequent auf Insektizide und verwenden ausschließlich organische Düngemittel. Und das schmeckt man auch. Gefragt seien nach wie vor junge, frische, klare und fruchtige Weine, so Ralf Bengel. Man solle sich aber lieber auf seinen eigenen Geschmack verlassen statt auf Punktewertungen, meint er. Selbst, wenn die Weine aus Eberbach regelmäßig Spitzennoten erhalten. „Was soll ich als Verbraucher mit Punktwertungen anfangen? Wer hat den Wein probiert, und warum hat er 90 Punkte? Es gibt so viele Facetten von Wein, und jeder hat ein eigenes Geschmacksempfinden. Wie gut unser Wein ist, stellen wir am sichersten uber unseren Kunden und unsere Verkaufszahlen fest. Wenn wir im Weingut selbst merken, dass uns ein großer Jahrgang gelungen ist, schnellen die Absatzzahlen hoch.“ Er liebt seine Arbeit. Und bei dem traumhaften Panorama, das sich ihm währenddessen bietet, kann man schon mal neidisch werden. Allerdings bleibt nicht mehr so lange Zeit, den Ausblick ausgiebig zu genießen – denn schon bald beginnt die Weinlese wieder.

 

 

Wer mehr über schöne Keller aus Beton erfahren möchte, klickt am besten hier.

 

Die Bildrechte liegen beim Kloster Eberbach/Michael Palmen.